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Veronica (28) «massiert» 2016 in Bafoussam (Kamerun) die Brüste ihrer 10-jährigen Tochter Michelle, während die anderen Kinder zuschauen. Eine ältere Tochter (nicht auf dem Bild) weigerte sich, ihre Brüste massieren zu lassen und wurde mit 14 Jahren schwanger. 
Veronica (28) «massiert» 2016 in Bafoussam (Kamerun) die Brüste ihrer 10-jährigen Tochter Michelle, während die anderen Kinder zuschauen. Eine ältere Tochter (nicht auf dem Bild) weigerte sich, ihre Brüste massieren zu lassen und wurde mit 14 Jahren schwanger. Bild: EPA/WORLD PRESS PHOTO

Warum afrikanische Mütter ihre Töchter «Brustbügeln»

29.01.2019, 11:3430.01.2019, 10:26

Sie meinen es gut. Die Mütter, Tanten, älteren Schwestern oder Grossmütter, die jungen Mädchen mit heissen Steinen oder Holzspateln die wachsenden Brüste «bügeln», wollen nur das Beste. Doch die Schäden, die sie damit anrichten, bleiben ein Leben lang. 

«Breast Ironing» («Brustbügeln») – so nennen Medien in Grossbritannien die schmerzhafte Prozedur – soll die heranwachsenden Frauen vor Schlimmerem bewahren. Das «Bügeln» hindert die Brüste am Wachsen und «schützt» die Mädchen davor, sexuell attraktiv zu werden – das glauben jene, die es praktizieren. Attraktive Mädchen, so fürchten sie,  würden häufiger vergewaltigt und seien öfter sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Oder sie würden früher schwanger und könnten deshalb die Schule nicht abschliessen. 

«Als meine Brüste zu wachsen begannen, fing meine Familie an, darüber zu reden. Die redeten und redeten. (...) Schliesslich beschloss meine Mutter, meine Brüste zu bügeln: ‹Wenn wir sie nicht bügeln, werden sie Männer anziehen. Und wir wissen, dass Männer Schwangerschaft bedeuten.› (...) Ich nehme an, sie meinte es gut.»
Carole B. Gildaspare.com

Die Anzahl der Opfer der brutalen Methode beläuft sich weltweit nach UNO-Schätzungen auf 3,8 Millionen. Die Mehrzahl der betroffenen Mädchen lebt in westafrikanischen Staaten, allen voran Kamerun. Aber auch in Guinea-Bissau, Togo, Benin, Gabun und Nigeria ist die Praxis verbreitet. Allein in Kamerun trifft es rund ein Viertel aller heranwachsenden Frauen; insgesamt sollen 12 Prozent der weiblichen Bevölkerung davon betroffen sein. Je früher die Brüste wachsen, desto grösser ist die Gefahr für die Mädchen, dass sie der Prozedur unterzogen werden.

«Als ich 9 Jahre alt war, fingen meine Brüste an zu wachsen. Meine grosse Schwester hatte Angst, dass die Männer mich schon als erwachsen ansehen und mich begehren würden. Um das zu verhindern, hat sie entschieden, meine Brüste jeden Abend mit einem in heisses Wasser getunkten Handtuch zu massieren. Das hat sehr weh getan.
Und zum Schlafen hat mir meine Schwester einen grossen elastischen Gürtel ganz eng um die Brust geschnallt, um meine Brüste ganz platt zu drücken. Dieser Gürtel hat mir so sehr die Luft weggenommen, dass ich schlaflose Nächte verbracht habe und morgens immer müde war. Trotz allem habe ich das ausgehalten, ich habe mir gesagt, dass es schliesslich zu meinem Besten sei.
Nach sechs Monaten ohne Erfolg hat meine Schwester von selbst mit dieser Methode aufgehört. Aber die Haut um meine Brüste herum war schon ganz schlaff. Mit 10 Jahren hatte ich schon hängende Brüste und jedes Mal, wenn ich mich ausgezogen habe, habe ich mich geschämt und ich hatte deshalb grosse Komplexe ...»

Mittlerweile gibt es jedoch auch in Europa eine besorgniserregende Anzahl von Fällen, namentlich in Grossbritannien. Schon vor knapp drei Jahren berichtete die Wochenzeitung «The Week», dass im Vereinigten Königreich etwa 1000 Mädchen aus westafrikanischen Communities so «behandelt» worden seien – wobei  die wahre Zahl viel höher sein könnte. Am 26. Januar hat der «Guardian» auf aktuelle Fälle hingewiesen und Fachleute zitiert, die eine zunehmende Verbreitung der Prozedur beobachten. 

Manche Mädchen müssen enge Bandagen um den Brustkorb tragen, die das Wachstum der Brüste verzögern oder verhindern sollen. 
Manche Mädchen müssen enge Bandagen um den Brustkorb tragen, die das Wachstum der Brüste verzögern oder verhindern sollen. Bild: Konbini

Eine britische Psychotherapeutin und Aktivistin, die gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) ankämpft, sagte dem «Guardian», sie habe in ihrer Klinik im Norden von London mit fünf Frauen gesprochen, die «Breast Ironing» erlebt hatten. Es habe sich ausnahmslos um britische Staatsangehörige gehandelt. Eine von ihnen sei durch die Prozedur flachbrüstig geworden, doch sie sei nie deswegen medizinisch untersucht worden. 

Eine andere Frau, die bis 2015 in verschiedenen britischen Krankenhäusern gearbeitet hatte, sagte der Zeitung, die Anzahl der Fälle habe in der letzten Zeit zugenommen. Sie schilderte den Fall eines 10-jährigen Mädchens, das wegen des «Bügelns» mehrere Jahre unter einer Infektion gelitten habe. 

Es ist kein Wunder, dass es zu solchen Folgen kommt. Die «Behandlung» erfolgt oft über mehrere Monate hinweg; dabei wird jeden Tag ein- oder zweimal ein erhitzter Gegenstand – das kann ein Mahlstein oder ein Holzspatel sein – auf die Brust gedrückt und hin und her bewegt. Manche Mütter wickeln zudem enge Bandagen um den Brustkorb der Mädchen; auch dies soll verhindern, dass die Brüste wachsen. Diese Massnahmen sind allesamt unwirksam in dem Sinne, dass sie nicht zum gewünschten Resultat führen, da die Entwicklung der Brüste dadurch nicht gestoppt wird. 

Die Praxis des «Brustbügelns» deformiert die Brüste und hinterlässt Narben. 
Die Praxis des «Brustbügelns» deformiert die Brüste und hinterlässt Narben. Bild: kisskissbankbank.com

Dafür kann es zu allerhand verheerenden Folgen kommen, einmal abgesehen davon, dass die Prozedur sehr schmerzhaft ist: Das Gewebe wird zerstört, es entstehen Wunden und Abszesse, die Narben hinterlassen. Mögliche Spätfolgen sind Zysten, Brustkrebs und Schwierigkeiten beim Stillen. Neben der äusserlichen Verstümmelung kommt es zudem sehr oft zu einer Traumatisierung der Mädchen, die sich bestraft und schuldig fühlen und sich für ihre deformierte Brüste schämen. 

Die Gesichter der Opfer
Der französische Fotograf Gildas Paré ist in Kamerun gewesen und hat dort einige der Opfer fotografiert, um ihnen in seinem Projekt «Plastic Surgery Dream» ein Gesicht und eine Stimme zu geben. Er stiess zunächst auf grosse Widerstände, weil sich die betroffenen Frauen schämen und lieber nicht fotografiert werden wollten. Erst nach langen Gesprächen gelang es ihm, sie davon zu überzeugen, dass sein Blick nichts Sexuelles an sich hatte. 
Die eindrücklichen Bilder sind hier zu sehen.

Eine 2005 publizierte Studie (online nicht verfügbar) der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) über die Situation in Kamerun erbrachte den Befund, dass Brustbügeln dort eher in den Städten als auf dem Land praktiziert wird. 

«Das Leben in der Stadt ist eine Quelle von Besorgnis für die Eltern, weil sie nicht wissen, was ihre Kinder in ihrer Abwesenheit machen.»
Dr. Flavien Ndoko, Autor der GTZ-Studievia: «Brustbügeln“ – eine grausame Praxis»

Da die Grossfamilie in der Stadt weit weniger Kontrolle ausüben kann als in ländlichen Regionen und die Kinder daher nicht schützen kann, steigt das Bedürfnis nach alternativen Methoden der Kontrolle. Dies dürfte auch auf die Migranten aus Westafrika zutreffen, die in Europa vornehmlich in Städten leben. 

Das kamerunische Gesundheitsministerium hat dem Breast Ironing den Kampf angesagt. Unterstützt von der Nichtregierungsorganisation Réseau National des Associations de Tantines (Renata) klärt es die Bevölkerung über das Leid der Mädchen und die Nutzlosigkeit der Prozedur auf. Renata propagiert zudem Verhütungsmittel, um die Anzahl der ungewollten Schwangerschaften zu vermindern. Ihr Slogan: «Bügle keine Brüste, sie sind ein Geschenk Gottes!»

«Brüste sind natürlich, bügle sie nicht.»
«Brüste sind natürlich, bügle sie nicht.»Bild: sisterspeak237.com

(dhr)

«‹Breast Ironing› in Grossbritannien auf dem Vormarsch.» Video: YouTube/Sky News

«Es ist kein sexueller Missbrauch, es ist Vergewaltigung»

Video: srf
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