Diese Stadt kämpft ums Überleben – und macht einen radikalen Schritt
Die Sonne geht hier im Frühlingswinter langsam unter und sie taucht die Szenerie in ein wunderbares Licht. Ich spaziere mitten durch das Zentrum der Stadt. Niemand wohnt mehr hier. Die Geschäfte sind zu, Scheiben teilweise eingeschlagen. Die Weihnachtsbeleuchtung hängt noch immer an den Strassenlaternen. Nur eine Person begegnet mir.
Da, wo früher der zentrale Platz war, ist heute eine riesige Baustelle. Die Gebäude in diesen Strassen werden in absehbarer Zeit abgerissen. Abgesperrt ist das Viertel nicht. Aber warum sollte man hier noch hin, wenn eh nichts mehr da ist?
Ich bin in Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens. Rund 20'000 Menschen leben hier nördlich des Polarkreises. Gekommen bin ich für den Fjällräven Polar, ein Schlittenhund-Abenteuer in der Abgeschiedenheit Lapplands.
Ehrlicherweise hatte ich zuvor noch nie etwas von Kiruna gehört. Eine Kollegin erzählte mir vor der Abreise, dass dies doch die Stadt sei, welche umziehen muss. Es gab dieses Video von der Kirche, die im letzten August in einem Stück weggefahren wurde. Was für eine Aktion!
Im Januar 2007 wurde das Schicksal Kirunas besiegelt. Der Stadtrat entschied, dass das Zentrum der Stadt um fünf Kilometer nach Osten versetzt werden muss. Bis Mitte der 2030er-Jahre soll der Umzug vollzogen sein. Im Mai 2020 ereignete sich in der Region eines der stärksten in Schweden registrierten Erdbeben mit einer Magnitude von 4,9 auf der Richterskala. Das ist noch nicht sonderlich stark, doch es gibt merkbare Erschütterungen und je nach Gebäude können diese Schäden davontragen. Das Spezielle daran: Das Beben wurde wohl durch den Bergbau ausgelöst.
Die Lebensader ist auch das Problem
Kirunas Problem ist auch seine Lebensader: das Bergwerk. Es gilt als weltweit grösstes Eisenerzbergwerk. Würde man alle unterirdischen Wege der Anlage aneinanderreihen, würde der Tunnel von Nordschweden bis Südafrika reichen. 2023 wurde zudem eine Ader mit Seltenen Erden gefunden. Dieses Vorkommen sei das grösste Europas.
Es ist ganz einfach: Ohne das Bergwerk hätte es die Stadt so nie gegeben. Im Jahr 1900 begann der industrielle Abbau, nachdem die Eisenbahnlinie fertiggestellt wurde.
Noch heute ist es so: Die Stadt existiert eigentlich nur dank der Mine. Praktisch alles hier ist zumindest indirekt vom Werk abhängig. Doch die Vorkommen liegen weitestgehend unter der heutigen Stadt. Sie wurde praktisch untergraben und ist deshalb einsturzgefährdet.
Es gab zwei Möglichkeiten
Es gab zwei Möglichkeiten: Das Bergwerk schliessen oder die Stadt zügeln. Weil mit dem Ende des Bergwerks auch das Ende der Stadt besiegelt wäre, entschied man sich für Zweiteres. Die Kosten in Milliardenhöhe muss der Bergwerkbetreiber LKAB übernehmen.
Erst war der Plan, 6000 Einwohner umzusiedeln, mittlerweile sind rund 12'000 betroffen. Die Bewohner hatten die Wahl: Entweder sie verkaufen ihre Wohnung mit einem Zuschlag von 25 Prozent des Marktpreises oder ihnen wird im neuen Stadtzentrum eine vergleichbare Wohnung angeboten. Einige Einwohner entschieden sich für das Geld, die Allermeisten aber blieben.
Die ganze Kirche wurde versetzt
Historische Gebäude wie die eindrückliche Kirche wurden als Ganzes an den neuen Standort verfrachtet. Es war ein Spektakel im letzten Sommer. Die Kirche steht jetzt am neuen Ort, zugänglich ist sie noch nicht. Rundherum wird viel gebaut.
Auch der Glockenturm des alten Rathauses wurde ins neue Zentrum verfrachtet. Dort steht er jetzt neben dem neuen Regierungsgebäude.
Im Innern des neuen Gebäudes befindet sich ein Modell der Stadt, auf dem eingezeichnet ist, welche Stadtteile verschwinden müssen. Irgendwie erschreckend.
Mein Hotel steht praktisch direkt daneben. Im Mai 2025 wurde es eröffnet. Der ganze Stadtteil hier ist rund drei bis fünf Jahre alt. Der Spital muss noch umziehen, das Bildungszentrum mit Gymnasium, Universität und Bibliothek wurden kürzlich eingeweiht.
In 40 Minuten in die Vergangenheit
Ich spaziere ins alte Stadtzentrum. Das dauert rund 40 Minuten und ist wie eine Wanderung in die Vergangenheit. Im neuen Quartier wird gebaut, vieles ist neu. Dann kommen die älteren Gebäude, die aber noch bleiben können.
Im Stadtzentrum wird abgebrochen und dahinter liegt der Gruvstadsparken (Grubenstadtpark), der nicht zugänglich ist und als Pufferzone gilt. Hier stand früher unter anderem das Rathaus. Die Strassen enden im Nichts, der Schnee verdeckt auch im April noch die Wunden. Aber Google Maps legt sie offen:
Die Operation am offenen Herzen
Strassen, die bei der Absperrung enden und sich im Park verlieren. Die Sonne steht tief, es ist eine ganz spezielle Stimmung hier. Im Hintergrund türmen sich die Aushubberge des Bergwerks. Das Unternehmen hat der Stadt alles gegeben und nimmt sich jetzt Teile davon zurück.
Ich war schon in Geisterstädten. Kolmannskuppe in der Namibwüste beispielsweise. Die Leute verliessen den Ort, als das Diamantvorkommen sich dem Ende zuneigte. Die Wüste hat dort mittlerweile die Häuser wieder in Beschlag genommen. Es sind nur noch Zeugen einer fast vergessenen Zeit. Aber hier spazierst du durch eine Stadt mit über 20'000 Einwohnern, du wechselst die Strassenseite und tauchst in eine Geisterstadt ein. Mir fehlen die Worte, um das zu beschreiben. Hier wird am offenen Herzen operiert.
Kein Vergleich zur grössten Planstadt
Steht dein Haus innerhalb der «Impact Line», musst du weg, auf der anderen Strassenseite hast du Glück. Zumindest vorerst. Vielleicht wird sie ja nochmals ausgedehnt.
2015 besuchte ich Oyala, irgendwo im Dschungel Äquatorialguineas. Es war damals die grösste Baustelle Afrikas (und ist sie wohl heute noch). Tausende Arbeiter aus China erbauten im Nirgendwo die neue Hauptstadt des Landes. 200'000 Einwohner sollen dort einst leben. Das Projekt von Präsident Teodoro Obiang war damals praktisch unbewohnt. Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Es war unfassbar schräg, aber ziemlich gefühlslos. Oyala hatte keine Seele.
Es ist einfach ein Vorhaben eines selbstherrlichen, alten Mannes. Die Stadt heisst mittlerweile Ciudad de la Paz, seit 2026 ist sie die Hauptstadt Äquatorialguineas. Es ist wie gar nicht mal so selten: wenn im Namen zu offensichtlich auf etwas hingewiesen wird, hat es vermutlich am Ende wenig damit zu tun. Ich denke an den FIFA-Friedenspreis oder die Demokratische Volksrepublik Korea. Aber wir schweifen ab.
Kiruna lebt, Kiruna hat eine Seele
Die Ciudad de la Paz und Kiruna haben aus meiner Sicht nichts gemein. Ausser, dass sie innert Kürze neu gebaut werden. Kiruna lebt, Kiruna hat eine Seele. Auch wenn man diese mancherorts suchen muss. So wie am Bahnhof, der aktuell ein Provisorium ist und rund 1,5 Kilometer nördlich des ursprünglichen Bahnhofs liegt.
Personenzüge nutzen ihn als Kopfbahnhof, die Anfahrt ist von Norden her. Die Lokomotive wird auf dem Weg von Stockholm nach Narvik (Norwegen) an diesem Bahnhof am anderen Ende des Zuges angehängt, weil der südliche Teil der ursprünglichen Bahnlinie einsturzgefährdet ist.
Dort verkehren nur noch Züge aus dem Bergwerk. Ein neuer Bahnhof – mit einer neuen Gleisführung – soll weiter östlich entstehen. Bis dahin fahren Gratis-Busse zwischen dem neuen Stadtzentrum und dem provisorischen Bahnhof. Eigentlich als eine Art Entschädigung für die Umstände.
Wie gehen die Einwohner damit um?
Und wie nehmen die Menschen die ganze Versetzung ihrer Stadt auf? Überraschend pragmatisch. Meist hört es sich so an: Ja, man müsse das halt machen. Das Bergwerk zu schliessen sei keine Option und die Firma bezahle ja alles. Dann lebten sie halt fünf Kilometer weiter östlich.
Und wenn die fünf Kilometer auch nicht reichen? Oder wenn neue Messungen zeigen, dass noch mehr der alten Stadt geräumt werden muss? Wobei: Die Macher werden sich wohl schon was überlegt haben. Und sonst ziehen sie halt nochmals um. Finanziell scheint sich der Betrieb der Mine auf jeden Fall zu lohnen.
Im Restaurant, das bald schliesst
Die Dame an der Hotelrezeption begrüsste mich mit den Worten: «Geboren und aufgewachsen in Kiruna. Falls du irgendwelche Fragen hast, helfe ich dir gerne.» Da wusste sie wohl noch nicht, dass ich Journalist bin und viele Fragen habe. Für das Abendessen empfiehlt sie mir OTs Bodega. Ein Treffpunkt der Einheimischen. Das Restaurant mit Bar befindet sich an der Grenzstrasse zum Geisterviertel. Es ist immer gut gefüllt.
Ich frage den Besitzer, ob er hier bleiben könne. «Nein, seit ein paar Monaten ist klar, dass unser Viertel auch geräumt wird. Wir haben wohl noch fünf bis sechs Jahre.» Und wie geht es ihm dabei? «Was soll ich machen? Ist halt so.» Er sagt's, als würde er die Lottozahlen vorlesen. Ich weiss gar nicht, ob ich mich freuen soll, dass er – und so viele der Leute hier – das so pragmatisch sehen oder ob ich traurig sein soll, dass sie ihr altes Leben, ihre alten Gebäude, ihre alte Heimat so emotionslos verabschieden.
Egal, ob im Hotel, beim Einkaufen, im Zug oder im Restaurant. Das Gespräch landet früher oder später bei der Stadt, die umzieht. Jede und jeder ist selbst betroffen oder kennt jemanden, der sein Haus verlassen musste. So auch der Taxifahrer auf dem Weg an den Flughafen. Er wohnt schon im neuen Teil. Ursprünglich stammt er aus Pakistan, sein Englisch ist nicht überragend. Er hält sich kurz: «Old Town: finish.»
Die Sonne des «Frühlingswinters» geht langsam unter und taucht die Szenerie in ein wunderbares Licht. Kiruna wurde zur Europäischen Kulturhauptstadt 2029 ernannt. Was die Besucher dann hier wohl für eine Stadt vorfinden werden?
