Beschiss, Lügen und keinen Schritt weiter: Der grosse Frust nach den Epstein-Files
Das war's. Die Epstein-Files sind vollumfänglich veröffentlicht. Dies kommunizierte das US-Justizdepartement (DOJ) offiziell in einem Schreiben am letzten Samstag. Das DOJ habe sämtliche Auflagen des Epstein Files Transparency Act (EFTA) erfüllt.
Diese Aussage ist nicht korrekt. Die Behörde missachtete mindestens zwei Vorgaben des Gesetzes: den Zeitrahmen der Veröffentlichung und den Umfang der Schwärzungen von Textstellen. Bestritten wird auch, ob das DOJ wirklich sämtliche Akten freigab.
- Missachtung Nr. 1: Sämtliche Unterlagen hätten bis am 19. Dezember veröffentlicht werden sollen. Dies geschah nicht. Laut des republikanischen Mitinitiators des Gesetzes, Thomas Massie, fehlen bis heute Millionen von Unterlagen.
- Missachtung Nr. 2: Laut Gesetz legitimierten nur drei Motive die Schwärzungen von Textstellen: Opferschutz, der Schutz laufender Ermittlungen und der Schutz der nationalen Sicherheit. Zudem beinhaltet das Gesetz den Passus, dass sämtliche Schwärzungen begründet werden müssen. Explizit verboten wurde die Zensur von Textstellen zum Schutz des Ansehens einzelner Individuen. Das DOJ verstiess auch gegen die Schwärzungsregeln – und zwar im grossen Stil. In einigen Unterlagen wurden ganze Seiten komplett unleserlich gemacht – ohne Angabe von Gründen. Dasselbe wurde bei einer Liste möglicher Mittäter getan.
Angesichts der Verletzungen des EFTAs ist es nicht weiter verwunderlich, dass mehr Fragen als Antworten zurückbleiben – und die Mühlen der Verschwörungstheorien erneut zu drehen beginnen. Zu hoffen bleibt, dass neue Vorstösse von Massie und Co. weiteres Licht ins Dunkel bringen.
Was ist nun mit den diversen Trump-Erwähnungen in den Files?
Der US-Präsident wird in den Epstein-Files häufiger genannt als Harry Potter in sämtlichen sieben Bänden. Die blossen Erwähnungen, das gilt für sämtliche Personen in den Akten, machen ihn aber nicht automatisch zum Täter. Deshalb betonte DOJ-Chefin Pam Bondi wiederholt, es gebe in den Files keine glaubhaften Anschuldigungen oder Indizien gegen den Präsidenten.
Das ist gelogen – wie Journalist Roger Sollenberger (ehemals Daily Beast) vor zwei Tagen aufdeckte. Das FBI interviewte mindestens eine Zeugin, die Epstein und auch Donald Trump des sexuellen Missbrauchs und der Gewaltanwendung beschuldigte. Dies geht aus diversen Unterlagen hervor. Vor allem aber aus einer 21-seitigen Präsentation, welche das FBI letzten Sommer als Zusammenfassung der Untersuchungen erstellte. Die damals 13- bis 15-jährige Zeugin sei von Trump vor seinem entblössten Penis auf die Knie gezwungen worden. Sie habe ihn darauf in den Penis gebissen. In der Folge soll der US-Präsident das Mädchen geschlagen und getreten haben. Laut Sollenberger sprach das FBI persönlich mit der Zeugin und beurteilte sie als «glaubwürdig». Dies im Gegensatz zu den zahlreichen per Telefon oder E-Mail eingegangenen Anschuldigungen.
Auch die zweite Aussage in der Präsentation stammt von einer Person mit hoher Glaubwürdigkeit. Es handelt sich dabei um eine der Kronzeuginnen gegen Ghislaine Maxwell. Sie war dabei, als Epstein Trump ein 14-jähriges Mädchen mit den Worten vorstellte: «Das ist eine Gute, huh». Trump antwortete darauf mit: «Ja.»
Die Szene beschreibt kein Delikt. Sie widerspricht aber den Aussagen des US-Präsidenten, der jeglichen Kontakt und jegliches Wissen im Zusammenhang mit Jeffrey Epstein und Minderjährigen abstreitet.
Unklar ist, ob das FBI die Aussagen zum Anlass nahm, weitere Untersuchungen einzuleiten. Nach heutigem Wissensstand muss davon ausgegangen werden, dass dies nicht geschah. Ausser noch tieferen Umfragewerten hat Donald Trump aktuell von den Epstein-Files, so wie sie sich heute präsentieren, wenig zu befürchten.
Was ist mit anderen Männern? Was ist mit der Klienten-Liste?
Die Epstein-Files sind gespickt mit Namen von Prominenten – von Prinzessin Diana über Michael Jackson, Elon Musk, Richard Branson, Mick Jagger bis hin zu Bill Clinton, Bill Gates und Donald Trump existieren tausende Einträge. Erwähnungen sind keine Beweise. Entscheidend wären Informationen, wer wie viel, ab wann wusste – und wie die Person darauf reagierte. Ein öffentliches Hearing mit Bill Clinton könnte dazu beispielsweise beitragen. Im Zweifelsfall gilt auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung.
Bewiesen ist: Bei den unzähligen grässlichen Sexualstraftaten waren Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell nicht die einzigen Tatpersonen. Unterschieden wird, wer die Taten ermöglichte (Mitverschwörer), und wer daran beteiligt war (die Klienten).
In den veröffentlichten Files gibt es Hinweise zu beiden Gruppen. In einer Akte aus dem Jahr 2019 listete das FBI acht Personen als potenzielle MitverschwörerInnen. Vier davon wurden geschwärzt – vier blieben ersichtlich. Neben Ghislaine Maxwell waren das die Namen von Milliardär Leslie Wexner (Ex-CEO von Victoria's Secret), Epsteins Ex-Sekretärin Lesley Groff und Model-Agent Jean-Luc Brunel.
- Lesley Groff wurde 2019 vorgeladen, von der Staatsanwaltschaft aber nicht angeklagt. Das blieb auch so, obwohl ihr diverse Opfer im Minimum Mitwisserschaft vorwarfen. Groff liess per Anwalt verlauten, sie sei nie informiert worden, dass sie im Verdacht stand, Mittäterin zu sein.
- Leslie Wexner, der wegen Trump aus der Republikanischen Partei austrat, war Epsteins Mentor. Ihm wird Mitwisserschaft vorgeworfen. Wexners Anwälte erklärten, der 88-Jährige habe stets mit den Behörden kooperiert und wichtige Hintergrundinformationen geliefert.
- Jean-Luc Brunel wurde 2022 erhängt in seiner Zelle in einem Pariser Gefängnis gefunden. Ihm wurde die Vergewaltigung einer Minderjährigen vorgeworfen. Genau wie bei Epstein ranken sich um den Tod von Brunel diverse Verschwörungstheorien.
Warum die anderen vier Namen geschwärzt wurden, ist nicht bekannt. Es gibt gewisse Indizien, dass es sich dabei um Personen handeln könnte, die als Zeugen gegen Epstein und Maxwell aussagten – und deshalb Schutz geniessen.
Mehr Staub wirbelten die Epstein-Files auf der Klienten-Seite auf. Dies vor allem in Europa:
- Ein Foto des einflussreichen Diplomaten Peter Mandelson (Labour) in Unterhosen stürzte Grossbritannien in eine schwere Regierungskrise.
- Von Andrew Mountbatten-Windsor (ehemals Prinz Andrew) wurden Fotos publik, die zeigen, wie er sich über einen reglosen weiblichen Körper beugt. Gegen ihn läuft eine Untersuchung – allerdings wegen der Weitergabe sensibler Daten.
- Frankreichs ehemaliger Kulturminister Jack Lang muss sich ebenfalls gegenüber der Polizei verantworten. Er trat als Vorsteher eines Pariser Kulturzentrums zurück.
- Der ehemalige norwegische Premierminister Thorbjørn Jagland, der auch dem Nobelpreiskomitee vorstand, wurde bereits wegen «grober Korruption» angeklagt.
- Die norwegische Botschafterin in Jordanien, Mona Juul, musste zurücktreten, weil Epstein ihren Kindern zehn Millionen vermachte.
Doch auch in den USA mussten angesehene Persönlichkeiten angesichts ihrer Kontakte zu Epstein den Hut nehmen:
- Milliardärserbe Thomas Pritzker trat als Verwaltungsratschef des Hotelkonzerns Hyatt zurück.
- Casey Wasserman, Chef der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, leitete den Verkauf seiner Künstleragentur ein – weil er mit Ghislaine Maxwell E-Mail-Kontakt hatte.
- Die Chefjuristin von Goldman Sachs, Kathryn Ruemmler, tritt Ende Juni von ihrem Posten zurück. Sie war eine der Ersten, die mit Jeffrey Epstein telefonierten, als er angeklagt wurde.
- Larry Summers, der ehemalige Finanzminister unter Bill Clinton und Berater von Barack Obama, gab seine Lehrtätigkeit an der Universität Harvard auf.
- Brad Karp trat als Vorsitzender der renommierten Anwaltskanzlei Paul Weiss zurück.
Eine wirkliche Kunden- oder eben Klienten-Liste, wie sie einst Pam Bondi bestätigte («Sie liegt in dem Moment auf meinem Schreibtisch») und später negierte, ein kleines schwarzes Büchlein mit Namen, wie es Epsteins ehemaliger Butler Alfredo Rodriguez verkaufen wollte, gibt es aktuell nicht.
Was es gibt, sind zahlreiche Hinweise, dass die unsachgemässen Schwärzungen des Justizdepartements diverse Männer schützen sollten. Als US-Abgeordnete für ein paar Stunden Zugriff auf die unzensierten Akten hatten, fanden sie diverse Namen, welche ohne Grund unkenntlich gemacht wurden. Dazu gehören diejenigen von Nicola Caputo, Salvatore Nuara, Zurab Mikeladze und Leonid Leonov. Warum die Herren geschützt werden sollten, bleibt ein Rätsel.
Eine Gruppe von Epstein-Opfern kündigte im Herbst an, selbst an einer Liste zu arbeiten: «Es wird eine Liste mit Leuten, die regelmässig in der Epstein-Welt auftauchten», erklärte Lisa Philips letzten September. Wie weit das Projekt ist, ist nicht bekannt.
Was ist mit den vielen Social-Media-Storys: Epstein habe Schwefelsäure bestellt, um Leichen aufzulösen, Trump habe bereits über 30 Millionen Dollar Schweigegelder bezahlt, Epstein lebe noch?
Der vom DOJ veröffentlichte ungefilterte Brei an diffusen Informationen ruft die Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Die genannten Fälle gehören ins Reich der Mythen.
- Epstein hat tatsächlich grosse Mengen an Schwefelsäure bestellt. Schwefelsäure wird dazu benutzt, aus Meerwasser Trinkwasser herzustellen – was auf der abgelegenen Insel des Sexualstraftäters nötig war. Jeffrey Epstein verfügte über eine entsprechende Anlage und benötigte dafür Schwefelsäure. Das belegen diverse Fotos in den Files.
- Für die Schweigegeldzahlungen von Donald Trump gibt es keine Beweise. Das Gerücht in die Welt setzte ein dubioser Verschwörungstheoretiker in seinem Blog ohne Quellenangaben oder eine Beweisführung.
- Jeffrey Epstein ist tot. Das bestätigen diverse Ärzte und Agenten, die ihn untersuchten. Dazu gehört beispielsweise Dr. Michael Baden. Baden gehörte zum Team der Pathologinnen und Pathologen, welche Jeffrey Epstein nach seinem Tod untersuchten – und er ist Star der TV-Serie «Dead Man Talking». Er ist allerdings der Meinung, dass die Todesursache beim Sexualstraftäter eher auf Mord als auf Selbstmord hindeute.
Die Flut der Verschwörungstheorien wird in den nächsten Tagen nicht abnehmen. Ein bisschen Eigenrecherche entschärft die meisten innerhalb von Sekunden. Hilfreich ist auch die Website Snopes.com.
War's das nun wirklich? Wie geht es weiter? Können aus diesen Akten weitere Anklagen entstehen?
Wie es weitergeht, hängt auch von der Hartnäckigkeit der Kongressabgeordneten ab. Die Behauptung, das DOJ habe sämtliche Aufgaben erledigt, kann von diesen angefochten und die zusätzliche Offenlegung weiterer Dokumente vor Gericht erstritten werden. Dies, wenn unzulängliche oder unvollständige Ermittlungen nachgewiesen werden können.
Auch auf strafrechtlicher Ebene muss das letzte Kapitel noch nicht geschrieben worden sein. Für Sexualstraftaten gibt es in den USA zwar eine Verjährungsfrist, der ehemalige FBI-Spezialagent Jonathan Gilliam geht aber davon aus, dass gewisse Hinweise trotzdem zu neuen Untersuchungen führen könnten: «Die Aufklärung von verjährten Fällen führt oft zu Spuren von neueren Verbrechen», sagte er gegenüber der LA-Times.
Keine Verjährungsfrist gibt es für Mord. Auch dafür gibt es in den Epstein-Files diverse Hinweise – beispielsweise auf zwei verscharrte Körper auf der abgelegenen Zorro-Ranch des Sexualstraftäters in New Mexico. Gilliam glaubt, der öffentliche Druck könnte dazu führen, dass das FBI nun solchen Hinweisen nachgehen muss. Dass ausgerechnet die Justizministerin solche Nachforschungen anordnet, die erklärte, die Öffentlichkeit solle ihren Fokus besser auf die boomenden Börsen als auf die Epstein-Files richten, scheint indes unwahrscheinlich.
Denn bei all den ungeklärten Fragen, ist eine Sache klar: Für weibliche Opfer von mächtigen Männern gibt es in den USA wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit. Es ist die denkbar katastrophalste Botschaft. Sie entmutigt Opfer, Delikte zur Anklage zu bringen. Gleichzeitig verringert sie die Hemmungen der Täter. Und sie renoviert uralte Machtgefüge, die längst zerstört gehören.
Der Versuch, die Epstein-Files zu veröffentlichen, hat sich bisher für die US-Gesellschaft als Schuss ins eigene Knie erwiesen – und für die Epstein-Opfer als erneuter Schlag ins Gesicht. Statt Transparenz ernteten sie ein erneutes Trauma, sagt die betroffene Lisa Philips: «Es zeigt, dass ihnen die Opfer egal sind. Sie schützen nur die Mächtigen.» Diese Botschaft wird weitere fatale Folgen haben.
