Zehn Infekte pro Winter: Was bei Kita-Kindern noch normal ist
Die Ahnung, dass die nächsten Tage ungemütlich werden könnten, keimt am Feierabend auf. Dann, wenn der Computer runter- und die Kinder von der Kita heimgefahren werden wollen. Wer die Kleinen in die Arme schliesst und es dabei aus jeder Ecke husten hört, weiss: Mit den Kindern holt man sich wohl auch Unliebsames nach Hause.
Kleine Kinder sind regelrechte Viren-Staubsauger. Jene, die sich in der oralen Phase befinden, stecken sowieso alles, was sie in die Hände bekommen, in den Mund. Aber auch die etwas Älteren kennen keine Berührungsängste mit Rotz oder Sabber. Da werden Händchen gehalten, selbst wenn kurz zuvor das Kita-Gspändli seine Nase vom Schleim befreit hat, oder ohne Irritation weitergespielt, auch wenn jemand aus der Gruppe über sämtliche Bauklötze genossen hat. Für Viren: ein Fest. Für berufstätige Eltern: der Untergang.
Jeder Infekt bringt ihr sorgfältig gebautes Kartenhaus zum Einsturz. Akkurat sind zwar schon vor der Geburt Fremdbetreuung und Arbeitstage justiert und im besten Fall auch vereinbart worden, wie die Betreuung eines kranken Kleinkindes aufgeteilt wird. Doch wie oft dieser Fall eintritt, erwischt so manches frisch gebackene Elternpaar kalt. Oder in dem Fall: fiebrig heiss.
Keine Hilfe von der Pharma für banale Infekte
Sandra Burri ist Kinderärztin mit einer eigenen Praxis in Bern und Vizepräsidentin des Berufsverbands Kinderärzte Schweiz. Sie sagt, dass vor allem die ersten zwei Winter für Kita-Kinder gesundheitlich hart seien. «Kinder ohne spezielle Risikofaktoren machen rund zehn Infekte pro Jahr durch. Da diese vor allem im Winterhalbjahr auftreten, sind die Kinder also alle zwei bis drei Wochen krank», sagt Burri. Das bedeutet auch: Die Kleinen sind nicht dauerkrank. Vielmehr überbrücken sie die Zeit zwischen zwei Erregern häufig mit einem (abklingenden) Husten oder einer nicht enden wollenden Schnuddernase.
Das Blöde: Selbst in unserer optimierten Leistungsgesellschaft lässt sich dieses Viren-Bootcamp nicht outsourcen. Da müssen alle durch. Hilfe von der Pharma gibt es für die banalen Infekte nicht. Kinderärztin Burri sagt, dass für die ganz kleinen Kinder keine Präparate vorliegen, um ihr Immunsystem zu stärken. Eine Prävention gebe es jedoch: «Impfungen schützen die Kinder vor schweren Erkrankungen oder heftigen Verläufen. Wer gemäss dem Schweizerischen Impfplan sein Kind impfen lässt, hat schon viel gewonnen», sagt sie.
Die Berner Kinderärztin vergleicht die ersten zwei Kita-Winter mit einem Fitnesszentrum für das kindliche Abwehrsystem: «Jeder Infekt trainiert das Immunsystem. Mit jedem Virus entwickelt der Körper Gedächtniszellen und kann spätere Ansteckungen besser abwehren.» Dieses Training zahle sich nach zwei Wintern aus. «Danach wird es deutlich besser», weiss Burri.
Wer sein Kind jedoch im winterlichen Fitnesszentrum weiss, erlebt dabei vor allem eines: Stress. Alle paar Wochen ein fiebriges Kind herumzutragen, ist in der Arbeitswelt nicht vorgesehen. Allerdings dürfen Eltern bei ihrem kranken Kind bleiben, das sieht das Gesetz so vor: Bis zu drei Tagen pro Krankheitsfall und maximal zehn Tage pro Jahr sind möglich. Vor allem jene mit mehr als einem kleinen Kind, das sich regelmässig am Viren-Buffet bedient, kommen mit den zehn Infekten pro Kind und Jahr dennoch in die Bredouille.
Dazu kommt der eigene Anspruch. Selbst bei kulanten Arbeitgebern, die solche Absenzen unbürokratisch handhaben, machen sich berufstätige Mütter und Väter oft selber einen grossen Druck. Da ist die Mutter, die erzählt, wie sie nach dem Spitalaufenthalt ihres kleinen Kindes noch den Laptop aufklappte, um eine Abgabe zu schaffen. Und ein Vater sagt, dass die Kita seiner Kinder sich dazu gedrängt sah, die Eltern per Brief daran zu erinnern, dass kranke Kinder zu Hause bleiben müssen. «Dies, weil es mehrfach vorgekommen war, dass Eltern ihren Kindern morgens fiebersenkende Mittel gaben und sie danach angeblich gesund in die Kita brachten.»
Des Weiteren gesellt sich jener Teufelskreis hinzu, dass Eltern (noch) nicht ganz fitte Kinder in die Kita bringen, damit ihre Arbeit nicht liegen bleibt, was jedoch dazu führt, dass andere Kinder angesteckt werden, die dafür beim nächsten Infekt ebenfalls wieder zu früh in die Kita geschickt werden.
Fordernde Eltern in der Kinderarztpraxis
Insbesondere Mütter und Väter, die nicht auf die Unterstützung von Grosseltern zurückgreifen können, geraten in den Wintermonaten an die Belastungsgrenze. Niemandem ist es vermutlich wohl, wenn man die Kinderärztin gefühlt häufiger als das eigene Team sieht. Deshalb würden Eltern manchmal fordernd in der Kinderarztpraxis auftreten, weiss Burri.
Immer mal wieder stünden gestresste Eltern vor ihr, die nur eines wollen: Bis morgen müsse das Kind gesund sein, wenn nötig, auch mit Antibiotika, erzählt die Kinderärztin. «Ich verstehe, dass es schwierig ist, immer wieder Geduld aufzubringen. Aber eine starke Erkältung dauert nun mal sieben Tage – und Antibiotika nützen nicht gegen Viren.» Wozu rät sie dann den Eltern? «Buchstäblich abwarten und Tee trinken», sagt Burri. Wenn das Kind viel trinke und schlafe, unterstütze das die Heilung. Und auch das Fieber helfe, damit bekämpft der Körper den Infekt. «Fieber hat immer einen Grund und sollte nur medikamentös gesenkt werden, wenn das Kind sich unwohl fühlt», sagt die Kinderärztin.
Sie verweist auf die Initiative «smarter medicine», die unnötigen Behandlungen entgegenwirken will. Dort steht etwa, dass viele Mittelohrenentzündungen selber abheilen oder Hustenmedikamente nicht wirksam sind. «Mit diesem Wissen lässt sich auch Geld sparen. Eltern zahlen oft viel für Hustensirupe oder irgendwelche Kügelis, obwohl sie nicht helfen», sagt Burri.
Zum Schluss gibt sie den geplagten Kita-Eltern noch etwas Tröstendes mit: «Nach 25 Jahren als Kinderärztin ist meine Erfahrung, dass die Kita-Kinder später im Kindergarten und in der Schule deutlich weniger krank sind.» Spätestens dann zahlt sich das Training also aus.
- Zum Hören: Im Podcast «Dr. Schnodder und Co.» geben die Kindernotfallmedizinerin Iris Bachmann Holzinger (Kinderspital Zentralschweiz) und der Luzerner Kinderarzt Kai König den Eltern praktische Tipps und viel Informationen rund um die Gesundheit der Kleinsten. https://www.luks.ch/standorte/standort-luzern/kinderspital/leistungsangebot-kinderspital/podcast-dr-schnodder-co
- Zu unterschiedlichen Themen der Kindergesundheit hat die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin Elterninformationen zusammengestellt: https://www.dgkj.de/eltern/dgkj-elterninformationen
- Das Schweizerische Rote Kreuz bietet kurzfristige Kinderbetreuung zu Hause an. Der Dienst ist kostenpflichtig und richtet sich nach dem Einkommen der Eltern. Weitere Informationen gibt es bei den kantonalen Stellen des Roten Kreuz.
