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Ukraine-Krieg verschärft den Welthunger – besonders dramatisch wird es in Afrika

Europa werde die Hauptlast der wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs tragen, während es in anderen Ländern zu massiven Nahrungsmittelengpässen kommt. Dies prophezeit ein neuer Bericht der Welthandelsorganisation.
12.04.2022, 17:5212.04.2022, 18:47

Der Krieg in der Ukraine, der «Kornkammer Europas», hat den Welthunger weiter verschärft. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) warnte bereits früher vor einer Nahrungsmittelknappheit infolge des Kriegs. «Dies ist nicht nur eine Krise innerhalb der Ukraine. Sie wird sich auf die Versorgungsketten auswirken, insbesondere auf die Kosten für Lebensmittel», sagte David Beasley, Chef des UN-Weltprogramms.

Was ist das WFP?
Das 1996 gegründete Welternährungsprogramm ist die grösste humanitäre Organisation der Vereinten Nationen im Kampf gegen den Hunger auf der Welt. Von allen UNO-Organisationen erhält das Programm von der Schweiz den höchsten Finanzbeitrag. Ausserdem unterstützt die Schweiz die Organisation auch im Personalbereich und stellt Expertinnen und Experten des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe (SKH) für Programmplanung, Koordination und Logistik zur Verfügung.

Der Krieg habe «eine Katastrophe zusätzlich zu einer Katastrophe» verursacht. Denn: Bereits die Corona-Pandemie sowie die Auswirkungen extremer Wetterereignisse und langanhaltender bewaffneter Konflikte haben den Welthunger verschlimmert. Die jetzigen Preiserhöhungen würden den WFP laut Prognosen monatlich zwischen 60 und 75 Millionen Dollar an Betriebsaufwand kosten.

«Der Krieg hat eine Katastrophe zusätzlich zu einer Katastrophe verursacht.»
David Beasley

Nach positiven Entwicklungen nahm die Anzahl Menschen, die an Unterernährung leiden, wieder zu. «Die weltweite Ernährungssicherheit hat sich seit 2008 verbessert, 2015 stagnierte sie – und seit 2020 verschlechtert sie sich deutlich», bestätigte Andreas Heller vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage von watson. Schon vor der Pandemie sei man vom Kurs abgekommen, den Welthunger bis 2030 zu stoppen. So lautet das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Der Index stuft die Länder gemäss einer 100-Punkte-Skala ein, auf der 0 (kein Hunger) bedeutet.

Budgets für andere Bedürftige gekürzt

Doch die Lage hat sich zugespitzt. Laut Beasley seien 40 Prozent der Bevölkerung auf Lebensmittel aus dem Welternährungsprogramm angewiesen. Besonders der Jemen steuere auf eine der grössten Hungersnöte der modernen Geschichte zu, warnt der WFP-Chef. Wegen Geldmangels habe man Anfang des Jahres Lebensmittelrationen für 8 Millionen Menschen im Jemen halbieren müssen. Im Zusammenhang mit dem Krieg und den steigenden Nahrungsmittelpreisen sieht die Lage noch düsterer aus.

Beasley fürchtet, dass es in Ländern, die besonders stark vom Getreide der Ukraine abhängig sind, zu sogenannten Hungerrevolten (Lebensmittelunruhen) kommen könnte.

Russland und die Ukraine verkaufen gemeinsam rund 30 Prozent des weltweiten Weizenangebots, 20 Prozent des Maisangebots und rund 80 Prozent des Sonnenblumenöls. Laut Angaben des WFP bezieht das Ernährungsprogramm rund die Hälfte des Getreides aus der Ukraine.

Darüber hinaus ist Russland einer der weltweit wichtigsten Exporteure der drei wichtigsten Düngemittelgruppen (Stickstoff, Phosphor und Kalium). Ein Kostenanstieg könne sich auch hier auf die Ernte der nächsten Saison auswirken – und so die Lebensmittelpreise langfristig in die Höhe schiessen lassen.

«Harter Schlag» für die Weltwirtschaft

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt auch die erste Analyse der Folgen des Kriegs der Welthandelsorganisation (WTO), die am Montag veröffentlich wurde: «Die Krise in der Ukraine hat eine humanitäre Krise immensen Ausmasses ausgelöst – dies ist auch ein harter Schlag für die Weltwirtschaft». Die aktuelle Krise werde die internationale Ernährungssicherheit in einer Zeit verschärfen, in der die Lebensmittelpreise ohnehin schon historisch hoch sind, warnt die Organisation mit Sitz in Genf.

Was ist die WTO?
Die 1994 gegründete Welthandelsorganisation mit Sitz in Genf, beschäftigt sich mit den weltweiten Regelungen von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Die Organisation zählt aktuell 157 Mitgliedstaaten. Auch Russland gehört – nach einem 18-jährigen Verhandlungsmarathon – zur Organisation dazu. Mit der Aufnahme Russlands gehören alle wichtigen Volkswirtschaften zur Organisation dazu. Die Schweiz ist Gründungsmitglied der WTO.

Die Hauptlast der wirtschaftlichen Auswirkungen werde Europa zu spüren bekommen, da Europa der grösste Importeur von Waren sowohl aus Russland als auch der Ukraine ist, heisst es in der Analyse. Aber: «Die Kosten in Form von reduziertem Handel und Produktion werden wahrscheinlich auf der ganzen Welt durch höhere Lebensmittel- und Energiepreise und eine geringere Verfügbarkeit von exportierten Waren bemerkbar.»

«Die aktuelle Krise wird die internationale Ernährungssicherheit in einer Zeit verschärften, in der die Lebensmittelpreise ohnehin schon historisch hoch sind»
WTO

Preisanstiege von 50 bis 85 Prozent möglich

Dramatisch werde es vor allem in Afrika und im Nahen Osten: «Die ärmeren Länder sind durch den Krieg besonders gefährdet, da sie im Vergleich zu den reicheren Ländern einen grösseren Teil ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben». Einige Länder in Subsahara-Afrika seien womöglich mit Preiserhöhungen von 50 bis 85 Prozent für Weizen konfrontiert.

Das Volumen des Welthandels könnte sich nach Einschätzung der Welthandelsorganisation WTO wegen des Krieges in der Ukraine in diesem Jahr gar halbieren. Der russische Krieg gegen die Ukraine könnte die globale Wirtschaft nach einer Analyse der Welthandelsorganisation (WTO) in diesem Jahr bis zu 1,3 Prozentpunkte Wachstum kosten. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2022 nach Modellrechnungen nur noch um 3,1 bis 3,7 Prozent wachsen. Langfristig bestehe das Risiko, dass die Weltwirtschaft in Blöcke zerfalle.

(mit Material der sda)

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Zahlen und Fakten zum Hunger

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Zofia über den Hunger in Sibirien

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64 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Lafayet johnson
12.04.2022 18:21registriert Juli 2020
Putin wird als grösste Katastrophe Russlands in die Geschichtsbücher eingehen.
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Kruk
12.04.2022 18:31registriert April 2019
Es verläuft alles nach Plan, der Plan ist es tausende Menschen zu massakrieren, ein ganzes Land zu einer Wüste Bomben, Millionen von Flüchtlingen verursachen, Kriegstraumatisierte und verwaiste Kinder zurück lassen, überall Minen und Streubomben verteilen, Vergewaltigen und Foltern und auch den Welthunger verschärfen.
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Gegen ewige Parteihetze
12.04.2022 18:53registriert Februar 2022
Das war leider schon bei Beginn absehbar, dass das die Folgen dieses Krieges sein werden. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir seit mehr als (fülle hier jede Zahl ein, die grösser als 30ist) Jahren es nicht auf die Reihe bekamen den Welthunger zu beenden. Und um ganz ehrlich zu sein - schwer wäre es nicht, denn es liegt nicht daran, dass wir zuviele Menschen sind und mit dem Futter produzieren nicht hinterherkommen. Vielmehr horten die reichen Länger nicht nur Geld sondern auch all das Futter - kaufen billige Rohstoffe in Afrika und verkaufen den teuren Elektroschrott zurück…
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