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E.T.

Auf dem BMX-Velo zu den Sternen: «E.T.» verzückte 1981 die Welt. Bild: via imdb

Analyse

Von «E.T.» zu Netflix-Hit «Stranger Things»: So magic waren die 80er

«Es ist 1985 … und ein Sommer in Hawkins, der alles verändern kann». So wirbt Netflix für die 3. Staffel «Stranger Things». Doch woher kommt eigentlich unser Drang, ausgerechnet die 80er zu verklären? Hier sind die Gründe.



Für mich gehören die 80er zum gelebten Leben. Für Jüngere sind sie eine Zeit vor der eigenen Zeitrechnung. Quasi pränatal. Mythisch. Magisch. Das Verrückte: Uns beide, also die Digital Natives und die andern, die wie ich vom analogen ins digitale Zeitalter migrierten, packt angesichts einer retroromantischen Serie wie «Stranger Things» eine kollektive Nostalgiesucht. Aber wieso?

Wie sinnstiftend eine Epoche war, merkt man ja immer erst im Nachhinein. Während der 80er interessierten mich diese herzlich wenig. Es war halt einfach das Heute, in dem ich lebte, ein Heute mit seinen Gadgets, seinem Soundtrack, seinen Filmen und Serien. Es begann mit «E.T.» – einer fiktionalen Konfrontation von Kindern mit einem Alien – und wurde mit dem realen Fall der Berliner Mauer beendet.

Der Mauerfall war das Ereignis, das die Welt damals am stärksten prägte. Bis zum nächsten Fall, dem Fall der Türme 2001. Zwischen Mauer und Türmen startete die digitale Revolution durch. Aber davor?

Das Titelbild der Jugendzeitschrift

Nena sang sich mit Achselhaaren zum Totalerfolg. Bild: DPA

In den 80ern war die Welt, was man «noch in Ordnung» nennt. Von einer analogen Reinheit, wie sie danach nie mehr sein würde. Kein Mensch fürchtete sich vor sowas wie der Globalisierung. Der Kalte Krieg befand sich in seinen letzten Jahren und hielt die weltweiten Kräfteverhältnisse in einer praktischen Schwebe. Der Westen war gut, der Osten böse, was durch das Reaktorunglück von Tschernobyl aufs trefflichste bewiesen wurde.

Der musikalische Osten von Europa endete in Wien, nämlich beim frivolen Koksverherrlicher Falco, Amerika dagegen konnte nicht präsent genug sein, die grössten Popstars hiessen Michael Jackson, Madonna, Whitney Houston. Die grössten? Gab es damals überhaupt einen Popstar, der nicht gross war? Flutete nicht so viel Fun wie nie vorher die Welt?

ZUM 20. TODESTAG DES OESTERREICHISCHEN POPSTARS FALCO AM 6. FEBRUAR, STELLEN WIR IHNEN HEUTE, 1. FEBRUAR 2018, FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Austro-Pop Star Falco feierte am 17.02.1987 im bekannten Wiener

Hier sehen wir das grosse Kind Falco 1987 bei seinem 30. Geburtstag. Bild: APA

Trügt der Eindruck, oder gibt es aus keinem andern Jahrzehnt so viele Musik-Compilations wie aus den 80ern?

Mit Musik ging alles besser. Bob Geldof versuchte mit dem All-Stars-Konzert «Live Aid» Afrika zu retten. Überhaupt wollte man damals viel retten, allem voran bedrohte Robbenbabys. Denn was irgendwie nach Kuscheltier aussah, war super. Zum Beispiel die «Gremlins» oder der Drache Fuchur in «Die unendliche Geschichte». Fluffige Sänger wie Limahl und George Michael. Und Stephen King schrieb «Friedhof der Kuscheltiere».

Neverending Story

Fuchur, der sanfte Drache aus der «Unendlichen Geschichte». Bild: via imdb

Der Eurovision Song Contest hiess noch Grand Prix Eurovision de la Chanson und war nicht wichtig. Die Hitparade auf dem 1983 ins Leben gerufenen DRS3 hingegen sehr. Prinzessin Stephanie de Monaco hatte einen Hit mit der Single «Ouragon». Lady Di und Kim Wilde prägten mit ihren blonden Föhnwellen die Friseurkunst eines Jahrzehnts. Nena bewies allen, das man sich auch mit Achselhaar an die Spitze der Charts singen konnte. Und 1985 gewann Boris Becker mit 17 Jahren Wimbledon. Alle waren plötzlich sehr, sehr jung.

Der deutsche Tennisspieler Boris Becker hechtet während des Turniers in Wimbledon im Juli 1985 hinter einem Ball her. Als jüngster Spieler und erster Deutscher überhaupt gewann der ungesetzte Boris Becker am 7. Juli 1985 spektakulär gegen Kevin Curren in vier Sätzen das Wimbledon-Finale. (KEYSTONE/DPA/RUEDIGER SCHRADER)

Als Boris 1985 Wimbledon gewinnt, ist er noch nicht viel mehr als ein Kind. Bild: dpa

Neben Russland hiess der grosse Angstgegner Drogen.

Das Buch, das wir damals alle nicht lesen durften, der Film, der wir nicht sehen durften, hiess «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo». Übles, tödliches Berlin. Und in Zürich starben die Junkies am Letten. Städte, so lernte ich als Landkind, waren reine Drogenhöllen. Weshalb ich auch nicht nach Basel ans Gymnasium durfte, sondern bloss nach Muttenz im Kanton Baselland. Basel, hiess es, sei einfach voller Drogen.

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Natja Brunckhorst als 13-jährige Christiane F. in «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo», dem Berliner Junkie-Drama, in dem auch Superstar David Bowie auftritt und «Heroes» singt. Bild: via imdb

Wenn wir unterwegs waren, waren wir unterwegs. Quasi der Welt abhanden gekommen. Telefonieren konnte man unterwegs nur aus Telefonkabinen, die rar waren und kosteten.

Mobiltelefone? Nie gehört. Schnell entzog man sich so jeder Aufsichtsmöglichkeit der Eltern. Verschwand im tiefsten Wald oder in der tiefsten Stadt und keinen kümmerte es. Denn auch die Helikoptereltern waren damals noch nicht erfunden.

Vom Internet wurde höchstens in Science Fiction geträumt. Die Agilität von Mails, von sozialen Medien, von Werbung, die auf das Webverhalten der User abgestimmt war, von Kommunikations-Apps – völlig unvorstellbar. Pornos spielten auf dem Pausenplatz keine Rolle, höchstens Doktor Sommer aus der «Bravo». Wer fotografierte, entwickelte seine Bilder noch in einer Dunkelkammer, und Geld holte man ganz physisch auf der Bank oder am Postschalter. In den Ferien löste man Cheques ein.

Dirty Dancing

Oh Baby! Patrick Swayze und Jennifer Grey zeigen in «Dirty Dancing» wie eine heisse Ferienromanze geht. Bild: via imdb

Es war eine Welt die von heute aus gesehen wie unter Zeitlupe erscheint. Alles brauchte seine Zeit, man musste sich irgendwohin begeben, um nach etwas zu suchen, Lexika und Bibliotheken waren unabdingbar, alles war sehr physisch. Typisch, dass im Kino unzählige Tanzfilme liefen, «Dirty Dancing», «Flashdance», «Footlose». Tanzten wir damals viel? Aber sicher. An Partys, in Skilagern, mit und ohne Zahnspange.

Wenn wir unglücklich verliebt waren, besang Bonnie Tyler für uns die totale Sonnenfinsternis des Herzens. Und ja, sie tat dies genau so oft ab Kassette wie ab Schallplatte.

Flashdance

Die andere toll tanzende Jennifer, nämlich Jennifer Beals, in «Flashdance». Bild: via imdb

Was ich heute aus den 80ern behalten habe, was in einer Serie wie «Stranger Things» aus den 80ern wieder zum Leben erweckt wird, gleicht selbst so einem dünn gespielten Band aus Kunststofffolie. Die Erinnerungen werden blasser, werden hoffnungslos nostalgisch, bestehen aus Musikfetzen und Dingen, die ich gar nie besessen habe, etwa ein BMX-Velo, die mir aber so oft als Essenz der 80er vorgehalten wurden, dass sie langsam auch in meiner Biografie eine Rolle zu spielen beginnen.

Vergangenheit ist ein Puzzle aus Eigenem und Allgemeinem. Aus Erinnerungen, Atmosphäre und Geschichte.

Und ja, wahrscheinlich lassen sich die 80er von all den vielen Jahrzehnten vor uns am einfachsten verklären. Weil sie retrospektiv das letzte Jahrzehnt vor dem digitalen Umbruch waren, vor der totalen Vernetzung und Entgrenzung. Die Welt war klar uns simpel. Eine kindliche Zeit. Grenzen waren Grenzen. Und was sie zu überschreiten vermochte, waren unschuldige Kinder, Ausserirdische oder Monster. Genau so wie «Stranger Things» dies jetzt wieder zelebriert. Passt schon.

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