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Russland am Rande des Zahlungsausfalls – was das bedeutet und was die Folgen sind

27.06.2022, 11:0827.06.2022, 12:30

Dass Staaten ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, kommt vor – doch der russische Zahlungsausfall, der sich nun anbahnt, ist ein Sonderfall. Deshalb sind seine Folgen auch noch völlig unklar.

Historisches Ereignis

Zuletzt war Russland zu Lenins Zeiten zahlungsunwillig.
Zuletzt war Russland zu Lenins Zeiten zahlungsunwillig.Bild: AP/Russian State Archive of Social and Political History

Russland steht offenbar vor dem ersten Zahlungsausfall auf Auslandsschulden seit mehr als 100 Jahren. In der Nacht auf Montag lief eine 30-Tage-Frist aus, innerhalb derer fällige Zinsen auf zwei Staatsanleihen in Auslandswährung zu zahlen waren. Es geht um insgesamt rund 100 Millionen US-Dollar.

Haben die Anleger das Geld nicht erhalten, wovon angesichts scharfer Finanzsanktionen des Westens auszugehen ist, wäre es der erste Zahlungsausfall auf Auslandsschulden seit dem Jahr 1918. Der jüngere Zahlungsausfall aus dem Jahr 1998 bezog sich auf von Inländern gehaltene Schuldtitel.

Situation unklar

Bild: keystone

Die Hintergründe des aktuellen Falls sind kompliziert und suchen ihren historischen Vergleich. Russland betont, wirtschaftlich in der Lage und auch Willens zu sein, seine Schulden zu bedienen. Dem stehen jedoch scharfe Sanktionen vornehmlich westlicher Länder entgegen, die als Reaktion auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine ergriffen wurden. Deswegen kann Moskau weder auf den Grossteil seiner Finanzreserven im westlichen Ausland zugreifen, noch heimische Reserven an westliche Gläubiger weiterleiten.

Grosse Ratingagenturen, die normalerweise einen Zahlungsausfall feststellen würden, dürfen dies sanktionsbedingt derzeit nicht. Gläubigergemeinschaften, die versuchen könnten, ihre Ansprüche gegenüber Russland juristisch durchsetzen, sind bisher noch nicht öffentlich in Erscheinung getreten.

Video zeigt, wie Russland ganze Städte dem Erdboden gleich macht

Video: watson/Aya Baalbaki

Russlands Finanzminister Anton Siluanow hatte den drohenden Zahlungsausfall in der vergangenen Woche als «Farce» bezeichnet. Jeder, der die Vorgänge verstehe, wisse, dass es sich nicht um einen Zahlungsausfall handele.

Wenig Schulden

Bild: keystone

Fachleute äusserten sich zunächst eher vorsichtig zu der Angelegenheit. Der sich abzeichnende Zahlungsausfall dürfte eher symbolischen Charakter haben, erklärten Analysten der Dekabank. Hintergrund ist, dass die unmittelbaren Folgen eines russischen Zahlungsausfalls zunächst als eher begrenzt gelten können.

Zum einen ist Russland nicht stark verschuldet: Das Verhältnis von Gesamtschulden zu Wirtschaftsleistung beträgt derzeit etwa zwanzig Prozent, was im internationalen Vergleich wenig ist. Zum anderen liegt ein nur geringer Teil der Staatsschulden in den Händen ausländischer Gläubiger.

Was sind die Folgen?

Die russische Zentralbank.
Die russische Zentralbank.Bild: keystone

Die mittelfristigen Folgen des Ausfalls sind unterdessen schwer abzusehen. Zunächst müssten mindestens 25 Prozent der betroffenen Gläubiger einen formellen Zahlungsausfall feststellen. Ob sich daraus ein sogenannter Cross-Default ergeben würde, ist gegenwärtig fraglich. In diesem Fall würden nicht nur die vom aktuellen Zahlungsausfall betroffenen Anleihen, sondern alle Auslandsschulden Russlands als notleidend gelten.

Diesen Fall wollte Russland zwar zuletzt ausschliessen. Ob solche einseitigen Schritte aber vor internationalen Gerichten Bestand hätten, kann zumindest als zweifelhaft gelten. In der Folge könnte sich also ein längerer juristischer Streit zwischen Russland und seinen Gläubigern anbahnen.

(aeg/sda/awp/dpa)

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70 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Atavar
27.06.2022 11:12registriert März 2020
Scheint auch Bizeli ins Reich der Wünsche zu gehören. Ähnlich wie die wöchentliche, angebliche Selbstdemontage von Trump.

Schlussendlich mag es einen Zahlungsausfall geben. Allerdings primär bei den Ländern, die RUS sanktionieren. Wie relevant das ist, wenn die nichts mehr liefern (wobei sie das ja schon wegen der Sanktionen nicht mehr tun sollten) oder nichts mehr investieren (wobei sie das ja schon wegen der Sanktionen nicht mehr tun sollten), ist in Zukunft interessant (Kriegsende), aber momentan einfach nicht relevant.

Was will man tun? Leitungen auf RUS Gebiet zurückbauen? Lol.
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Töfflifahrer
27.06.2022 12:13registriert August 2015
Also einzig für die Median als Headliner zu gebrauchen, ansonsten keine Auswirkungen aber Hauptsache man hat wieder Schlagzeilen.
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A6524
27.06.2022 12:29registriert Mai 2021
Ein Zahlungsausfall wegen Sanktionsbeschränkung ist kein Zahlungsausfall. Solche Meldungen sind irreführend. Russland schwimmt im Geld, der Rubel ist stark, alles wegen den sehr hohen Preisen bei den fossilen Energieträgern.
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