Schweiz als Vorbild: Aus Sicht von Kanzler Merz arbeiten die Deutschen zu wenig
Eine Debatte darüber, ob die Deutschen zu wenig arbeiteten, kommt mittlerweile alle paar Jahre auf. Dass dabei neben wirtschaftlichen auch moralische Überlegungen und die Frage nach dem Sinn des Lebens eine Rolle spielen, zeigt eine Äusserung des damaligen Kanzlers Olaf Scholz aus dem Herbst 2024: «Ich glaube, wir sind alle zum Arbeiten geboren», begründete der Sozialdemokrat damals, warum er einen Vorschlag ablehnte, Langzeitarbeitslose durch Prämien zur Arbeit zu motivieren.
Die Mentalität, die Scholz damit demonstrierte, scheint unter seinen Landsleuten auf dem Rückzug zu sein. So meint auch sein Nachfolger Friedrich Merz, den Deutschen ins Gewissen reden zu müssen, wobei er die Schweiz von Zeit zu Zeit als Vorbild nennt. Dort, so der Christdemokrat zuletzt am WEF in Davos, arbeiteten die Leute im Schnitt 200 Stunden mehr im Jahr. «Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes nicht erhalten», sagte der Kanzler.
Die Krankschreibung per Telefon als Problem?
Zwei Problemfelder haben die Befürworter längerer Arbeitszeiten, die häufig der regierenden CDU angehören, ausgemacht: die weit verbreitete Teilzeitarbeit und den relativ hohen Krankenstand. Laut einer Studie der OECD, einer Organisation 38 wohlhabender Länder, geht in der Bundesrepublik 6,8 Prozent der Arbeitszeit durch Krankschreibungen verloren. Das ist zwar weniger als in Norwegen (10,7 Prozent), doch deutlich mehr als in der Schweiz (3,8 Prozent).
Der Verdacht, dass nicht jeder, der sich krankmeldet, tatsächlich auch arbeitsunfähig ist, liegt nahe, sagen in Umfragen doch rund 40 Prozent der Deutschen, sie fänden es in Ordnung, hin und wieder «blauzumachen». Ein Attest ist in Deutschland leicht erhältlich: Während der Corona-Pandemie schuf die Regierung die Möglichkeit einer Krankschreibung für fünf Tage per Telefon; wie so viele Provisorien, erwies sich die Regelung als dauerhaft. Nun denkt die christdemokratische Gesundheitsministerin Nina Warken laut über eine Abschaffung nach.
Der Krankenstand würde dadurch womöglich sinken, wahrscheinlich aber auch die Wartezeit in den Arztpraxen ansteigen. Ohnehin ist die Zahl der Krankmeldungen in letzter Zeit wieder etwas zurückgegangen: Von 15,2 Tagen im Jahr 2023 auf 14,8 im Jahr 2024 (verlässliche Zahlen für 2025 gibt es noch nicht). Erfahrungen aus der Vergangenheit deuten darauf hin, dass dies der Wirtschaftskrise geschuldet sein dürfte: Wer um seinen Arbeitsplatz bangt, überlegt zweimal, ob er diesem ohne Not fernbleibt.
Die «Lifestyle-Teilzeit» als konservatives Feindbild
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Deutschland beträgt derzeit 34 Stunden, in der Schweiz sind es 36. Dabei ziehen Teilzeit-Arbeiter in beiden Ländern den Schnitt nach unten. In Deutschland arbeiteten 2024 über 40 Prozent aller Beschäftigten weniger als Vollzeit; damit liegt die Bundesrepublik deutlich über dem EU-Durchschnitt. Unter den Frauen sind es sogar 50 Prozent, die weniger als 100 Prozent arbeiten.
Das hat damit zu tun, dass gerade Frauen oft Angehörige pflegen oder sich um Kinder kümmern müssen; Kindertagesstätten sind oft zu teuer. Viele Arbeitnehmer wollen aber auch schlicht mehr Freizeit. Gitta Connemann, die Chefin der CDU-Mittelstandsunion, will daher das Recht auf Teilzeit abschaffen, das die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder 2001 eingeführt hat. Seither müssen Arbeitgeber gute Gründe anführen und diese auch belegen, um Beschäftigten eine Teilzeit-Tätigkeit zu verweigern.
29 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer, die Teilzeit arbeiteten, täten dies, um mehr Freizeit zu haben, meint Connemann. Ihrem Antrag «Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit», den sie am CDU-Parteitag Ende Februar einbringen will, werden dennoch kaum Chancen eingeräumt. Von einer «Schnapsidee» spricht der rheinland-pfälzische CDU-Chef Gordon Schnieder, der sich gerade im Wahlkampf befindet.
Lohnt sich Leistung schlicht zu wenig?
Tatsächlich scheint die CDU-Politikerin nicht zu bedenken, dass heute deutlich mehr Frauen arbeiten als noch vor 20 Jahren. Manche von ihnen sind auf ihr Einkommen nicht zwingend angewiesen und würden womöglich lieber gar keiner bezahlten Tätigkeit mehr nachgehen, sollte man versuchen, ihnen Mehrarbeit aufzuzwingen. So könnte sich eine Abschaffung des Rechts auf Teilzeit als kontraproduktiv erweisen.
Hilfreicher wäre wohl, die Steuerlast zu verringern: Gerade für Bezieher mittlerer Einkommen lohnt es sich häufig kaum, mehr zu arbeiten. «Leistung muss sich wieder lohnen», lautet ein flotter Politikerspruch, mit dem gerade die CDU gern hausieren geht. Würde die Regierung Merz praktische Konsequenzen daraus ziehen, würden womöglich mehr Deutsche ihr Pensum heraufsetzen – und das erst noch freiwillig.
