
Am 17. August wird Nusantara offiziell eingeweiht. Es gibt aber noch etliche Fragezeichen.Bild: keystone
Am Samstag wird Indonesiens neue Hauptstadt Nusantara offiziell eingeweiht. Doch es bleiben viele Fragen offen – und die Kritik ist hartnäckig. Alles, was du zum Mega-Projekt wissen willst.
16.08.2024, 20:2604.11.2024, 10:01
Eine Stadt aus der Retorte. Mitten im Dschungel.
Auf der Insel Borneo, die zu Teilen zu Malaysia, zu Brunei und zu Indonesien gehört, wird die neue indonesische Hauptstadt Nusantara aus dem Boden gestampft. Offiziell eingeweiht wird sie am Samstag am 17. August. Doch noch bleiben viele Fragen offen, die Kritik hält sich hartnäckig. Alles, was du zum Riesenprojekt wissen willst.
Warum wird Nusantara gebaut?
Unter dem Motto «lokal integriert, global verbunden, universell inspiriert» soll Nusantara zum neuen Zentrum Indonesiens werden. Der Bau der neuen Hauptstadt wird aus mehreren Gründen vorangetrieben, hat aber vor allem mit der prekären Lage der aktuellen Hauptstadt Jakarta zu tun. Die 10-Millionen-Metropole an der Nordwestküste der Insel Java kämpft seit Jahren mit Überbevölkerung und Umweltverschmutzung, Staus und Smog stehen an der Tagesordnung. Plus, und das ist der wichtigste Aspekt: Sie droht im Meer zu versinken. Denn grosse Teile Jakartas liegen unter dem Meeresspiegel und steht auf unsicherem Grund. Die Stadt wird von Wasserläufen durchzogen und sinkt Jahr für Jahr weiter ab. Das Problem wird durch die Klimakrise noch weiter angekurbelt, auch illegal gebohrte Brunnen verschärfen die Lage.
Aber nicht nur die geografische Lage ist ein Grund für den Bau Nusantaras, die Stadt ist auch ein Prestigeprojekt des scheidenden Präsidenten Joko Widodo. 2019 stellte der ehemalige Bürgermeister von Jakarta seine Vision vor: Zwei Millionen Menschen sollen einst dort leben, verteilt auf 2560 Quadratkilometer, in etwa so gross wie das Tessin. Kostenpunkt: rund 30 Milliarden Franken.

Nusantara ist Joko Widodos Prestigeprojekt.Bild: keystone
Wo soll Nusantara entstehen?
Nusantara, zu Deutsch Archipel oder äussere Insel, wird im Südosten der Insel Borneo mitten im Dschungel in der Provinz Kalimantan Timur gebaut. Gemäss Widodo wurde der Standort aufgrund der zentralen Lage und der Nähe zu weiteren urbanen Gebieten ausgewählt und soll die Einheit des viertbevölkerungsreichsten Landes der Welt betonen. Bisher lag die wirtschaftliche und politische Macht Indonesiens in Jakarta.
Im Südosten von Borneo entsteht die neue Hauptstadt Nusantara.
Wann ist das Projekt abgeschlossen?
Offiziell eingeweiht wird die Stadt am 17. August, dem Unabhängigkeitstag Indonesiens. Doch am Samstag wird noch nicht viel der geplanten Visionen in Tat umgesetzt sein. Vorläufig konzentrieren sich die Bauarbeiten, die 2022 begonnen haben, auf das Regierungsviertel, der Rest soll nach und nach dazukommen. 2045 soll die ganze Stadt fertiggestellt sein.
Ob die Umsetzung des Zeitplans realistisch ist, steht allerdings in den Sternen. Der Architekt der Stadt, Sibarani Sofian, sagte dem «Spiegel», dass es möglich sei, dass Nusantara am Schluss nicht mehr wird als «ein Ressort aus Regierungsgebäuden im Dschungel.»
Wie sieht Nusantara aus?
Sehr futuristisch. Sehr grün. Sehr ökologisch. Sehr nachhaltig. Die indonesische Regierung spart nicht mit Superlativen, das unterstreichen auch die bereits veröffentlichen 3-D-Modelle der Stadt:

Grün.Bild: screenshot ikn

Futuristisch.Bild: screenshot ikn

Ökologisch.Bild: screenshot ikn
Das Highlight der neuen Stadt ist der Präsidentenpalast, der aussieht wie ein Adler und der bereits eingeweiht wurde. Wasser, Elektrizität und Internet sollen bereits problemlos laufen, wie das Handelsblatt berichtet.

Hat die Form eines Adlers, der Regierungspalast in Nusantara.Bild: Shutterstock
Die Bauarbeiten der restlichen Teile der Stadt stecken momentan aber noch in Kinderschuhen – wenn überhaupt. Momentan sieht es dort, wo einmal zwei Millionen Menschen leben sollen, so aus:

Baustellen, so weit das Auge reicht.Bild: Shutterstock

Bis 2045 soll die ganze Stadt fertig gebaut sein.Bild: Shutterstock

Es gibt noch einiges zu tun.Bild: keystone
Was sind die Kritikpunkte?
Ein solch gigantisches Projekt bietet natürlich eine grosse Angriffsfläche für Kritikerinnen und Kritiker. Eine Übersicht über die wichtigsten Punkte:
- Nachhaltigkeit: Saubere Luft, nachhaltige Energieversorgung, Elektroverkehr. Die Pläne der Regierung sind ambitioniert. Doch Expertinnen und Experten sind sich über die Machbarkeit nicht einig. Die einen halten die Pläne für umsetzbar, andere sehen darin ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem monieren Kritiker, dass man auch einfach eine bestehende Stadt hätte ausbauen können, statt mitten im Urwald eine neue aus dem Boden zu stampfen. Ob sich die Mega-City in Sachen Nachhaltigkeit so wirklich umsetzen lässt, wird sich erst zeigen.
- Finanzierung: Rund 30 Milliarden Franken soll die neue Hauptstadt kosten. Doch nur etwa 20 Prozent davon kommen aus der Staatskasse, der Rest soll von privaten Investoren gestemmt werden. Medienberichten zufolge ist das Interesse bislang allerdings bescheiden. «Der Spiegel» berichtet, dass Länder wie Saudi-Arabien oder Singapur zwar interessiert seien, aber noch keine Verträge abgeschlossen haben. Momentan überragt bei den Anlegerinnen und Anlegern grundsätzlich noch die Unsicherheit, auch weil Widodos Amtszeit im Oktober ausläuft. Zwar will auch die neue Regierung unter Prabowo Subianto am Projekt festhalten, für die Umsetzung muss aber zuerst das Vertrauen der Investoren gewonnen werden. Steuervergünstigungen sollen das Interesse ankurbeln.
- Bauarbeiten und Realisierbarkeit: Medienberichten zufolge laufen die Bauarbeiten nicht gut. Zwar steht der Präsidentenpalast, doch sonst kommen die Arbeiten nur schleppend voran. Eigentlich wurden zum Festakt am 17. August mehr als 8000 Gäste eingeladen, von denen wurden aber bereits wieder 80 Prozent ausgeladen. Unterkünfte, Transportmöglichkeiten und Nahrungsmittelversorgung seien noch nicht so weit, heisst es beim Handelsblatt. Auch der Flughafen nahe der Stadt ist noch nicht fertig. Geplant war, dass im September tausende Beamtinnen und Beamte nach Nusantara übersiedeln, doch die Büros und Wohnungen stehen noch nicht. Frank Malerius, Indonesien-Experte der deutschen Aussenwirtschaftsgesellschaft GTAI, sagt gegenüber dem Handelsblatt: «Eine Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole halte ich für unwahrscheinlich.» Für ihn sei eine abgespeckte Version einer Hauptstadt mit nur hoheitlichen Kernaufgaben denkbar.
- Einheimische Bevölkerung: Auf dem Gebiet von Nusantara lebt der Stamm der Balik People. Die Befürchtung besteht, dass sich der Lebensraum der einheimschen Bevölkerung noch stärker verändert wird, als dies mit der Abholzung bereits täglich geschieht – oder sogar ganz verschwindet. «Wir kriegen nichts, während die neuen Anwohner von Nusantara alles kriegen», sagte Syamsiah, eine Einheimische, gegenüber dem Spiegel. Einige sind bereits weit weggezogen, andere wie Syamsiah aber geben sich kämpferisch: «Wenn sie uns wirklich von hier vertreiben, dann müssen sie mich hier begraben. Ich werde nicht gehen. Das hier ist mein Land.»
- Flora und Fauna: Auf Borneo befindet sich einer der grössten Regenwälder der Welt. Etliche, zum Teil bedrohte Tiere, wie der Orang-Utan, der Leopard oder der Nasenaffe sind dort zuhause. Die Umweltzerstörung auf der Insel schreitet seit Jahrzehnten voran. Gemäss dem «WWF» ging der Altbestand der Wälder zwischen 2000 und 2017 um 6,04 Millionen Hektar zurück, was einem Rückgang von fast 14 Prozent entspricht. Es wird geschätzt, dass fast die Hälfte des Regenwaldes bereits gerodet wurde, Ölpalm- und Holzplantagen durchziehen die Insel, etliche Kohleminen zeichnen das Bild der Insel. Mit Nusantara befürchten Naturschützerinnen und Naturschützer nun, dass diese Zerstörung noch weitergehen wird.

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