Keiner wills gewesen sein – die dunkle Seite von «America's Next Topmodel»
«Ich habe bisher nicht viel gesagt. Aber jetzt ist es an der Zeit», meint Tyra Banks in der Netflix-Doku «Reality Check: Inside America’s Next Topmodel». In drei Folgen sagt sie aber vor allem eines: Sie war nicht schuld.
Eigentlich wollte das Supermodel mit ihrer Idee einer TV-Show gegen die Modebranche rebellieren und «verschiedene Formen von Schönheit» zeigen. Als 2003 die erste Staffel ausgestrahlt wurde, gelang das sogar. Zumindest ein bisschen. Die Kandidatinnen waren trotzdem mehrheitlich dünn und hellhäutig. Das einzige Plus Size Model trug Grösse 36 und wurde ständig als «dick» dargestellt. Doch das war noch nichts im Vergleich zu dem, was bis zur letzten Staffel 2018 folgen sollte.
Reality-Albtraum statt TV-Revolution
In der Doku inszeniert sich Tyra Banks nun als Pionierin und gibt den Zuschauerinnen und Zuschauern die Schuld: «Ihr wolltet immer mehr, ihr habt das gefordert.» Ihre halbherzige Entschuldigung wirkt so echt wie die Gesichter der Kardashians. Und die Kandidatinnen sagen zu Recht: «Es war keine Modelshow. Sie machte eine Fernsehsendung auf unsere Kosten.»
Die Show lebte von Extremen: Für Fotoshootings trugen Kandidatinnen Unterhosen aus rohem Tierfleisch, posierten als Mordopfer, Drogensüchtige oder Obdachlose – mit echten Obdachlosen als Statisten. Der Gipfel war ein Shooting, bei dem sie die Hautfarbe tauschten!
«Das war meine Art, der Welt zu zeigen, dass braune und schwarze Haut schön ist», sagt Tyra heute. Indem sie weisse Haut schwarz anmalt und schwarze Haut weiss? Man kann sich beim Zuschauen gar nicht oft genug die Hand ins Gesicht klatschen!
Auch als beim Makeover nicht mehr nur Haare geschnitten und gebleicht wurden – während Tyra Banks ständig Perücken trug. Kandidatin Danielle wurde sogar gezwungen, beim Zahnarzt ihre Zahnlücke schliessen zu lassen. Nur um dann zu sehen, wie einer anderen Kandidatin ein paar Staffeln später eine künstliche Zahnlücke gemacht wurde.
Bodyshaming und Belästigung
Hinzu kam das ständige Bodyshaming. Die jungen Frauen wurden vor der Kamera gewogen und vermessen. Weil Kandidatin Keenyah angeblich zugenommen hatte, musste sie in einem Shooting zu den sieben Todsünden die Völlerei darstellen. In einem anderen wurde sie als Elefant gestylt. Das hatte Einfluss auf junge Zuschauerinnen, doch die Kandidatinnen von damals enthüllen nun, dass auch in der Show Essstörungen grassierten, manche brachen zusammen, doch die Macher nahmen keine Rücksicht.
Auch nicht, als Keenyah bei einem Shooting von einem männlichen Model, das als Statist hinzugeholt wurde, wiederholt begrapscht wurde. Von Tyra Banks bekam sie zu hören, sie solle sich «auf lustige Art wehren, ohne Spannung zu erzeugen.» Heute würde sie anders reagieren: «Wir verstehen jetzt alle, welchen Schutz Frauen brauchen», aber «die Verantwortlichen wussten nichts.» Doch Verantwortung übernimmt auch heute niemand, stattdessen gibt es immer wieder Ausreden.
So auch im Fall von Kandidatin Shandi, die sturzbetrunken mit einem männlichen Model schlief und so ihren Freund zu Hause betrog. Nicht nur, dass die Produktion nicht eingriff, ihr ganzer Zusammenbruch wurde gefilmt und ausgeschlachtet. Bis heute leidet sie darunter, wie sie in der Doku sagt: «Ich hasste mich selbst.» Und Tyra Banks? «Es ist schwierig für mich, über die Produktion zu sprechen, weil das nicht mein Bereich ist», sagt sie als leitende Produzentin von damals. Von anderen Beteiligten heisst es, die Kameras liefen weiter, weil die Show eine «Dokumentation» gewesen sei.
Gutes Fernsehen dank Manipulation
Schon klar, ist ja nicht so, dass zuvor gezeigt wurde, wie Szenen von Anfang an geschnitten und Kandidatinnen gezielt in grenzwertige Situationen gebracht wurden, um Drama zu erzeugen. Jury-Mitglied Jay Manuel gibt offen zu, dass Kandidatinnen weiterkamen, die Quote brachten. Egal, ob sie Potenzial als Model hatten oder nicht.
Man fragt sich, warum Tyra Banks bei der Doku nun überhaupt mitmacht, denn sie tut sich selbst keinen Gefallen. Nicht nur mit ihrem Verhalten gegenüber den Kandidatinnen, sondern auch gegenüber ihren Jury-Kollegen. So erzählt Laufsteg Coach J Alexander, dass er 2022 einen Schlaganfall hatte. Er und Tyra waren bereits vor der Show enge Freunde und lernten sich kennen, als sie ein Teenager war. Sie schrieb ihm damals in einer SMS, sie wolle ihn besuchen. Im Gegensatz zu den anderen Jury-Mitgliedern tat sie es bis heute nicht. Über die Show sagt er, es sei halt wie in der echten Welt: «Man wird gefressen und dann ausgespuckt.»
Model wurde übrigens keine der Kandidatinnen von damals. Wer es versuchte, hatte mit dem Reality-TV-Stempel zu kämpfen. «Als die Kameras aus waren, warfen sie mich den Wölfen zum Frass vor», sagt Gewinnerin Danielle. «Vielleicht hätten wir es besser machen können, ihnen klarzumachen, dass nicht jeder ein Star wird», meint Tyra Banks lapidar – und verkündet zum Schluss prompt, dass ihre Arbeit noch nicht getan sei: «Ihr habt keine Ahnung, was wir für Staffel 25 planen!» Als ob die Doku nicht gerade drei Stunden lang die pure Heuchelei und Falschheit gezeigt hätte, geht es nun also fröhlich weiter. (aargauerzeitung.ch)
