Sie riskierte alles für kranke Kinder – die wahre Story hinter «Die Bleikinder»
Jolanta Wadowska-Król lebte und arbeitete in den 70er-Jahren in Katowice, Polen. Schon lange galt die Stadt als wichtiger industrieller Standort für das osteuropäische Land, was auch wichtig für die damalige kommunistische Politik war. Während ihrer Arbeit als Kinderärztin bemerkte sie, dass Kinder aus dem Arbeiterviertel Szopienice immer häufiger mit Anämien, Verhaltensstörungen und Zahnausfällen ins Spital kamen.
Genau davon handelt das historische Drama «Die Bleikinder». Die polnische Serie basiert auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte von einer Frau, die sich von einem zutiefst autoritären System nicht unterkriegen liess. Jolanta Wadowska-Król wird von Joanna Kulig dargestellt, Regie führt Maciej Pieprzyca.
Indem Jolanta Wadowska-Król den betroffenen Kindern half, riskierte sie nicht nur ihre Karriere, sondern auch ihr Leben in einem totalitären System.
Wer ist Jolanta Wadowska-Król?
Jolanta Danuta Wadowska-Król wurde 1939 in Katowice geboren und studierte Medizin. 1968 spezialisierte sie sich auf Pädiatrie und bemerkte schon kurz danach ein Muster bei den Kindern, die sie behandelte.
Bei näherer Untersuchung stellte sie fest, dass diese Symptome auf etwas weitaus Schwerwiegenderes als gewöhnliche Krankheiten hindeuteten: Es war die direkte Folge einer schweren Vergiftung durch längere Bleibelastung. Wadowska-Król identifizierte die Ursache als eine nahegelegene Industrieanlage.
Entschlossen, ihren jungen Patientinnen und Patienten zu helfen, überwachte sie mehrere Gebiete in Katowice und führte gründliche medizinische Untersuchungen der dort lebenden Kinder durch. Sie führte heimlich Tests durch und untersuchte rund 4500 Kinder. Unterstützt wurde sie von befreundeten Laborantinnen. Ihre Berichte deuteten darauf hin, dass das Ausmass des Problems grösser war, als sich jemand hätte vorstellen können.
Ihr war bewusst, dass es ein Wettlauf gegen die Zeit war, und mit der Unterstützung von einem Professor veröffentlichte sie 1974 ihre Ergebnisse. Damit wollte sie so viele Menschen wie möglich vor Bleivergiftungen und deren Folgen warnen. Doch bei der damaligen kommunistischen Regierung kam das nicht gut an. Diese wollte sich schliesslich als Industriegrösse in Europa behaupten – ein Skandal kam da alles andere als gelegen. Also hinderten sie die Ärztin so lange an ihrer Arbeit, bis ihre Dissertation vollständig verschwand.
Doch Wadowska-Król liess sich nicht einschüchtern und setzte ihre Arbeit fort. Sie weigerte sich, das Leben unschuldiger Kinder durch die Rücksichtslosigkeit der Behörden zu gefährden.
Ihre Arbeit und Entschlossenheit zahlten sich aus: 1975 beschloss der Stadtrat von Katowice den Abriss der Häuser in unmittelbarer Nähe des Stahlwerks, und die Bewohnerinnen und Bewohner wurden umgesiedelt. Auch wuchs das Bewusstsein der Leute für umweltschädliche Rohstoffe.
2011 ging Jolanta Wadowska-Król in den Ruhestand und 2023 verstarb sie im Alter von 84 Jahren.
Was ist eine Bleivergiftung?
Für eine Bleivergiftung reicht eine Aufnahme per Inhalation. Das Schwermetall lagert sich im Körper an – dies vor allem in Knochen, Organen und im Nervensystem. Besonders bei Kindern kann dies schwerwiegende Folgen haben, denn bereits geringe Mengen beeinträchtigen die Entwicklung immens. Dies hat Auswirkungen auf das Verhalten, die Konzentration und die Entwicklung des Gehirns. Auch bei Schwangeren kann Blei nachhaltige Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben.
Das Problem ist: Bleivergiftungen bleiben oft sehr lange unbemerkt, da sie sich nur langsam entwickeln und die Symptome auch auf andere Krankheiten hinweisen können.
Bei schweren Verläufen kann eine akute Vergiftung zum Koma und sogar zum Tod durch Kreislaufversagen führen.
So ging es nach der Serie weiter
Auf Anerkennung für ihre Arbeit musste Jolanta Wadowska-Król lange warten. Denn obwohl sie eines der grössten Umweltskandale ihrer Zeit aufdeckte, kam ihre Arbeit erst ans Licht, als sich die Volksrepublik auflöste und man Einsicht in die Archive bekam. Lange wurden ihre Forschungsergebnisse zensiert, da sie der offiziellen Linie der Regierung widersprachen.
Doch bis es so weit kam, verlor sie jegliche Karrierechancen und musste sich mit einem System herumschlagen, das keine Kritik duldete. Ihre Promovierung wurde verhindert, die Studien verschwanden in den Schubladen der Behörden.
Erst in den 2000er Jahren kamen ausführliche Berichte über ihre Arbeit an die Öffentlichkeit. Es dauerte nochmals mehrere Jahre, bis sie 2013 endlich die Anerkennung bekam, die sie verdiente. 2015 wurde der Ärztin die polnische Ehrenmedaille für «Verdienste um den Schutz der Menschenrechte» überreicht und 2021 erhielt sie den Ehrendoktortitel der Universität Schlesien.
Über ihr Leben gibt es mehrere Bücher und Dokumentationen. Die Serie «Die Bleikinder» basiert auf dem gleichnamigen Buch von Michał Jędryka.
«Die Bleikinder» hat sechs Folgen und ist auf Netflix verfügbar.
