Justiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Genügend gestraft» – Sohn ertrank in Reuss: Obergericht erlässt Vater die Strafe



Bild

Der Ort der Tragödie an der Reuss bei Windisch. Bild: AZ

Das Aargauer Obergericht hat einem Vater, dessen zweijähriger Sohn 2015 bei einem Spaziergang in die Reuss fiel und ertrank, die Strafe erlassen. Der Vater sei vom Tod seines Kindes schwer betroffen, befanden die drei Richter einstimmig.

Der 46-jährige Schweizer wurde gleichzeitig wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Das am Mittwoch eröffnete Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Das Bezirksgericht Brugg hatte den Mann im November 2016 wegen des gleichen Schuldspruchs zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten und zu einer Busse von 2000 Franken verurteilt.

Gegen die Strafe wehrte sich der Mann vor Obergericht. Sein Mandant sei schon «genügend gestraft, geprägt und gezeichnet», sagte der Verteidiger. Es handle sich «einfach um einen brutalen Unfall». Der Fall sei «eingebettet in einen Rosenkrieg». Der Vater und die Kindsmutter sind geschieden.

Das Strafgesetzbuch sieht einen Straferlass ausdrücklich vor, wenn der Täter durch die unmittelbaren Folgen seiner Tat so schwer betroffen ist, dass eine Strafe unangemessen wäre.

Kurz aus den Augen verloren

Der tragische Fall ereignete sich an einem Samstagabend Ende April 2015. Der Mann war mit dem zweijährigen Sohn auf dem Heimweg von einer Feuerstelle.

Sie gingen auf einem gefährlichen Weg bei Windisch entlang der Reuss. Der Vater verlor den Buben kurz aus den Augen – und dieser verschwand im Fluss. Die beiden waren bereits früher an der gleichen Stelle unterwegs gewesen.

Erst drei Wochen später wurde die Leiche des Kindes in der Aare beim Wasserkraftwerk Döttingen-Beznau AG geborgen. Eine Obduktion ergab, dass das Kind ertrunken war.

Der Mann handelte gemäss Urteil des Obergerichts fahrlässig und sein Verschulden ist mittelschwer. Der Vater hätte an der gefährlichen, exponierten Stelle eine erhöhte Sorgfaltspflicht wahrnehmen müssen. Er hätte den Sohn an der Hand nehmen und beaufsichtigen müssen.

«Ich wollte ein guter Vater sein»

Der Vater, der mittlerweile arbeitslos ist und eine psychologische Therapie besucht, wurde von den Richtern ausführlich zu seiner Betroffenheit befragt. Der hagere Mann hatte Mühe, über das Geschehene und seine Gefühle offen zu reden. Er mache sich Vorwürfe und vermisse seinen Sohn, sagte er: «Ich wollte ein guter Vater sein, und ich hätte besser aufpassen müssen.»

Seine Aussagen zeigten auf, dass er unter der Strafuntersuchung und unter den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft leidet. Er war vorübergehend abgehört worden. Offenbar wurde ein Verbrechen nicht ausgeschlossen. «Man hat nur geschaut, mich als bösen Mann darzustellen», sagte er vor Obergericht.

Das Bezirksgericht Brugg unter Vorsitz der heutigen Aargauer Regierungsrätin Franziska Roth (SVP) hatte dem Vater unter anderem vorgeworfen, dass er nach drei Wochen wieder zu 60 Prozent arbeitete. Vor Obergericht wurde klar, dass das Careteam dem Mann jedoch genau dies empfohlen hatte, um wieder schrittweise in den Alltag zurückzufinden.

Schwere Betroffenheit angezweifelt

Der Staatsanwalt forderte vor Obergericht, dass neben dem Schuldspruch auch die bedingte Freiheitsstrafe bestätigt wird. Er zweifelte den grossen Schmerz des Vaters an. Der Vater sei weit weniger betroffen vom Tod des zweijährigen Knaben als die Mutter.

Deren Anwältin sagte, der Mann habe sich nach dem Verschwinden des Buben «seltsam verhalten». Es hatte rund 45 Minuten gedauert, bis er Alarm schlug.

Die drei Oberrichter kamen gemäss eigenen Angaben nach harter Diskussion zum Schluss, dass der Vater vom Tod des Buben bereits schwer betroffen sei. Die Betroffenheit sei jedoch «nicht so einfach herauszuhören». Der Mann wischte sich verschämt die Tränen aus den Augen. (sda)

Im Namen des Rechts: Diese Justizfälle haben die Schweiz bewegt

«Er ist unschuldig?» – wie Luanas Traum von der Freiheit vor dem Aargauer Obergericht jäh platzte

Link zum Artikel

Kondome, Viagra, Medienstelle: Der «Rollstuhl-Bomber» erzählt vor Gericht krude Romane

Link zum Artikel

«Wir sind durch die Hölle gegangen» – Das sagt der Schlieremer Polizist zum Bundesgerichtsentscheid

Link zum Artikel

«Fall Walker»: Das Obergericht übt sich in Schadensbegrenzung

Link zum Artikel

Eine lesbische Liebe, Kokain-Sucht und Salmiakgeist, 12 Prozent: Der Mordprozess Hochweid

Link zum Artikel

Carlos vor Gericht: Ein schweigender Trötzler

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Aargauer Obergericht spricht Hochseilartist Freddy Nock frei

Das Obergericht des Kantons Aargau hat am Dienstag den Hochseilartisten Freddy Nock vom Vorwurf der versuchten vorsätzlichen Tötung seiner Frau freigesprochen. Das Urteil kann noch ans Bundesgericht weitergezogen werden.

Dem heute 55-Jährigen Nock sprach das Gericht eine Genugtuung von 11'000 Franken zu sowie 12'000 Franken Entschädigung für entgangene Einnahmen. Dem Artisten waren verschiedene Auftritte als Folge des Verfahrens gestrichen worden.

Es ging um zwei längst vergangene Vorfälle. Im …

Artikel lesen
Link zum Artikel