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Sonita Alizadeh, 19, im Innenhof des Hotels Greulich in Zürich.<br data-editable="remove">
Sonita Alizadeh, 19, im Innenhof des Hotels Greulich in Zürich.
Bild: sme

Mit 18 sollte sie für 9000 Dollar verkauft werden. Wir trafen die unbesiegbare Rapperin Sonita

Dies ist die unglaubliche Geschichte einer jungen Frau aus Afghanistan. Erzählt an einem sonnigen Morgen in Zürich. Und im Dokumentarfilm «Sonita».
04.04.2016, 11:2304.04.2016, 15:06

Ihre Familie will sie verkaufen. Zum ersten Mal, als sie 10 Jahre alt ist. Da weiss Sonita Alizadeh noch nicht richtig, was das überhaupt bedeuten könnte. Da spielt sie mit andern Mädchen «verkauft werden». Verkleidet sich zum Spass als Braut. Zum Geschäft kommt es zum Glück nicht.

Doch als sie 18 ist, steht alles fest: Für 9000 Dollar soll sie mit einem Fremden zwangsverheiratet werden. 9000 Dollar sind der Betrag, den Sonitas Bruder braucht, um sich selbst eine Frau zu kaufen. Sonita fragt ihre Mutter, ob sie sich denn für irgendwas im Leben ihrer Tochter interessiere, für ihr Talent als Musikerin, für ihr persönliches Glück? Die Mutter sagt: «Ja, ich interessiere mich dafür, was du kostest.»

Kann man so eine Familie überhaupt lieben? «Natürlich», sagt Sonita bei ihrem Kurzbesuch in Zürich, «sie können ja alle nicht anders, das ist Tradition in Afghanistan, ich bin ihnen nicht böse. Ich hatte das genau so erwartet.» 

«In einem Popsong haben zu wenig Worte Platz. Dann hörte ich Eminem. Ich hatte keine Ahnung, was er sang, aber ich verstand, dass er eine Geschichte in richtig vielen Worten erzählte.»
Sonita

Sonita ist heute 19 und lebt seit einem Jahr in Amerika. Vorher lebte sie mehrere Jahre als illegale Immigrantin in Teheran. War auf der Flucht aus Afghanistan von Taliban bedroht und beinahe erschossen worden. Verdiente sich noch als Kind ihr Leben selbst, irgendwie, zum Beispiel als Putzfrau in einem Sportstudio. Zuflucht fand sie bei einer Nicht-Regierungs-Organisation für papierlose Kinder. Denn im Grunde existierte Sonita all die Jahre in Teheran nicht. Weil sie nichts besass, mit dem sie ihre Existenz beweisen konnte. Bloss ihr Leben. Und ihre Stimme. Ihre Wut.

Sonita in ihrem Videoclip «Bride For Sale».
Bild: Youtube

In Teheran hört Sonita gerne Michael Jackson und Rihanna. «Ich habe alle schlechten Nachrichten über Michael Jackson ausgeblendet», sagt sie heute, «sie haben mich nicht interessiert. Ich wollte nur seine guten Taten kennen. Für mich ist er ein guter Mensch. Einer, der sich für andere eingesetzt hat, besonders für Kinder.»

Mit 14 weiss Sonita, dass Musik ihr Leben werden muss. Sie versucht es mit Pop: «Aber in einem Popsong haben zu wenig Worte Platz. Dann hörte ich Eminem. Ich hatte keine Ahnung, was er sang, aber ich verstand, dass er eine Geschichte in richtig vielen Worten erzählte. Dass er eine Ansprache hielt. Und auf eine Art, die ich gut fand. So wurde ich Rapperin.»

Ungefähr an dieser Stelle trat die iranische Dokumentarfilm-Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami in Sonitas Leben. «Ein Freund meiner Sozialarbeiterin von der NGO hatte ihr von mir erzählt. Sie gab mir etwas Geld für meine Musik und knüpfte ein paar Kontakte, weil sie sich in der Musikszene auskannte. Von einem Film war lange nicht die Rede. Und dann folgte sie mir plötzlich mit ihrer Kamera.» Daraus wurde ein Film. Er heisst «Sonita». Er gewinnt 2016 am Sundance Festival den Grossen Preis der Jury und den Publikumspreis. Er ist immer wieder zum Heulen.

Trailer zum Dokfilm «Sonita»

Denn die Regisseurin ist dabei, als Sonitas Mutter nach Teheran reist, um die Tochter mit nach Hause zu nehmen und zu verkaufen. Sie ist dabei, als die Sozialarbeiterin verzweifelt, weil ihre Organisation kein Geld hat, um Sonita frei zu kaufen. Sie selbst will das Geld nicht bezahlen, sie sagt, als Dokumentarfilmerin müsse sie eine objektive Distanz zu ihrer Protagonistin aufrecht erhalten. Und dann macht sie alles falsch: Gibt die Distanz auf, besorgt das Geld, rettet Sonita. Und macht natürlich alles richtig. 

«Träume sind Hoffnung. Viele Träume bedeuten viel Hoffnung.»
Sonita

Sie ist auch dabei, als Sonita ihren ersten Videoclip zum Song «Bride For Sale» dreht: Die traurige und blutige Geschichte einer Kindsbraut, die sich gegen ihre Familie auflehnt. Sonitas Geschichte. Sonita stellt den Clip auf YouTube. Das afghanische Fernsehen zeigt ihn. «Bride For Sale» läuft im afghanischen Radio. Plötzlich hat Sonita Fans. Ihre kleinen Geschwister in Afghanistan und ihre Cousins lernen den Song auswendig. Den Eltern dämmert langsam, dass ihre Tochter eine öffentliche Stimme ist. Und langsam werden sie stolz.

«Bride For Sale»

Rokhsareh Ghaem Maghami schickt Sonitas Video an einen amerikanischen Talentwettbewerb. «Bride for Sale» gewinnt. Ein amerikanisches Kunst-College will Sonita aufnehmen. Papiere besitzt sie noch immer keine. Die Odyssee geht weiter und weiter. Und Sonita bestückt weiterhin ihr «Traumbuch», ein Album, in das sie Bilder ihrer Stars klebt, und ihr eigenes Gesicht auf ihre Hälse setzt.

Macht sie das heute immer noch? «Bald beginne ich mein zweites Traumbuch. Das erste ist voll. Aber jeden Tag kommen neue Träume hinzu! Träume sind wichtig. Träume sind Hoffnung. Viele Träume bedeuten viel Hoffnung.»

Das war mal Rihanna: aus Sonitas Traumbuch.
Bild: Xenixfilm

Und was ist ihr grösster Traum? «Ich will die Zwangsverheiratung von Mädchen beenden. Ich will mit der afghanischen Regierung in Kontakt treten und gemeinsam mit ihr etwas unternehmen. Man muss bei der Aufklärung der Eltern anfangen. Wir Jugendlichen wissen schon, was gut für uns ist, wie unsere Zukunft aussehen sollte, aber das hat nichts mit dem zu tun, wie viele traditionell erzogene Eltern unsere Zukunft sehen. Meine Geschichte habe ich jetzt erzählt, jetzt will ich die Geschichten von vielen anderen Mädchen erzählen.» Eine Monsteraufgabe.

Jetzt, an einem sonnigen Morgen in Zürich, kämpft sie bloss mit dem Frühstücksbuffet im Hotel. Sie sucht Cream Cheese, den einzigen Käse, den sie mag. Eins von den Dingen, die sie in Amerika lieben gelernt hat. Neben der Natur. «An Amerika hasse ich am meisten die Häuser», sagt sie, «ich bin nicht gern in Häusern. Aber ich liebe die Wiesen, Hügel und Seen. Was ich an Amerika gar nicht verstehe, ist dies: Wie kann ein Land behaupten, es sei das beste Land der Welt, dabei hat es so viele Obdachlose und Arme?»

Sie hat oft Heimweh, nach Afghanistan, nach ihrer Familie. Sie ist mit ihren Eltern im Reinen: «Sie unterstützen mich, und ich unterstütze sie. Nicht mit Geld. Das hat man in meiner Familie nie. Aber mit Liebe. Davon haben wir genug.»

Der Dokumentarfilm «Sonita» läuft ab 7. April im Kino. Wer sich zum Thema Zwangsverheiratung von Mädchen informieren oder helfen möchte, kann dies über sonita.org tun.

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