Warum Europa die Ukraine braucht
So verschieden kann man sich Sorgen machen: Während man sich in Washington nach dem versuchten Attentat auf den Präsidenten vor allem damit beschäftigt, ob man jetzt sofort einen 400-Millionen-Dollar-Ballroom braucht, mussten sich die europäischen Staatshäupter bei ihrem Treffen in Zypern einmal mehr mit der Gefahr eines drohenden Angriffs aus Russland auseinandersetzen.
Donald Tusk, der polnische Premierminister, stellte dabei klar, dass ein solcher Angriff «innert Monaten» erfolgen könnte und äusserte Zweifel, dass die USA in diesem Fall ihren Verpflichtungen gemäss Artikel fünf des Nato-Vertrages nachkommen und ihren westlichen Verbündeten Hilfe leisten würden. Deshalb müsse sich Europa ernsthaft Gedanken machen, wie es ohne amerikanische Hilfe einen solchen Angriff abwehren könne, so Tusk.
Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass Drohnen zu einem zentralen Bestandteil der modernen Kriegsführung geworden sind. Weil die Ukrainer inzwischen ein grosses Know-how in dieser Frage erworben haben, ist ihnen das Kunststück gelungen, im härtesten Winter seit Beginn des Krieges die schlimmsten russischen Angriffe zu überstehen. Was sie dabei erreicht haben, umschreibt der britische Admiral Tony Radakin in der «Washington Post» wie folgt: «Wir sollten für diese Leistung Ehrfurcht, Bewunderung und Dankbarkeit zeigen.»
Noch vor Jahresfrist dominierten die negativen Einschätzungen. Weil ihr auch noch so hohe Verluste egal seien, werde die russische Armee die Ukrainer langsam, aber sicher niederringen, so die damals vorherrschende Einschätzung. Inzwischen tönt es weit optimistischer. So erklärt Generalleutnant Kyrylo Budanov, der ehemalige Chef des ukrainischen Geheimdienstes und aktuell ein wichtiger Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, ebenfalls in der «Washington Post»: «Wir werden diesen Krieg definitiv nicht verlieren.»
Gegenwärtig können die Ukrainer rund 70 Prozent aller russischen Drohnen abwehren. Brigadier Oleksandr Yarmak, der für diese Abwehr verantwortlich ist, rechnet damit, dass diese Quote bis Ende Jahr auf 90 Prozent steigen wird. Den Ukrainern gelingt es dabei, Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen, will heissen: Sie schiessen die russischen Angriffsdrohnen mit ebenfalls billigen Verteidigungsdrohnen ab.
Sollten die Russen den Westen angreifen, dann ist dieser dringend auf dieses Know-how angewiesen. «Meine Botschaft an unsere europäischen Partner lautet: Ihr müsst sehr schnell diese Verteidigungskapazität ebenfalls aufbauen», so Brigadier Yarmak. «Eine Attacke von 500 Drohnen an einem Tag könnte andernfalls sehr schnell zu einer Kapitulation führen.»
Diese Botschaft ist bereits angekommen. So erklärt Admiral Giuseppe Cavo Dragone, Chef des Militärkomitees der Nato: «Krieg ist ein Wettlauf mit der Innovation und Zeit ist dabei entscheidend. Um diesen Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen, brauchen wir die Zusammenarbeit mit der Ukraine.»
Die Golfstaaten haben diese Erkenntnisse schon in die Praxis umgesetzt. Sie mussten schmerzhaft erfahren, dass billige iranische Drohnen grossen Schaden anrichten können und dass es unsinnig ist, sie mit sehr teuren Raketen abzuschiessen. Präsident Selenskyj ist es gelungen, diese Einsicht zu seinen Gunsten auszunützen. Er hat mit verschiedenen Golfstaaten Verträge abgeschlossen, die das Drohnen-Know-how auch Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zugänglich machen.
Gleichzeitig hat er 200 Experten in diese Länder geschickt. «Das hilft ukrainischen Unternehmen und der Wirtschaft», erklärt dazu Orysia Lutsevych von Chatham House, einem Londoner Thinktank, im «New Yorker». «Global gesehen ist das für die Ukrainer ein grosser Sieg.»
Zwar profitiert auch Russland vom Krieg im Iran, hauptsächlich vom hohen Ölpreis und von der Dummheit von Donald Trump, der die Sanktionen gegen russisches Öl vorübergehend aufgehoben hat. Trotzdem kommt in der «Financial Times» die Militärspezialistin Hanna Notte zum Schluss:
«Selenskyj hat erreicht, dass eine wachsende Zahl von Ländern ein Interesse daran hat, dass die Ukraine überlebt. Das ist eine gute Aussicht für ein Land, das sich in einem Abnützungskrieg befindet, bei dem sich noch kein Ende abzeichnet. Der US-israelische Krieg gegen den Iran mag den Russen zu einem kurzzeitigen Boom verholfen haben. Langfristig jedoch wird die Ukraine weit mehr davon profitieren.»
Die Bedenkenträger gegen einen raschen EU-Beitritt der Ukraine
Zurück zu Europa. Weil das Hindernis Viktor Orban aus dem Weg geschafft wurde, ist der Kredit in der Höhe von 90 Milliarden Euro an die Ukraine inzwischen von der EU freigegeben worden. Doch in der Frage, ob und wie rasch man der Ukraine eine EU-Mitgliedschaft ermöglichen soll, herrscht nach wie vor Uneinigkeit. Nicht nur Peter Magyar, der neu gewählte ungarische Premierminister, gibt sich diesbezüglich zurückhaltend. Auch Deutschland und Frankreich legen in dieser Frage nun keine Eile mehr an den Tag.
Die Bedenkenträger gegen einen raschen EU-Beitritt der Ukraine führen an, dass die Korruption in Kiew noch längst nicht besiegt sei. Gleichzeitig haben sie Angst, dass die mächtige eigene Bauernlobby sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehren wird.
So berechtigt diese Bedenken auch sein mögen, angesichts der Gefahr aus Russland sind sie das kleinere Übel. Oder wie Alexander Stubb, der Präsident von Finnland, im «Economist» erklärt: «Wir Europäer müssen endlich erkennen, dass wir die Ukraine mehr brauchen, als die Ukraine uns.»
