Willkommen zum ESC-Picdump: Die 70 schönsten Bilder aus 70 Jahren
Gleich vorneweg für alle, die's besser zu wissen glauben: Nein, das mit dem 70. Geburtstag ist kein Rechenfehler, 2026 wird der ESC nicht 71, sondern erst 70. Eine ESC-Ausgabe fiel nämlich Corona zum Opfer.
1956 bis 1960: Die doppelte Lys
1956, Lugano
Die Geschichte des ESC beginnt 1956 in Lugano. Damals heisst er noch Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne und beteiligt sind folgende Länder: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Schweiz. Jedes Land darf mit zwei Songs ins Rennen. Lys Assia gewinnt für die Schweiz mit «Refrain». Hier erhält sie im gleichen Jahr vom deutschen Plattenlabel Decca eine Goldene Schallplatte für viele verkaufte Tonträger. Wie viele das genau waren, ist leider nicht überliefert. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» bezeichnete «Refrain» als «gefälliges Erzeugnis», was ganz gewiss nicht nett gemeint war.
1957, Frankfurt
Promo-Fotos sind was Wunderbares. Hier bereitet sich die Französin Danièle Dupré auf ihren ESC-Auftritt (für Luxemburg, nicht für Frankreich) in Frankfurt vor. Sie singt «Tant de peine» (So viel Schmerz) und verliert wie alle anderen gegen die Niederländerin Corry Brokken.
1958, Hilversum
Wer ist denn das? Oh, schon wieder Lys Assia! Nach 1956 und 1957 tritt sie auch 1958 wieder an, jetzt mit dem lüpfigen «Giorgio» (der Gigolo vom Lago Maggiore). Einsteigebilder in die Swissair waren früher wahnsinnig beliebt. Leoparden-Print ist es auch heute noch. Es gewinnt der Franzose André Claveau mit «Dors, mon amour» (Schlafe, meine Liebe), und man möchte lieber nicht allzu exakt wissen, was er damit meint.
1959, Cannes
Fans warten auf dem Flughafen Schiphol auf die niederländische ESC-Gewinnerin Teddy Scholten. Sie gewann in Cannes mit «’N beetje» (ein wenig).
1960, London
Die Französin Jacqueline Boyer ist tatsächlich keine andere als die Stieftochter der grössten französischen Chansonnière schlechthin: Edith Piaf. Auch ihre leiblichen Eltern sind beide aus dem Musikgeschäft und so wäre es eine wahre Familienschande gewesen, wenn Boyer mit «Tom Pillibi» 1960 nicht gewonnen hätte. Hat sie aber.
1961 bis 1965: Zu jung für die Liebe
1961, Cannes
Der ESC wächst und wächst, jetzt sind schon 16 Länder dabei, darunter auch Monaco, Jugoslawien, Österreich, Schweden, Norwegen und Finnland. Hier sehen wir die lebenslustige Franca di Rienzo, eine Französin italienischer Herkunft, die für die Schweiz mit «Nous aurons demain» (Wir werden morgen haben) den schönen dritten Platz erreicht. Es gewinnt Luxemburg.
1962, Luxemburg
Damals gab es nur ein einziges Bühnenbild und 1962 passt es besonders gut zur Österreicherin Eleonore Schwarz. Mit «Nur in der Wiener Luft» kommt sie immerhin nicht auf den letzten, sondern auf den lieb gemeinten zweitletzten Platz. Es gewinnt schon wieder Frankreich.
1963, London
Ist dieses Bild zu fassen? Rechts sehen wir die Griechin Nana Mouskouri, die damals in Europa schon ein Superstar ist, am ESC für Luxemburg mit «A force de prier» (Mit inbrünstigem Gebet) jedoch nur auf den achten Platz kommt. Neben ihr: das dänische Sieger-Ehepaar Grethe und Jørgen Ingmann.
1964, Kopenhagen
1964 betört die erst 16-jährige italienische Schülerin Gigliola Cinquetti das Publikum und gewinnt mit «Non ho l'età (per amarti)» (Ich bin zu jung, um dich zu lieben).
1965, Neapel
«I Belong» heisst der Song, der die Britin Kathy Kirby auf den zweiten Platz katapultiert. Hinter? Frankreich oder Luxemburg? Luxemburg. Hier ruht sich Kirby nicht auf Fanpost auf, sondern auf der halben Million Postkarten, mit denen das britische TV-Publikum «I Belong» an den ESC schickt.
1966 bis 1970: Udos Aufstieg
1966, Luxemburg
Zwei Legenden! Die Französin France Gall, die mit «Poupée de cire, poupée de son» 1965 für Luxemburg gewann. Und Udo Jürgens, der 1966 mit «Merci, Chérie» für Österreich gewinnt.
1967, Wien
Wer ist denn das? Es ist die flotte Bernerin Géraldine, die in Wien mit «Quel cœur vas-tu briser?» (Welches Herz wirst du brechen?) auf den, nun, letzten Platz kommt. Es gewinnt die Britin Sandie Shaw mit einem neuerlichen Puppenlied, nämlich mit «Puppet on a String».
1968, London
Die herzige 21-jährige Norwegerin Wencke Myhre bringt Deutschland mit «Ein Hoch der Liebe» auf den sechsten Platz. Die Spanierin Massiel gewinnt mit «La, la, la» (La, la, la).
1969, Madrid
Die Norwegerin Kirsti Sparboe «Oj, oj, oj, så glad jeg skal bli» (Ui, ui, ui, wie glücklich ich sein werde) demonstriert im Vorfeld des ESC offensiv Glücksgefühle. Es reicht ihr … immerhin für den letzten Platz. Platz eins teilen sich ungelogen Spanien, Frankreich, Grossbritannien und die Niederlande. Gleich dahinter kommt die Schweiz.
1970, Amsterdam
Sie ist 19, kommt aus Nordirland, heisst Dana (nein, nicht Dana International) und gewinnt in Amsterdam mit «All Kinds of Everything» (Alles Mögliche). Später wird sie Politikerin.
1971 bis 1975: ABBA!!!
1971, Dublin
Oh, die Swissair! Und drei sehr junge Leute, die nicht zum letzten Mal zum ESC reisen werden. Hier sind Peter Reber, Susan Schell und Marcel Dietrich alias Peter, Sue & Marc vor dem Abflug nach Dublin, wo sie mit «Les illusions de nos vingt ans» (Die Illusionen unserer Zwanziger) auf dem zwölften Platz enden werden. Séverine aus Monaco gewinnt mit «Un banc, un arbre, une rue» (Eine Bank, ein Baum, eine Strasse).
1972, Edinburgh
So sehen Stars aus dem Umfeld von David Bowie aus! Oder Vicky Leandros. Die griechisch-deutsche Sängerin geht mit «Après ski», Quatsch, mit «Après toi» (Nach dir) für Luxemburg an den Start und gewinnt. Da Zwergstaat Monaco eine ESC-Austragung nicht stemmen konnte, hat Grossbritannien die Gastgeberschaft übernommen.
1973, Luxemburg
Wait, what? Gewinnt 1973 etwa schon wieder Luxemburg? Ja. Anne-Marie David mit der Selbstbespiegelungs-Nummer «Tu te reconnaîtras» (Du wirst dich wiedererkennen). Im Bild ist aber der Schweizer Patrick Juvet, der hier sehr viel mit dem deutschen Schauspieler Sascha Hehn gemeinsam hat und ein tipptoppes Pulli- und Jeans-Model ist. Er wird mit «Je vais me marier, Marie» (Ich werde heiraten, Marie) glanzloser Zwölfter.
1974, Brighton
Logisch, dass Luxemburg überhaupt nicht in der Lage ist, schon wieder einen ESC auszurichten, deshalb springt das schmucke englische Seebad Brighton ein. Und wir erleben den bisherigen Höhepunkt der ESC-Geschichte. ABBA gewinnt für Schweden mit «Waterloo»! Hier sieht man die Fab Four erschöpft am Tag nach dem Sieg in einem Londoner Hotelzimmer.
1975, Stockholm
Et voilà: die niederländische Band Teach-In bei einem vergnügten Stadtspaziergang durch Stockholm. Und weil sie so gut drauf sind, gewinnen sie auch. Mit «Ding-a-Dong». Was auf Deutsch so viel heisst wie «Ding dong».
1976 bis 1980: Swissair-Nostalgie
1976, Den Haag
Hier einfach mal eine zufällig ausgewählte ESC-Präsentatorin. Nein, ist sie natürlich nicht. Die Gastgeberin, die in Den Haag durch den Abend führt, heisst Corry Brokken und hat 1957 den zweiten ESC gewonnen.
1977, London
Wie schwierig es ist, ein Swissair-Flugzeug mit einem Alphorn zu besteigen, sieht man hier. Nein, ist es natürlich nicht. Die Pepe Lienhard Band reist mit der von Peter Reber geschriebenen Alphorn-Erotisierung «Swiss Lady» nach London (gewonnen hat im Vorjahr Brotherhood of Man mit «Save Your Kisses for Me») und ergattert sich den immer noch ganz guten sechsten Platz. Es gewinnt mal wieder Frankreich.
1978, Paris
Izhar Cohen and the Alphabeta gewinnen mit «A-Ba-Ni-Bi» (Ich), aber das bessere Bild liefern Maria Mandiolo und Mayte Metheos vom spanischen Disco-Duo Baccara. Ihr Song heisst «Parlez-vous français» und sie singtanzen für Luxemburg. Es gibt dafür den siebten Platz.
1979, Jerusalem
Und schon wieder gewinnt Israel. «Hallelujah» ist längst zum ESC-Klassiker geworden, im Bild Sängerin Gali Atari von Gali Atari and Milk and Honey in einem damals äusserst populären Rattan-Stuhl. Der Londoner Zoo taufte nach den ESC-Siegern zwei Braunbären-Babys Milk und Honey.
1980, Den Haag
Den Haag erlöst Israel von der Last, schon wieder einen ESC veranstalten zu müssen. Es gewinnt der Ire Johnny Logan mit «What's Another Year?» und einem herzigen Luftsprung mitten im Feierchaos des ESC. Die Schweiz erreicht mit Paola und «Cinéma» den sehr suprigen vierten Platz.
1981 bis 1985: Friedensdemo-Soundtrack
1981, Dublin
Die britische Band Bucks Fizz gewinnt mit «Making Your Mind Up» (Entscheide dich) und einer kleinen Halbstrip-Einlage: Die beiden Sängerinnen kommen nämlich zuerst mit züchtig langen Jupes auf die Bühne. Exakt in der Mitte ihrer Nummer langen die beiden Herren zu und die Damen stehen im Minirock da. Der Handgriff geht um die Welt. Und die Schweiz schafft es schon wieder auf den vierten Platz! Peter, Sue & Marc & ihre Panflöte verzaubern die Welt mit dem Liebesseufzer «Io senza te» (Ich ohne dich).
1982, Harrogate
Sie singt als Letzte und geht als Erste: Nicole mit Gitarre und Klosterschülerinnenlook gelingt, was bisher noch nicht gelungen ist – ein deutscher ESC-Sieg! Und dann auch noch mit einem deutschen Lied! Das schafft nach ihr niemand mehr. «Ein bisschen Frieden» ist nicht nur ein bisschen ein Friedensdemo-Song, sondern sehr. Für die Schweiz erreicht Arlette Zola mit «Amour, on t'aime» (Liebe, man liebt dich) den sensationellen dritten Platz.
1983, München
Höchste Zeit, dass mal wieder Luxemburg gewinnt, oder etwa nicht? Und ja, die 21-jährige Corinne Hermès trägt die Siegestrophäe mit der Betrachtung «Si la vie est cadeau» (Wenn das Leben ein Geschenk ist) nachhause. Im Bild: unsere glücklose Mariella Farré, die zwar schön geschminkt, aber nur 15. wird. Was sie prima mit ihrem Songtitel «Io così non ci sto» (Da mache ich nicht mit) kommentieren kann.
1984, Luxemburg
Hier springt der norwegische Mehrfachteilnehmer Jahn Teigen über die schwedische Gewinner-Boyband Herrey's. Ihr Songtitel lautet «Diggi-loo Diggi-ley» und lässt sich nicht übersetzen. Herrey's besteht aus den drei Brüdern Per Herrey, 25, Richard Herrey, 19, und Louis Herrey, 17. Die Schweizer Band Rainy Day fragt sich «Welche Farbe hat der Sonnenschein?», was aber niemanden interessiert. Platz 16 von 19.
1985, Göteborg
Wer erinnert sich nicht an die so ansteckend gut gelaunten Norwegerinnen Hanne und Elisabeth von Bobbysocks? An ihr «La det swinge» (Lass es swingen)? Nach dem Sieg trinken sie gleichzeitig Champagner und telefonieren nach Hause. Ihre Nummer verbreitet immer noch fantastische Laune. Für den Schweizer Altersheim-Evergreen «Piano, piano» gibts Platz zwölf.
1986 bis 1990: Superstar Céline Dion
1986, Bergen
13! Sandra Kim aus Belgien ist 13, als sie mit ihrer Lebensbejahungs-Hymne «J'aime la vie» alle anderen wegtischt. Im Bild ist sie bei ihrer triumphalen Ankunft in Brüssel zu sehen. Und die Schweiz setzt allmählich zu ihrem Eighties-Höhenflug an: Daniela Simons wird mit «Pas pour moi» Zweite!
1987, Brüssel
16! 16 Tage nach der Geburt ihrer Tochter Malin singt Lotta Engberg in Brüssel für ihr Heimatland Schweden. Es ist unfassbar. Zumal sie sich nicht einfach ganz ruhig an ein Mikrofon stellt, sondern Rad schlagend über die Bühne turnt. Doch es gewinnt schon wieder der Ire Johnny Logan, jetzt mit «Hold me Now». Die Schweiz macht eine kurze Verschnaufpause auf dem unbedeutenden 17. Platz mit der gewiss Fondue-inspirierten Nummer «Moitié-moitié». Inzwischen nehmen 22 Länder am ESC teil.
1988, Dublin
A Superstar is born! Und für eine Nacht gehört sie nur uns! Die knapp 20-jährige Kanadierin Céline Dion singt für die Schweiz und dominiert Dublin. Mit einer Stimme, an der sämtliche guten Himmelsmächte mitgewirkt haben müssen, mit einem perfekten Gespür für Drama und Freude. «Ne partez pas sans moi», geschrieben von Nella Martinetti und Atilla Şereftuğ, ist bis heute ein Stück atemlose Perfektion. Danke an alle Beteiligten.
1989, Lausanne
Die jugoslawische Gruppe Riva gewinnt in Lausanne mit «Rock Me» und freut sich wie verrückt bei der Punktevergabe. Die Schweiz versucht's mit Furbaz, vergebens.
In Zagreb holt Toto Cutugno mit «Insieme: 1992» den Sieg für Italien und auch er hat wie Deutschland, Österreich, Norwegen und Irland eine politische Botschaft: Es geht um Gemeinschaft und Grenzenlosigkeit und nicht ganz heimlich um den Zusammenbruch des Ostblocks und den Mauerfall. Aber selbstverständlich lässt es sich nach dem ESC auch im Fussball-Kontext recyceln.
1991 bis 1995: Drei irische Siege
1991, Rom
Das ist er also, der Beginn der Sandra-Studer-Saga. Die spätere SRF- und ESC-Moderations-Legende singt 1991 in Rom als Sandra Simó für die Schweiz und wird sehr respektable Fünfte mit «Canzone per te» (Lied für dich). Es gewinnt die Schwedin Carola.
1992, Malmö
Oje, oje, diese beiden Schweden hingegen versagen unsäglich: Sänger Christer Björkman (links) und Songwriter Niklas Strömstedt enden auf dem beschämenden 22. Platz. In Schweden. Entsprechend bedröppelt verfolgen sie die Punktevergabe. Der Sieg geht an ... Irland! Der unverzichtbare Johnny Logan hat für Linda Martin den Song «Why Me?» geschrieben. Seit 1992 heisst die Veranstaltung übrigens auch offiziell Eurovision Song Contest, zuvor war dies nur in Grossbritannien üblich, nämlich ab 1960.
1993, Millstreet
Das hier sind Verwandte der britischen Sängerin Sonia (auf dem Poster), die zweite wird. Hinter .... Luxemburg? Nein, schon wieder Irland! Genauer Niamh Kavanagh mit «In Your Eyes». Jetzt ganz ohne Johnny-Logan-Beteiligung.
1994, Dublin
Hier begegnen wir dem 21-jährigen Duilio aus Frenkendorf, der die Schweiz in Dublin vertritt. Mit «Sto pregando» (Ich bete) wird er 19. Es gewinnt … neiiin! Echt! Nicht! Wahr! Zum dritten Mal hintereinander Irland! Paul Harrington & Charlie McGettigan begeistern Europa mit ihren «Rock 'n' Roll Kids».
1995, Dublin
Seit die osteuropäischen Staaten am ESC mitmachen dürfen, werden die Regeln immer komplizierter und ändern sich jährlich, da blicken nur noch ESC-Vollnerds durch. Fest steht 1995, dass die Schweiz pausieren muss, sie war zu schlecht im Vorjahr. Im Bild: Die Wienerin Stella Jones, die mit «Die Welt dreht sich verkehrt» 13. wird. Norwegen gewinnt mit «Nocturne».
1996 bis 2000: Der Nussecken-Bäcker
1996, Oslo
Wer ist denn das? Etwa der aparte a-ha-Sänger Morten Harket in aparter norwegischer Tracht? Ja! Denn Morten moderiert den ESC gemeinsam mit Ingvild Bryn (rechts). Siegerland wird Irland. Ja, ehrlich wahr. Mit «The Voice» von Eimear Quinn. Kathy Leander landet für die Schweiz mit «Mon coeur l'aime» (Mein Herz liebt ihn) auf dem 16. Platz.
1997, Dublin
Wenn es um einen Wettbewerb in nicht synchroner Choreografie ginge, dann würde die niederländische Formation Mrs. Einstein (im Bild) mit «Niemand heeft nog tijd» (Niemand hat mehr Zeit – um die Schritte richtig zu lernen?) mit Abstand gewinnen. So geht der Sieg an Grossbritannien – Katrina and the Waves gelingt mit «Love Shine a Light» ein neuer ESC-Klassiker. Die Schweiz ist unter «sehr viel ferner liefen».
1998, Birmingham
Ach, wenn das nicht Guildo Horn und seine Mutter Lotti beim Nussecken-Backen sind! Der deutsche Exzentriker schafft es mit dem Meta-Schlager «Guildo hat euch lieb!» auf den überraschenden siebten Platz, die trans Künstlerin Dana International gewinnt mit «Diva» für Israel und macht den ESC für immer zum queeren Mega-Event. Und die Schweiz? Ehrt den letzten Platz mit Gunvors «Lass ihn» und spektakulären null Punkten.
1999, Jerusalem
Hier sehen wir die 98er-Gewinnerin Dana International, wie sie in der Altstadt von Jerusalem einen Einspieler für die grosse ESC-Show aufzeichnet. Auch 1999 darf die Schweiz nicht mitmachen, Regeln sind Regeln, der letzte Platz vom Vorjahr führt erst einmal ins Abseits. Es gewinnt mal wieder Schweden beziehungsweise Charlotte Nilsson mit «Take Me to Your Heaven».
2000, Stockholm
Deutschland, deine Männer … Auf Guildo Horn folgt Nonsens-Maschine Stefan Raab mit «Wadde hadde dudde da?» und erreicht in der Zirkusmanege namens ESC den viel zu guten fünften Rang. Die Schweiz ist schon wieder so schlecht, dass sie 2001 wird aussetzen müssen, und die dänischen Olsen Brothers gewinnen mit «Fly on the Wings of Love».
2001 bis 2005: Russische Pseudolesben
2001, Kopenhagen
So sehen Männer hinter Songs aus. Diese beiden heissen Henrik Sethsson und Thomas G:son (kein Schreibfehler!) und haben den schwedischen Wettbewerbsbeitrag «Listen to your Heartbeat» (Rang fünf) geschrieben. G:son schreibt später auch die beiden Siegertitel für Loreen. Doch jetzt gewinnt zum ersten Mal Estland.
2002, Tallinn
Darf man in Tallinn backstage etwa rauchen? Es scheint so! Die Französin Sandrine François (sie wird Fünfte) jedenfalls hat sich zum Telefonieren eine Zigarette angesteckt – wer genau schaut, sieht den feinen Rauchfaden. Die Schweiz ist mit Francine Jordi schon wieder so schlecht, dass sie auch 2003 aussetzen muss. Und nach Estland gewinnt Lettland.
2003, Riga
Den russischen Pseudolesben (ein genialer Marketing-Schachzug) von t.A.T.u. gelingt am ESC der Sprung auf den dritten Platz. Sie liegen nur knapp drei Punkte hinter Siegerin Sertab Erener aus der Türkei.
2004, Istanbul
Hier kehrt Siegerin Ruslana heim und küsst ukrainische Heimaterde, ebenso ihr Begleiter, der Leiter der ukrainischen Delegation. Und die Schweiz? Schickt ein «MusicStar»-Allstars-Grüppli nach Istanbul, erhält dafür im neu ausgerichteten Vorfinale null Pünktli und kommt entsprechend nicht weiter.
2005, Kiew
Sehr viel besser ergeht es «uns» 2005. Die Ladys von der estnischen Band Vanilla Ninja singen die Schweiz sowohl im Halbfinale als auch im Finale auf den jeweils achten Platz! Sensationell! Danke, danke, danke! Number One wird die Griechin Elena Paparizou mit «My Number One».
2006 bis 2010: Monster, Vampire und ein Truthahn
2006, Athen
Da die Finnen gewinnen, nehmen auch die Monster von Lordi wie alle menschlicheren Kandidatinnen und Kandidaten Blumenbouquets in die Hand. Herzig. Ihr «Hard Rock Hallelujah» ist definitiv die Nummer, die einen zuhause auf dem Sofa wieder so richtig aufweckt und fällt mal wieder in die Kategorie lustiger ESC-Quatsch. Die Schweiz geht mit einer Formation namens six4one auf dem undankbaren ersten Startplatz ins Rennen und endet auf Rang 16.
2007, Helsinki
DJ Bobo beweist 2007, dass seine Vampires very much not alive sind und scheitert beim Versuch, sich fürs Finale zu qualifizieren. Die menschliche Discokugel Verka Serduchka (im Bild) aus der Ukraine hat damit keinerlei Probleme und wird mit «Dancing Lasha Tumbai» Zweite hinter der Serbin Marija Šerifović und «Molita» (Gebet).
2008, Belgrad
Irland hat sich offenbar geschworen, unter gar keinen Umständen in die Nähe des Siegerpodests zu kommen, und schickt die wirre Quatschkiste Dustin the Turkey (Dustin, der Truthahn) mit «Irelande douze points» ins Rennen. Die Rechnung geht auf! Irland kommt – wie natürlich auch die Schweiz – NICHT ins Finale. Es gewinnt der Russe Dima Bilan mit «Believe». Uuuuund: 2008 wollen ganze 43 Länder am ESC teilnehmen. Deshalb feiern in Belgrad zwei Halbfinal-Events ihre Premiere.
2009, Moskau
Alexander Rybak feiert seinen 23. Geburtstag zwischen dem ersten und zweiten Halbfinale. Der in Weissrussland geborene Norweger mit der Geige ist vor dem Finale klarer Favorit und gewinnt mit 169 Punkten auf das zweitplatzierte Island. Europa erliegt seinem Charme und seinem Können, er erlebt das «Fairytale», von dem er singt, in vollen Zügen. Und die Schweiz so? Auch die Lovebugs gelangen nicht ins Finale.
2010, Oslo
Länderballone über Oslo! Und untendran die von Stefan Raab gecastete Lena Meyer-Landrut. Fast dreissig Jahre nach Nicole gewinnt sie mit «Satellite» und ihrem englischen Fantasie-Dialekt mal wieder für Deutschland. Freude herrscht. Unser Michael von der Heide wird mit «Il pleut de l'Or» und nicht null, sondern lieb gemeinten zwei Punkten sowohl im ersten Halbfinale als auch insgesamt Letzter.
2011 bis 2015: Conchitaaaa!!!
2011, Düsseldorf
Wir sind im Finale!!! Es ist schon fast un-fucking-believable! Zwar reicht es dann auch wieder nur auf den allerletzten Finalplatz, aber das Publikum war immerhin «In Love for a While» oder zeitweise verliebt, wie Anna Rossinellis überaus hübscher Song heisst. Auch heute kann man ihn noch prima zum Frühstück hören und der Tag startet gut. Es gewinnen Ell & Niki aus Aserbaidschan mit «Running Scared» (in Panik geraten), und kurz geraten alle in Panik, ob Aserbaidschan politisch gesehen wirklich zum Gastgeberland taugt.
2012, Baku
Nur knapp kann Loreen mit «Euphoria» verhindern, dass der Sieg schon wieder nach Russland geht, die Brot backenden und Party feiernden («Party for Everybody») Grosis namens Buranowskije Babuschki sind erwartungsgemäss ein kurioser ESC-Hit. Sinplus schafft es nicht, die Schweiz ins Finale zu hieven.
2013, Malmö
Muss man das kennen? Oh nein! Hierbei handelt es sich nämlich um die Schweizer Vorausscheidung in Kreuzlingen und eine Formation namens Anthony Bighead mit ihrem Song «Do The Monkey». Man hat weder vorher noch nachher von ihnen gehört. Doch auch die Heilsarmee-Band Takasa, die schliesslich für die Schweiz nach Malmö reist, hat kein Glück und scheidet im Halbfinale aus. Es gewinnt die Dänin Emmelie de Forest mit «Only Teardrops».
2014, Kopenhagen
Fotos müssen gemacht werden. Und deshalb wird der göttlichen Conchita Wurst nach ihrer Siegersong-Performance und nach dem Ende der ESC-Übertragung auch sofort die Trophäe in die rechte und etwas Dekogemüse in die linke Hand gedrückt. Die Schweiz kam mit Sebalter und «Hunter of Stars» tatsächlich ins Finale und auf den 13. Platz.
2015, Wien
Da bebt die Botschaft! Vor der grossen TV-Show tritt der Schwede Mans Zelmerlöw samt Länderballonen in der schwedischen Botschaft in Wien auf. Er besucht auch die schwedische Schule und den schwedischen Fanclub. Nach diesem Mammut-Vorprogramm gewinnt er federleicht den ESC mit «Heroes». Die Schweiz fehlt im Finale.
2016 bis 2020: Luca, erlöse uns!
2016, Stockholm
Das ist Christina Rieder alias Rykka aus Meilen, die 2016 in Stockholm für die Schweiz singt. Und was soll man sagen? Sie fehlt zwar nicht auf dem roten Teppich von Stockholm, aber im Finale. Dieses wird von der Ukrainerin Jamala und ihrer tragischen Geschichtslektion «1944» dominiert.
2017, Kiew
Diese vier haben ungeheures Pech. Sie müssen nicht auf eine ESC-Bühne, aber in Maskottchen-Kostümen in Kiews Strassen unausgesetzt für den ESC werben. Hier gönnen sie sich missmutig eine Pause. Der Portugiese Salvador Sobral holt mit «Amar pelos dois» (Für beide lieben) den ESC nach Lissabon, was für eine schöne Überraschung. Nicht überraschend ist hingegen, dass die Schweiz im Finale fehlt.
2018, Lissabon
Eben hat Netta mit ihrer lautmalerischen Nummer «Toy» den ESC in Lissabon für Israel gewonnen, schon wird sie von Prinz William als Fremdenführerin durch Tel Aviv gebucht. Was für ein Stress! Zwischen den beiden Weltereignissen liegen nämlich nur drei, vier Wochen. Wie auch immer: Beide geben vor, miteinander Spass zu haben. Die Schweiz kam leider, leider mal wieder nicht ins Finale.
2019, Tel Aviv
Jetzt aber. Die Schweiz kommt aus ihrem Loch, nein, nicht gekrochen, geradezu geschossen. Luca Hänni mimt in «She Got Me» den Latin Lover und ab geht die Post und fast nach ganz vorn, nämlich auf den vierten Platz! Wie wohltuend ist das! Der Gewinnersong heisst «Arcade» und kommt aus den Niederlanden und erinnert sich noch irgendwer daran? Wir nicht. Aber an Luca Hänni schon.
2020, nirgendwo (Rotterdam)
Corona kills the ESC. Gjon Muharremaj, besser bekannt als Gjon's Tears, ist bereits als Schweiz-Vertreter auserkoren, da wird alles wieder gestoppt. Dass sich unser Ausnahmekünstler da die Haare raufen muss, ist verständlich.
2021 bis 2025
2021, Rotterdam
Ein Jahr später findet der ESC wieder statt. Und Gjon's Tears erreicht mit seiner spektakulären Performance von «Tout l’univers» sogar den dritten Platz. Sind wir etwa auf dem Weg zur ernstzunehmenden ESC-Nation? Spoiler: Ja, sind wir. Es gewinnt the sexiest band alive, nämlich Måneskin aus Italien mit «Zitti e buoni» (Leise und brav). Selbst die Siegestrophäe müssen sie zum Penis machen, so sind sie.
2022, Turin
Das sind Oleh und Oleksandra aus der Ukraine. Oleh hat gerade mit seinem Kalush Orchestra und «Stefania» – so heisst Olehs Mutter – den ESC in Turin gewonnen, jetzt sind die beiden kurz vor der Abreise. Die Band wird danach lange durch Europa touren und alle Einnahmen nach Hause schicken, ein kleiner Zustupf an die Kriegsfinanzen. Aggressor Russland wurde direkt nach Ausbruch des Kriegs aus dem Kreis der ESC-Länder ausgeschlossen und ist es auch heute noch. Der Schweizer Marius Bear wird 17. mit der Männertränenballade «Boys Do Cry».
2023, Liverpool
Da die Ukraine im Krieg keinen ESC veranstalten kann, übernimmt Liverpool. Hier sehen wir die schwedische Schon-wieder-Siegerin Loreen bei einer offenbar lustigen, aber doch auch recht gefährlich wirkenden Probe mit ihrem Quetschbett. Der Kriegsverweigerer-Song «Watergun» von Remo Forrer bringt die Schweiz auf den dümpeligen 20. Platz.
2024, Malmö
Nemo unser in Malmö, erlöse uns von der Sieglosigkeit ... Der kollektive Wunsch der Schweiz geht in Erfüllung, Nemos «The Code» ist stilistisch ein fantastisches Fabeltier mit 23 unterschiedlichen Köpfen und katapultiert uns 36 Jahre nach Céline Dion wieder an die Spitze des weltgrössten TV-Events. Es ist alles viel zu schön. Im Bild: Nemo hat soeben Loreen die Trophäe entrissen (und wird sie im nächsten Moment aus lauter Freude auch noch entzweihauen).
2025, Basel
Der 69. ESC der Weltgeschichte findet in Basel statt und ist selbstredend wundervoll. Der Schweizer Beitrag von Zoë Më kommt auf den anständigen zehnten Platz, doch es zählen andere: Sandra Studer, Hazel Brugger und Michelle Hunziker sind die besten Moderatorinnen seit Hannah Waddingham 2023 in Liverpool! Okay, das ist ja noch gar nicht lange her, möglicherweise sind sie schlicht die besten der bisherigen ESC-Geschichte. Aber ganz sicher ist die musikalische Schweiz-Satire «Made in Switzerland» (im Bild), die Studer und Brugger gemeinsam mit ihrer schwedischen Kollegin Petra Mede und einem Monsterfondue im ersten Halbfinale abliefern, ein absolutes Bijou der TV-Live-Unterhaltung. So böse, so schräg, so lustig. Die Welt liebt sie dafür. Und jetzt übergeben wir nach Wien.
Fortsetzung folgt …
- Proteste und Störaktionen beim ESC erwartet
- «Zeigen, was ist»: ORF will beim ESC 2026 grössere Israel-Gaza-Proteste zeigen
- Kletterspinne vom Kinderspielplatz: So sieht der Schweizer ESC-Auftritt aus
- Forscher knacken den Code für einen Sieg am ESC – doch es gibt Ausnahmen
- «Ich habe noch viel zu beweisen» – Fusaro greift nach dem ESC-Finale
- Alle ESC-Songs sind da. Das fällt auf
