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Der Fall Gabby Petito und das «Missing White Woman Syndrome»

13.10.2021, 11:4513.10.2021, 15:58

Der Vermisstenfall Gabby Petito ging um die Welt. Nun ist klar: Petito wurde ermordet. Doch sie ist nicht die einzige junge Frau, die in den USA verschwunden ist – und tot aufgefunden wurde.

Dass über den Fall Petito breit berichtet wurde, ist kein Zufall: Petito und ihr Freund dokumentierten ihre Reise auf Youtube und wurde von Bodycams gefilmt. Und dann ist da noch das «Missing White Woman Syndrome». Darauf machen jetzt auch Indigene aufmerksam. Doch der Reihe nach:

Ein berühmter TV-Kopfgeldjäger schaltet sich ein

Die 22-jährige Bloggerin Petito und ihr 23-jähriger Freund Brian Laundrie waren im Sommer zu einem Roadtrip quer durch die USA aufgebrochen. Ihre Reise dokumentierten sie u.a. auf dem Youtube-Kanal «Nomadic Statik».

Brian Laundrie und Gabby Petito während ihres Roadtrips.
Brian Laundrie und Gabby Petito während ihres Roadtrips.
Bild: imago

Doch so rosig wie in ihren Blogs gezeigt, schien die Reise nicht zu verlaufen: Die Body-Cam eines Polizisten zeigt Aufnahmen einer aufgelösten Petito, die unter Tränen berichtet, dass sie ihren Freund geschlagen habe – das war Mitte August.

Am 01. September kehrte Laundrie ohne seine Freundin von dem Trip zurück. Ihre Leiche wurde am 19. September schliesslich im Grand-Teton-Nationalpark in Wyoming entdeckt. Laundrie ist zurzeit unauffindbar.

Aktuell sucht nicht nur die Polizei nach Laundrie, sondern auch der TV-Kopfgeldjäger Duane Chapman. Dieser sagt: «Ich werde ihn finden! Ich verfolge mehrere Spuren. Wir haben viele Hinweise!»

Auch der TV-Kopfgeldjäger Duane Chapman sucht nach Brian Laundrie.
Auch der TV-Kopfgeldjäger Duane Chapman sucht nach Brian Laundrie.
Bild: imago

Die Autopsie-Pressekonferenz – ein Fall von «häuslicher Gewalt»

Seit Dienstag steht nun fest, wie Petito ums Leben kam: Gerichtsmediziner Brent Blue gab bei einer Pressekonferenz bekannt, dass die junge Frau erwürgt wurde. Der genaue Todeszeitpunkt sei offen. Man gehe aber davon aus, dass Petito drei bis vier Wochen, bevor ihre Leiche gefunden wurde, getötet worden sei.

12. Oktober 2021, Jackson (Wyoming, USA): Gerichtsmediziner Brent Blue gibt bekannt, dass Gabby Petito ermordet wurde.
12. Oktober 2021, Jackson (Wyoming, USA): Gerichtsmediziner Brent Blue gibt bekannt, dass Gabby Petito ermordet wurde.
Bild: keystone

Blue bezeichnet den Tod Petios als einen Fall von «häuslicher Gewalt». Und weiter: «Wer das Tötungsdelikt begangen hat, ist zurzeit Sache der Strafverfolgungsbehörden».

Die Reaktionen auf die Autopsie-Pressekonferenz

Der Anwalt vs. Petitos Mutter

Die Mutter von Gabby Petito, Nichole Schmidt, spricht nach der Pressekonferenz von Gerichtsmediziner Brent Blue.
Die Mutter von Gabby Petito, Nichole Schmidt, spricht nach der Pressekonferenz von Gerichtsmediziner Brent Blue.
Bild: keystone

Die Aussage Blues – nämlich dass ein Fall von «häuslicher Gewalt» vorliege – veranlasste den Anwalt von Brian Laundrie dazu, eine Erklärung abzugeben. Der Fall sei eine «Tragödie», allerdings sei sein Mandant «nur ein Tatverdächtiger».

Daraufhin tweetet der TV-Reporter J. B. Biunno im Namen von Petitos Mutter: «Seine Worte sind Müll. Reden Sie weiter».

Tatsächlich ist Laundrie im Fall Petito bereits angeklagt – allerdings nicht wegen dem Todesfall, sondern weil er die Debitkarte Petitos «unbefugt verwendet» haben soll. Zurzeit ist Brian immer noch verschwunden. «Sobald er gefunden wird, werden wir uns mit der hängigen Betrugsanklage gegen ihn befassen», sagte sein Anwalt.

Das Internet

Während die Strafverfolgungsbehörde noch ermittelt, hat das Netz den Mörder bereits gefunden: Brian Laundrie.

Das «Missing White Woman Syndrome»

Der Fall Gabby Petito ist dramatisch. Darum erhält Gabby Petito viel mediale Aufmerksamkeit – auch bei uns. Und zwar viel mehr mediale Aufmerksamkeit, als andere US-Frauen, die gleichzeitig verschwanden und ermordet wurden. Warum?

Das Phänomen, dass Vermisste besonders viel mediale Präsenz bekommen, wenn sie blonde, weisse, junge Frauen sind, heisst in der Forschung «missing white woman syndrome» – und es ist so alt, wie die Medienbranche selbst.

Michelle Jeanis: «Weisse Personen erhalten weitaus mehr Likes, Shares und Engagement als People of Color»
Michelle Jeanis: «Weisse Personen erhalten weitaus mehr Likes, Shares und Engagement als People of Color»

Die Assistenzproffessorin für Strafjustiz der University of Louisiana in Lafayette (USA), Michelle Jeanis, forscht zum «missing white woman syndrome». Sie äusserte sich gegenüber der BBC: «Abschreckende Geschichten» über «junge, schöne, weisse Frauen aus der Mittelschicht sind unglaublich lukrativ». Denn «weisse Personen erhalten weitaus mehr Likes, Shares und Engagement als People of Color».

«No more stolen sisters»

So verschwand fast gleichzeitig mit Petito die 27-jährige Bessie Walker in Kalifornien. Im August wurde sie ermordet aufgefunden. Walker ist dreifache Mutter – und eine Indigene.

Am selben Tag, an dem verkündet wurde, dass Petito erwürgt wurde, organisierten die Familie von Bessie Walker sowie indigene Organisatoren eine Kundgebung, um auf vermisste und ermordete indigene Frauen aufmerksam zu machen, die nicht annähernd die gleiche Berichterstattung oder polizeiliche Aufmerksamkeit bekämen, wie vermisste weisse Frauen.

Die Anwesenden trugen Bandanas mit den Buchstaben MMIW – für «Missing and Murdered Indigenous Women» – und T-Shirts mit der Aufschrift «No more stolen sisters».

Ein Mitorganisator der Kundgebung, George Galvis, sagte gegenüber den Medien: «Wir sagen nicht, dass es nicht wichtig ist, über Gabby Petito zu berichten. Was wir sagen ist, dass schwarze und indigene Frauen das gleiche Mass an Ermittlungen und die gleiche Aufmerksamkeit der Medien verdienen.»

Tatsächlich verschwinden in den USA jährlich tausende Frauen und Mädchen, die People of Color sind.
Nun hat ein kürzlich veröffentlichter Bericht des gemeinnützigen «Sovereign Bodies Institute» festgehalten: Dass in Kalifornien nur 9 Prozent der Mordfälle an indigenen Frauen und Mädchen aufgeklärt werden, während die Aufklärungsquote im gesamten Bundesstaat bei über 60 % liege.

(yam/sda)

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