Leben
Filme und Serien

Barbie und kein Ende: Wie Plastic Fantastic die Weltherrschaft übernahm

Barbies
Wenn das keine Barbies sind!Bild: IMAGO / YAY Images

Barbie und kein Ende: Wie Plastic Fantastic die Weltherrschaft übernahm

Der kommende «Barbie»-Film mit Margot Robbie ist nur ein winziger, pinker Mosaikstein in der 63-jährigen Karriere der perversen Superpuppe.
12.07.2022, 17:32
Simone Meier
Folge mir
Mehr «Leben»

Ich wollte eine. Und natürlich war sie das einzige Spielzeug, das mir meine Eltern so richtig verboten hatten. Die Barbie. Ich besass als Kind bloss Julia, eine Puppe mit einem betörenden Kindfrauenkopf, viel langem, glänzendem Haar und einem Babykörper. Julia war eine ganz und gar normale Puppe. Aber von ihrer Kopf-Körper-Kombination her betrachtet eine völlig perverse Konstruktion.

Barbie war auch pervers, aber anders. Barbie war eine erwachsene Frau mit einem Teenie-Gesicht, grossen Brüsten, einer unmöglichen Hüftstellung, viel zu langen dünnen Beinen und Füssen, die so gewachsen waren, dass sie einzig auf High Heels überhaupt gehen konnte. Trotzdem war Barbie realistischer als Julia, die bloss hilflos auf ihrem Babykörper mit lang bewimperten Augen klimpern konnte. Denn zu Barbie gehörten Fragmente einer erwachsenen Biografie. Barbie untergeordnet waren Häuser, Pferde, Autos, Boote, ein Ken, irgendwelche Freundinnen und enorm viele Kleider.

RELEASE DATE: July 21, 2023. TITLE: Barbie. STUDIO: . DIRECTOR: Greta Gerwig. PLOT: Barbie lives in Barbie Land and then a story happens. STARRING: MARGOT ROBBIE as Barbie. London United Kingdom
Margot Robbie ist die next best Barbie. Im Film «Barbie».Bild: IMAGO / ZUMA Press

Manche Barbies hatten auch einen Job – der aber auch nichts war als eine Verkleidung von vielen, die man sich dazukaufen konnte. Barbies Hauptjob war der pinkglitzrige Kapitalismus. Und dies ganz ohne Abhängigkeiten. Barbie konnte, musste aber nicht heiraten – auch dies nichts als ein Kostüm – und Fortpflanzung war auch kein Thema. Barbie war ewig jung, singulär, gewissenlos, nimmermüde und konsumfreudig. War symbolischer Antrieb und Ausgeburt der Wirtschaftsmacht Amerika. Und entstand aus der Spiesserfrivolität des Wirtschaftswunderlandes Deutschland.

Irgendwann in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre stehen nämlich zwei Amerikanerinnen vor dem Schaufenster eines Trödelladens in Luzern. Die grosse Amerikanerin heisst Ruth Handler, ihr Vater arbeitet in Denver bei der Eisenbahn, die jüdische Familie ist vor den Nazis aus Polen geflohen. Mit ihrem Mann führt sie ein kleines Unternehmen für Bilderrahmen, Puppenhausmöbel und Spielzeuggewehre. Es heisst Mattel. Die kleine Amerikanerin ist Ruths 15-jährige Tochter Barbara.

Barbie
Teilchenphysik der Frau. Barbie, bevor sie eins mit sich wird.Bild: IMAGO / Westend61

Zusammen entdecken die beiden in dem Luzerner Schaufenster sechs identische kleine Plastikpuppen in Skimode mit einem blonden Pferdeschwanz, riesigen aufgemalten Augen, einem Kussmündchen, winzigen Füssen, die mit schwarzen High Heels verwachsen sind, und markanten Brüsten.

Barbara ist begeistert: Endlich fühlt sie sich von einem Spielzeug ernst genommen. Endlich sieht eine Puppe mal so aus, wie ihr das Hollywood immer vorgaukelt. So sexy wie Marilyn Monroe. Oder wie die Französin Brigitte Bardot. So, wie Barbara werden möchte. So, wie Medien und Filmindustrie Barbara vorgaukeln, dass sie zu werden habe. Monroe, Bardot und Co. sind die Kardashians von vorgestern. Ruth Handler erkennt die Marktlücke.

In this June 19, 1956, 20-year-old French film starlet Brigitte Bardot poses in character. The French movie icon and longtime animal-rights activist turns 75 Monday Sept. 28, 2009. (AP Photo)
Brigitte Bardot, 1956, mit 22 Jahren.Bild: AP

Was die beiden nicht realisieren (oder realisieren wollen), ist, dass sie auf eine pornografische Fantasie hereinfallen. Denn die sechs Puppen sind allesamt «Bild»-Lillis. Gadgets der «Bild»-Zeitung für den Mann von Welt, entstanden aufgrund eines 1952 lancierten Comic-Strips in der «Bild» mit den Abenteuern der kessen Lilli, die nichts anderes tut, als aufreizend und schlagfertig von der Männerwelt zu profitieren. Lilli ist ein 3D-Pin-up, man kann sie sich auf einen Ständer gespiesst auf den Schreibtisch stellen oder auf einer Schaukel schwebend ins Auto hängen.

lilli puppe der «bild» aus den 50ern
Die «Bild»-Lilli, wie sie leibt und steht (ein Draht wird ihr dazu von unten ins Bein gebohrt).Bild: IMAGO / Levine-Roberts

1953, im gleichen Jahr, als Hugh Hefner in Amerika den «Playboy» mit Marilyn Monroe als erstem Covergirl auf den Markt brachte, wurde in Deutschland die Lilli-Puppe mit vielerlei Garderoben geboren. Lilli entsprach mit ihrem Lebenswandel – ein neuer Tag, ein neuer Mann – dem von Hefner propagierten «Playmate». Der Gefährtin des Playboys, eines Mannes, der nur spielen will und keine Familienpläne hat. Wie der Playboy wusste auch Lilli über gute Getränke, Musik und schönes Design Bescheid.

Bild-Lillie in der Ausstellung Body Talks - 100 Jahre BH in Frankfurt am Main (Foto vom 08.10.14). Lillie war ein Comic, der von 1952 bis 1961 in der Bild-Zeitung erschien. Er wurde so populär, dass d ...
Und hier noch mit einer Mini-«Bild», die sie sich unter den Arm klemmen konnte.Bild: IMAGO / epd

Die amerikanische Spielzeugindustrie hat damals ein hoffnungslos übersexualisiertes Angebot: Es gibt Perücken, mit denen Mädchen mehr wie Frauen wirken und Cocktailparty spielen sollen, und Plastik-High-Heels mit Glitzer. Es dauert nur noch wenige Jahre bis zu den ersten Schönheitswettbewerben für Kinder.

1955 ist Vladimir Nabokovs Skandalroman «Lolita» erschienen: Ein Vierzigjähriger verliebt sich in eine Zwölfjährige, ermordet ihre Mutter, entführt und missbraucht die Tochter. In der Verfilmung von Stanley Kubrick wird Lolita 1962 vorsichtshalber in eine Vierzehnjährige verwandelt.

SUE LYON (Dolores Lolita Haze) Regie: Stanley Kubrick / LOLITA USA/UK 1962
Szene aus Kubricks «Lolita» mit Sue Lyons in der Titelrolle.Bild: IMAGO / United Archives

In dieses Klima hinein platzt 1959 Barbie. Oder mit vollem Namen Barbara Millicent Roberts. Den Vornamen hat sie von Barbara Handler. Und wie lautet der Name von Barbara Handlers Bruder? Ken natürlich. Die erste Barbie sieht aus wie die Zwillingsschwester von Lilli, nur züchtiger angezogen und mit einem komplett leeren Blick. Er ist Absicht. Ruth Handler will, dass Barbie kein erotisches «Subjekt» wie Lilli mit ihren Comicstrip-Geschichten ist, sondern nichts als purste Projektionsfläche für Abertausende von Mädchenträumen.

300'000 – übrigens in Japan hergestellte – Barbies werden 1959 verkauft, leisten können sie sich allerdings nur begüterte Eltern, weshalb sich Barbies Mode auch an diesen orientiert. Jackie Kennedy wird eine frühe modische Barbie-Inspiration. Jackies Kostüme über Marilyns in die Länge gezogenen Körper quasi. John F. Kennedy, der beide Frauen liebte, muss seine allerfeuchtesten Träume erfüllt gesehen haben.

This photo provided by Mattel shows 1961 Ken and Barbie dolls. Mattel announced Tuesday, June 20, 2017, that the company is introducing 15 new looks for the male doll, giving him new skin tones, body  ...
Die erste Barbie (von 1959) mit dem ersten Ken (von 1961).Bild: AP/Mattel

Barbies Biografie ist über die Jahrzehnte höchst wechselhaft: Grundsätzlich ist sie 19 Jahre alt, gelegentlich minimal älter, und ganz sicher ist sie höchstbegabt, denn sie besitzt immer wieder andere Doktortitel und kandidiert mehrfach für die amerikanische Präsidentschaft. Je nach Verkaufsregion gibt es ethnisch angepasste Barbies und immer wieder Spezialeditionen mit sogenannt inspirierenden Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart.

Modisch ist sie derart en vogue, dass ihr ab und zu Fashion-Preise verliehen werden. Lagerfeld, Louboutin und Moschino arbeiten für sie – kein Model kann so perfekt sein wie Barbie. «Die Puppe verkauft Mode und Mode verkauft die Puppe», sagt Ruth Handler einmal. Paris Hilton inszeniert sich viele Jahre lang als Lebendbarbie. Durchgeknallte Influencerinnen opfern sich auf dem Altar der operativen Barbiefikation. Dubai steht total auf Barbie.

Die Körpermasse sind Verhandlungssache – ausgerechnet der sechste Mann von Zsa Zsa Gabor, deren spitzbrüstige Weltraum-Amazonen in den 50ern einiges zur Gestaltung der Barbie beigetragen hatten, verringerte als erster den Brust- und erweiterte den Taillenumfang. Unnatürlich dünn ist Barbie heute immer noch, aber sie scheint weitgehend implantatfrei zu leben. Mattel bezeichnet Barbie als «die diverseste Puppe der Welt», sie trägt jetzt noch lieber Regenbogenfarben als früher.

Barbie ist jetzt 63 Jahre alt und war selten so präsent wie jetzt. Denn dass Margot Robbie und Ryan Gosling aktuell als Barbie und Ken bei der Arbeit sind, sorgt unter den Celebrities für eine Welle der pinken Begeisterung. Die Welle hat auch schon einen Namen: Barbiecore.

Welcome to Barbiecore!

Ein Kreis schliesst sich: Menschen aus einer Schicht mit Einfluss, die früher einmal für das Erscheinungsbild von Barbie mitverantwortlich war, verkleiden sich heute als Barbie. Plastic Fantastic schlägt zurück.

Was vom Film unter der Regie von Greta Gerwig («Ladybird», «Little Women») zu erwarten sein wird, weiss noch immer niemand. Sicher was Wilderes und Amüsanteres als Barbie und ihre Universen (darunter auch das animationsfilmische) bisher geboten haben. Eine Mischung aus Robbie-Rollen wie Harley Quinn, Tonya Harding und der Wölfin aus der Wall Street vielleicht?

Die Mode wird auf jeden Fall absurd und Ryan Gosling der albernste Ken aller bisherigen Zeiten. Körperbildgefährdend dürfte der Film, der in genau einem Jahr ins Kino kommt, nicht werden. Wo Gerwig draufsteht, ist ausreichend Feminismus drin. Normalerweise jedenfalls. Aber was war an Barbie schon jemals normal?

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
75 Mal Miss Schweiz in voller Pracht. Ein Muss!
1 / 77
75 Mal Miss Schweiz in voller Pracht. Ein Muss!
Nachdem das Aus der Miss-Schweiz-Wahlen verkündet worden ist, feiern wir noch einmal die Schönheiten Helvetiens: Jacqueline Genton etwa wird 1951 nicht nur Miss Schweiz, sondern gleich auch noch Miss Europa.
quelle: photopress-archiv / str
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Barbie bezieht Stellung gegen Rassismus.
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
22 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Skunk42
12.07.2022 21:30registriert Februar 2022
"I’m a Barbie girl, in the Barbie world
Life in plastic, it’s fantastic
You can brush my hair, undress me everywhere
Imagination, life is your creation"

Den bringst du jetzt nicht mehr raus.
345
Melden
Zum Kommentar
avatar
Dirumieze
12.07.2022 19:01registriert Juni 2021
Stimmt… sie hatte wirklich jedes erdenkliche Outfit 🙊🙈
Barbie und kein Ende: Wie Plastic Fantastic die Weltherrschaft übernahm\nStimmt… sie hatte wirklich jedes erdenkliche Outfit 🙊🙈
222
Melden
Zum Kommentar
avatar
Aschenmadlen
12.07.2022 18:09registriert Juli 2017
Ich hab denen immer die Haare geschnitten, also denen meiner Schwester.
234
Melden
Zum Kommentar
22
Netflix im Psychopathen-Rausch: «Ripley» ist wunderschönes Slow TV
Man braucht Zeit. Und Geduld. Für die neuste Highsmith-Verfilmung auf Netflix. Dafür wird man auch grosszügig belohnt.

Treppen, tote Köpfe, Katze, Regen. Marmortreppen in Rom, Feuertreppen in New York, Steintreppen in Atrani, wo einst Treppen-Verrwirrspiel-Maler-Meister M. C. Escher lebte. Tote Steinköpfe von Engeln, Sphinxen, alten Helden und von Dickie Greenleaf auf dem Kaminsims seiner Eltern. Die römische Katze, die Ripleys aufmerksamste Zeugin ist. Wieder und wieder und wieder. Als wären die Treppenstufen Kommata, die Köpfe Punkte und die Katzenaugen Ausrufezeichen im Drehbuch. Und dazu Italien im meteorologischen Ausnahmezustand. Immer hat es gerade geregnet. Immer sind alle Strassen nass.

Zur Story