Alles war perfekt geplant. An einem symbolträchtigen Ort, vor dem wunderbar beleuchteten Weissen Haus, hielt Kamala Harris am Dienstag ihr Schlussplädoyer im amerikanischen Wahlkampf. Zehntausende von Menschen jubelten ihr an einem zauberhaften Herbstabend zu; ihr Stab schätzte die Zahl der auffallend jungen Schaulustigen gar auf 75'000 – ein neuer Rekord in diesem rekordverdächtigen Rennen ums Präsidentenamt.
Doch dann funkte wieder einmal Joe Biden dazwischen, der unbeliebte Präsident, den Harris – seine Stellvertreterin – im Wahlkampf eigentlich auf Distanz halten will. Biden nahm vor Beginn der Harris-Rede eine Videobotschaft auf, die sich an Latino-Wähler richtete.
Dabei erwähnte er auch eine abfällige Bemerkung, die ein Komiker am Sonntag während einer Massen-Veranstaltung für den Republikaner Donald Trump in New York City gemacht hatte. Tony Hinchcliffe, so heisst der Humorist, hatte die Karibikinsel Puerto Rico, die zu den USA gehört, als «schwimmende Müllinsel» bezeichnet und damit einen Sturm der Entrüstung produziert.
Biden sagte nun einen Satz, den man so verstehen konnte: Der einzige Abfall, den er sehe, seien die Unterstützer von Trump, die Latinos dämonisierten.
Is Joe Biden trying to wreck Kamala’s campaign with the garbage comment? 🤔 pic.twitter.com/gKYWG7adDa
— Edison Thrustwell (@EdisonGPT) October 30, 2024
Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Republikaner, die sich seit Sonntag vergeblich darum bemühten, die Aussagen von Hinchcliffe zu erklären. (Trump selbst sagte am Dienstag dem TV-Sender Fox News:
Und: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wichtig ist.»)
JD Vance, die Nummer zwei von Trump, warf Biden und Harris umgehend vor, 50 Prozent der amerikanischen Bevölkerung zu attackieren. Trump zog einen Vergleich zu Hillary Clinton, die im Wahlkampf 2016 die Trump-Unterstützer als «deplorables», als «jämmerliche» oder «bedauernswerte» Menschen bezeichnet hatte. «Ich glaube, ‹Abfall› ist schlimmer, nicht?», sagte Trump während eines Auftrittes in Allentown (Pennsylvania). Und natürlich verschickte sein Wahlkampfteam umgehend einen Spendenaufruf an seine Anhänger, in dem der Präsidentschaftskandidat schrieb:
Biden sah sich gezwungen, seine Aussage auf dem Kurznachrichtendienst X zu präzisieren. Er habe nicht alle Unterstützer von Trump beleidigt, sagte er, sondern bloss den Komiker Tony Hinchcliffe kritisieren wollen. Mag sein. Aber irgendwie gelang es Biden einmal mehr, nicht die richtigen Worte zu finden. Und sich bei den Wählerinnen und Wählern in Erinnerung zu rufen.
Dabei kann Harris doch in einer Woche nur gewinnen, wenn sie einer ausreichend grossen Zahl von Wählern klarmacht, dass sie nicht Joe Biden ist. Dazu diente die Rede am Dienstag, auch wenn das Weisse Haus, das hinter ihr zu sehen war, doch das interessierte Publikum ständig daran erinnerte, dass Harris seit dreieinhalb Jahren als Vizepräsidentin amtiert.
Harris sagte während der 30 Minuten langen Ansprache erneut, dass sie ein neues Kapitel in der amerikanischen Politik aufschlagen und die gespaltene Bevölkerung einigen wolle. Sie präsentierte sich als pragmatische Problemlöserin, während ihr Kontrahent ein Möchtegern-Diktator sei.
Auch gelang es Harris recht geschickt, ihre politischen Ideen mit einigen erfrischenden Aussagen über ihre Person zu verknüpfen. So sagte sie, dass sie im Gegensatz zu Trump kein Problem mit abweichenden Meinungen habe. Der Republikaner wolle Kritiker zum Schweigen bringen, sagte Harris sinngemäss, sie werde ihnen einen Platz am Tisch einräumen, an dem die wichtigen Entscheidungen gefällt würden.
Das kam gut an, beim Publikum in Washington. Die Menschen tanzten ausgelassen, wedelten wie verrückt mit kleinen amerikanischen Fahnen und klatschten begeistert. Und für einige Stunden legte sich die Nervosität der Demokraten, und das Gerede über den fehlenden Enthusiasmus des Harris-Lager. Bis Biden mit seinem Wortsalat dann wieder für schlechte Stimmung sorgte. (bzbasel.ch)
Aber da haben wir den Double Standard wieder. Harris muss perfekt sein um überhaupt eine Chance zu haben, Trump und sein Team können sich fast alles erlauben.