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Compulsory Heterosexuality: Bin ich in Wirklichkeit homosexuell?

Seitenansicht eines jungen Paares von Freund und Freundin in trendiger Kleidung, auf orangefarbenem Hintergrund im Studio mit Neonlicht
Lesbische Frauen, die Comphet-Erfahrungen haben, waren oft schon mit Männern zusammen.Bild: Shutterstock

Compulsory Heterosexuality: Bin ich in Wirklichkeit homosexuell?

17.12.2023, 16:4918.12.2023, 07:12
Julia Dombrowsky / watson.de
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Du sagst zwar, du stehst auf Männer, meidest aber jede sexuelle Beziehung zu ihnen? Wenn du für einen Jungen geschwärmt hast, dann war das meistens nur eine fiktive Figur? Vielleicht bist du dann eine lesbische Frau, die unter dem Comphet-Syndrom leidet – so verkünden es Videos auf Tiktok derzeit.

Im öffentlichen Diskurs ist der Begriff Compulsory Heterosexuality, kurz Comphet, weitreichend bekannt. Im Kern geht es in der Debatte um die 1980 im Essay «Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence» aufgestellte These der US-Feministin Adrienne Rich.

Sie vermutete, dass Menschen oft nur deshalb heterosexuelle Sexualität ausleben, weil das von ihnen erwartet wird und sie es zuletzt sogar selbst von sich erwarten. Im Ursprung bezog sich dieses Phänomen auf lesbische Frauen, prinzipiell könnte jedoch auch jede andere, von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualität davon betroffen sein.

Der Hype um das Phänomen ist gross. Ist also an dieser Theorie etwas dran? Hindern uns heterosexuelle Normen daran, unsere wahre sexuelle Natur zu finden? Kurzum: Bin ich in Wirklichkeit gar nicht hetero und raffe es nur noch nicht?

Darüber haben wir mit Andrea Bräu gesprochen. Sie ist Paar- und Sexualtherapeutin in München und arbeitet als Beraterin des Portals «Ashley Madison».

Sexualtherapeutin Andrea Bräu
Sexualtherapeutin Andrea Bräu.Bild: privat / norman pretschner

Bräu findet den Begriff eher ungünstig. «Übersetzt soll das wohl heissen: zwanghaft heterosexuell sein zu müssen», so die Expertin. Die Frage, ob man davon tatsächlich beeinflusst sein könnte, sei an sich schon «schwierig, weil wir durch alles und jeden beeinflusst werden».

Über Zwangsheterosexualität und Selbstwahrnehmung

Natürlich geben die Papa-Mutter-Kinder-Spiele in der Kita eine Rollenzuschreibung vor, doch auch die Darstellung einer bunten und fröhlichen LGBTQ+-Community, die als Gegenpol dazu dient, habe «eine ganz konkrete Message». Die Sexualtherapeutin sagt dazu:

«Heute war die Münchener U-Bahn mit Regenbogen-Displays versehen, das beeinflusst doch auch.»

Nichtsdestotrotz: Die absolute Mehrheit aller Menschen wächst sicherlich – direkt und indirekt durch die Gesellschaft implementiert – mit dem Verständnis auf, dass es grundsätzlich normal sei, wenn ein Mann eine Frau liebt und umgekehrt.

Diese «Norm» hat so grossen Einfluss, dass sogar die Selbstwahrnehmung dadurch verzerrt werden kann. Man hält sich erst einmal für hetero, fängt an, das Gegengeschlecht zu daten, wie es alle anderen in der Clique auch tun, wundert sich aber, warum Sex einem keinen Spass macht. Das Problem: Man kommt vielleicht gar nicht erst auf die Idee, die gleichgeschlechtliche Liebe auszuprobieren oder gar die eigene Sexualität infrage zu stellen.

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Diese bewusste und unterbewusste Positionierung kann ernste Konsequenzen auf den Lebensweg haben, wie die Paartherapeutin berichtet:

«Wenn man bedenkt, dass acht Prozent der homosexuellen Männer in heterosexuellen Beziehungen oder Ehen leben, dann kann man erkennen, wie sehr wir von Konventionen, Glaubenskonstrukten und der Meinung und Bewertung anderer abhängig sind.»

Diese Menschen würden ihre eigenen Bedürfnisse allerhöchstens noch «heimlich» ausleben, berichtet Bräu. Was aber genau dahinter steckt, wenn jemand lange Zeit seine eigenen sexuellen Neigungen komplett verleugnet – ganz gleich in welche Richtung – ist dennoch zu komplex und individuell, um sie auf tiktoksche Manier herunterzubrechen.

Tiktokerinnen erklären ihr spätes Coming-Out mit Hetero-Normen

Dort haben mehrere «late lesbians» zum Beispiel Erklärvideos gepostet, was Hinweise auf das #Comphet-Syndrom sein könnten, zumeist aufgrund eigener Erfahrungen. Darunter folgende Beispiele:

  • Du magst Männer nur, solange sie dich nicht wollen
  • Du möchtest niemals heiraten
  • Du hast als Teenagerin mit Freundinnen knutschen geübt
  • Du stehst auf sehr feminine Männer
  • Beim Sex mit einem Mann bist du gelangweilt
  • Du hast eine Liste mit Eigenschaften deines Traummannes erstellt
  • Du hältst Frauen prinzipiell für das schönere Geschlecht
  • In Romcoms (und Sex-Fantasien) fantasierst du dich in die Rolle des männlichen Helden

Mit solchen vermeintlichen Kriterien mache man es sich jedoch zu einfach, sagt Andrea Bräu zu dem Thema. Schliesslich langweilen sich auch Homosexuelle beim Sex miteinander oder knutschen mal mit einer Freundin oder einem Freund. «Die Frage ist wohl eher die, wer ich sein will, und zwar in meinem Innersten», sagt die Therapeutin. Und das «möglichst frei von Bewertung.»

Auch US-Sextherapeut Paul Nelson gibt ihr Recht. Er bittet die Community, mit den ständigen Labels und Sexual-Kategorien aufzuhören. «Niemand ist 100 Prozent heterosexuell», sagt er. Diese Erkenntnis sei aber nichts Neues.

Wichtig sei nur, dass man sich von niemandem (weder von der Gesellschaft noch von Tiktokerinnen) in eine Schublade stecken liesse, in der man sich gar nicht wohlfühle. Das gilt für das Label «Comphet» genauso wie für das Label «Hetero».

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258 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Xsa
17.12.2023 17:08registriert Oktober 2021
"Die absolute Mehrheit aller Menschen wächst sicherlich – direkt und indirekt durch die Gesellschaft implementiert – mit dem Verständnis auf, dass es grundsätzlich normal sei, wenn ein Mann eine Frau liebt und umgekehrt."

Joah, würde die "absolute Mehrheit" aller Menschen nicht so aufwachsen, wäre Heterosexualität nicht "normal", würde es keine Menschheit mehr geben. So einfach ist das.
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paquito
17.12.2023 17:15registriert Juli 2023
und jeder streamer und tiktoker muss zwanghaft irgendwie ein bitzeli anders sein als alle anderen..
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Anmerkung am Rande
17.12.2023 17:33registriert Januar 2022
Ich mag Cordon Bleu
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258
Wenn du für den Rest deines Lebens nur noch eine Serie schauen könntest – welche wäre es?

Du hast die Qual der Wahl: nur noch eine Serie für den Rest deines Lebens. Welche würdest du wählen? Eher etwas Blutiges wie «Game of Thrones» oder doch lieber eine Sitcom?

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