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Im Coop im Einkaufszentrum L

Coop kündigt ein Pilotprojekt für Menschen mit Autismus und alle anderen hochsensiblen Kunden an. Spar hat ein solches bereits in vier Filialen lanciert. Bild: sda

Schweizer Grosshändler testen Einkaufsstunde für Kunden mit Autismus – einer ziert sich

Das Einkaufen im Supermarkt kann für Menschen mit Autismus ein grosser Stress sein. Schuld sind laute Durchsagen und grelle Lichter. Nun bieten zwei Detailhändler Hand für eine Lösung. Die Migros ziert sich hingegen.

Benjamin Weinmann / ch media



In Ländern wie England, Irland oder Neuseeland gibt es sie bereits: Die «stille Stunde». Während 60 oder mehr Minuten richten sich Supermärkte nach den Bedürfnissen von Menschen mit Autismus. Denn für sie kann der Einkauf mit grossem Stress verbunden sein. Grund dafür sind die zahlreichen Reize, mit denen sie in den Geschäften konfrontiert werden: Grelle Beleuchtung, laute Durchsagen, Musik, bis hin zu unterschiedlichen Temperaturen. Sie sorgen dafür, dass die Konzentration leidet, der psychische und physische Stresspegel steigt.

Hierzulande setzt sich der Verein Autismus Deutsche Schweiz für die Idee ein und führte in der Vergangenheit mehrere Gespräche mit Detailhändlern, auch mit den beiden Grossverteilern Migros und Coop. Lange ohne Erfolg. Doch nun hat die Supermarkt-Kette Spar in Zusammenarbeit ein entsprechendes Pilotprojekt lanciert, wie Regula Buehler, Geschäftsführerin des Vereins, bestätigt. Der «Zürcher Oberländer» berichtete zuerst über das Projekt in den Zürcher Filialen in Urdorf, Dübendorf, Oerlikon sowie in Schöfflisdorf.

Begleithunde sind ebenfalls willkommen

In diesen vier Spar-Filialen gibt es neuerdings «stille Stunden», jeweils dienstags und donnerstags zwischen 13 und 15 Uhr. Während dieser Zeit gibt es keine Lautsprecherdurchsagen, es wird keine Musik gespielt und das Licht wird gedimmt. Interessierte - auch Menschen ohne Autismus, die auf gewisse Reize sensibel reagieren - erhalten zudem auf Anfrage einen Plan der Filiale, auf dem die sensiblen Kunden mit Symbolen auf unterschiedliche Temperaturen hingewiesen werden, damit sie ihren Einkauf so gut wie möglich vorbereiten können. Begleithunde sind ebenfalls willkommen.

«Wir sind sehr glücklich, dass Spar diesen Pilotversuch wagt und hoffen, dass weitere Detailhändler mitziehen.» Es brauche mehr solche Angebote an verschiedenen Orten und auch zu anderen Zeiten, da viele Betroffene nachmittags nicht einkaufen könnten.

Auch Coop zieht mit: Wie eine Sprecherin bestätigt, seien Vorbereitungen für ein Pilotprojekt getroffen worden. Details würden zu gegebener Zeit kommuniziert. Noch vor zwei Jahren, als diese Zeitung über «stille Stunden» im Ausland berichtete, war ein solches Zeitfenster sowohl für Coop als auch Migros kein Thema. Die Migros zeigt nach wie vor kein Interesse an einem Pilotprojekt. Eine Sprecherin verweist die Betroffenen auf das Online-Angebot. Auch dort achte man auf Barrierefreiheit, um spezifischen Kundengruppen einen guten Service zu bieten.

Im Ausland ist Lidl vorbildlich, hierzulande weniger

Für Buehler ist zudem die Zurückhaltung des Discounters Lidl Schweiz enttäuschend, der keine «stillen Stunden» plant. «Denn in Irland geht Lidl mit gutem Beispiel voran und bietet entsprechende Zeitfenster in seinen Filialen an, und das jeden Dienstag von sechs bis acht Uhr abends.»

In der Schweiz und anderen Teilen Europas sei die Bevölkerung noch immer zu wenig sensibilisiert in Sachen Autismus, sagt Buehler, vor allem auch im Vergleich zu englischsprachigen Ländern. Ein Problem sei, dass es in vielen Bereichen an Unterstützung für die Betroffenen fehle. Genügend Ressourcen für die Beratung, Früherkennung und Diagnostik seien nicht vorhanden. Und oft sei das nötige Wissen über Autismus nicht ausreichend.

Viele Betroffene in der Schweiz

Laut dem Verein Autismus Deutsche Schweiz sind 1 Prozent der Bevölkerung von einer Entwicklungsstörung aus dem Autismus-Spektrum betroffen. Jährlich kommen in der Schweiz 800 bis 1000 Kinder mit einer autistischen Störung zur Welt. Die betroffenen Menschen haben oft Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu kommunizieren, soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Und sie haben eine andere Wahrnehmung der Welt. Der Wunsch, den Alltag stets gleich zu gestalten, ist gross. Oft orientieren sie sich an Details. Häufig sind auch Über- oder Unterempfindlichkeiten auf Licht, Gerüche, Geräusche und Berührungen. Die genauen Ursachen von Autismus-Störungen sind bis heute nicht vollständig geklärt. (bwe)

(aargauerzeitung.ch)

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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Rene Tinner 21.08.2020 06:49
    Highlight Highlight Dies Durchsagen und Spots sollte grundsätzlich verboten sein. Weshalb als für Autisten eine Ausnahme machen. Bin überzeugt, dass 90% aller Kunden auf dieses Geschnorre verzichten möchten. Also, während der gesamten Öffnungszeit bitte keine akustische Berieselung mehr. Wäre auch gesünder.
  • Andre Buchheim 20.08.2020 15:28
    Highlight Highlight Also ich bin kein Autist, empfinde aber die ständige, ungefragte und unerlaubte Reizüberflutung durch Werbung auch als Körperverletzung.
    Mal abgesehen davon sollten wir weg davon, sinnlos Konsum anzuregen, und dazu übergehen, einen vernünftigen Umgang unseres Konsumverhaltens zu propagieren. Weniger ist mehr!
  • Demetria 20.08.2020 11:15
    Highlight Highlight Naja, endlich geht mal etwas in dieser Hinsicht. Ich fände es wäre aber dringender mal darüber zu reden, warum die Sozialämter Autisten gezielt in den Kundendienst stecken, damit sie ihre "sozialen Fähigkeiten" trainieren. Das ist wie eine Konversionstherapie für Schwule: sinnlos und im Prinzip Folter. Mein Bruder war nie so suizidal wie damals. Und wie kommt es dass Arbeitgeber Autisten einfach entlassen können, weil sie "nicht teamfähig" sind, sprich in der Kaffeeküche zu wenig mitplaudern, obwohl der Job selbst gar nicht im Team ausgeführt wird? Aber ja, wenigstens geht mal irgendetwas...
  • Amanda77 19.08.2020 16:07
    Highlight Highlight Ich denke, das ist eine großartige Idee, wirklich. Diese ein paar Stunden können Ihnen helfen, normale Dinge wie den Kauf von Produkten zu tun. Ich habe mal so etwas in einem Restaurant gesehen. https://fasivery.ch/it/restaurant-la-fermata als Sie einen Gast mit einem ähnlichen Problem hatten, beschränkten Sie einfach Ihre Musik
  • Rethinking 19.08.2020 12:45
    Highlight Highlight Die «stille Stunde». Sollte man 7x24 einführen und dies überall...

    Die Dauerberieselung nervt gewaltig....

    Die Lichtverschmutzung wiederum ist so stark, dass wir mitunter die Sterne gar nicht mehr sehen können...

    Teils hat es den Anschein als ob die Leute gar nichts mehr mit sich, der Umwelt und der Natur anfangen können. Sie benötigen einen steten Strom an Ablenkung vor der Realität...
  • notfromthisplanet 19.08.2020 10:19
    Highlight Highlight Als Aspergerautistin würde ich dies sehr begrüssen. Oft vergesse ich die Hälfte einzukaufen oder kaufe falsches ein. Dies aus Überforderung, welche sich auf die Reizüberflutung zurückführen lässt. Trotzdem möchte ich niemanden für mich Einkaufen schicken und damit könnte ich endlich erfolgreich go poste ga😁.
  • Peter R. 19.08.2020 08:34
    Highlight Highlight Das finde ich mal eine grossartige Idee. Ich müsste nämlich im Laden nicht auch noch Musik hören, die ich nicht mag.
  • Gzdt 19.08.2020 08:14
    Highlight Highlight Ich denke das würden alle begrüssen oder ich bin Autist!?
  • ChrigeL_95 19.08.2020 08:12
    Highlight Highlight Ich bin ja auch im Spektrum drin, und mein Eindruck ist jetzt nicht, dass die Migros eine Invalidenfeindliche Umgebung ist. Musikbeschallung kenne ich nur aus dem Tessin, und stressig ist es nur wenn sich während der Rush Hour viele Kunden im Laden aufhalten und gegenseitig im Weg stehen 🤔
    • Share 19.08.2020 08:30
      Highlight Highlight Scheinbar zählt Epilepsie neu zum Autistischen Spektrum. Menschen bei denen Reizüberflutung epileptische Schübe auslösen, haben keine Störung, es ist ein anerkanntes Krankheitsbild. Aber was nicht alles getan wird um die Automatisierung heraus zu zögern und den Laden online zu stellen, ist mittlerweile haarsträubend.
    • Ylene 19.08.2020 09:43
      Highlight Highlight Share, falsch! Es ist eine Komorbidität resp. Begleiterkrankung. Das heisst, Leute im Autismus-Spektrum haben häufig noch eine weitere Diagnose wie eben Epilepsie, AD(H)S, Angststörung oder Depression. Als jemand mit "Asperger" kann ich persönlich ADS (wegen andauernder Reizüberflutung) und Depression ("keiner versteht mich, ich fühle mich wie von einem anderen Planeten") gut nachvollziehen. Eine Studie an 10 bis 14-jährigen autistischen Kindern hat gezeigt, dass 70% mindestens eine weitere Diagnose hatten und 41% von ihnen hatten zwei oder mehr. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18645422/
    • Bits_and_More 19.08.2020 10:48
      Highlight Highlight @Share
      Du kriegst doch mittlerweile das ganze Sortiment von Migros und Coop in deren Onlineshops mit Hauslieferung.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hardy18 19.08.2020 08:06
    Highlight Highlight Die Stunde darf gern auf den ganzen Tag ausgedehnt werden.
  • Marco Rohr 19.08.2020 08:04
    Highlight Highlight Gerne flächendeckend einführen. Das Gedudel und grelle Licht ist auch ohne Autismus nur schwer zu ertragen.
  • elfi 19.08.2020 08:01
    Highlight Highlight Ich habe zwar (soweit ich weiss) keinen Autismus - aber Einkaufen bei angenehmem Licht, ohne Hintergrundberieselung und überflüssige Durchsagen - das könnte eigentlech immer der Standard sein.
  • blueberry muffin 19.08.2020 07:57
    Highlight Highlight Von mir aus können Detailhändler das den ganzen Tag durchführen.
  • fotzelschnitte 19.08.2020 07:52
    Highlight Highlight Schön wäre es, wenn das nervige Musikgedudel und die "hüt-in-aktion" Durchsagen auf ein kleines Zeitfenster reduziert werden würden......und über den restliche Tag würde Ruhe herrschen.....
    • Blitzmagnet 20.08.2020 12:35
      Highlight Highlight Das wäre eigentlich was für die IG stiller.
  • PaLve! 19.08.2020 07:47
    Highlight Highlight Keine Lautsprecherdurchsagen, kein grelles Licht, keine Musik - das klingt ehrlich gesagt auch für mich nach einem entspannteren Einkaufen und sicher auch für viele andere.
  • Ironiker 19.08.2020 07:47
    Highlight Highlight Das Thema Autismus ist bei uns in der Familie gerade aktuell. Deshalb habe ich mich in letzter Zeit sehr intensiv damit auseinandergesetzt.

    Es gibt nicht DEN Autisten. Darum spricht man auch von einer Autismus Spektrum Störung. Jeder und Jede ist anders und hat es auch in unterschiedlicher Ausprägung.

    Es gibt einige unter uns, die wir aber nicht als solche erkennen. Ich bin da vorsichtig geworden wenn ich jemand sehe/erlebe, welcher sich in gewissen Situationen nicht ganz so verhält wie unsere Gesellschaft das von uns erwartet.

    Auf Netflix gibt es eine unterhaltsame Serie dazu: Atypical
  • balzercomp 19.08.2020 07:39
    Highlight Highlight Seit wann sind Coop und Migros Grosshändler? Ein Grosshändler zeichnet sich dadurch aus, dass er an Einzelhändler verkauft und, normalerweise, nicht an Endkunden. Ich nehme an, dass „Grossverteiler“ gemeint ist.
    • TheUglyTruth 19.08.2020 16:31
      Highlight Highlight Blitzlidrücker, jöööö, so härzig!
    • genauleser 19.08.2020 16:49
      Highlight Highlight Das ist schon eine gröbere Fehlbezeichnung.
      @Watson: Im Titel ist das immer noch falsch (16:50).
  • Mira Bond 19.08.2020 07:33
    Highlight Highlight Ich habe keinen Autismus, fände aber dieses Zeitfenster auch für mich sehr verlockend! Schade macht da die Migros nicht mit.
    • Dubliner 19.08.2020 07:47
      Highlight Highlight Wenn dann aber auch alle gesunden Menschen in der ruhigen Stunde einkaufen gehen, ist diese wohl bald nicht mehr so ruhig...
    • bokl 19.08.2020 07:53
      Highlight Highlight Wenn dann in den "stillen" Stunden alle die Läden stürmen und es ein grosses Gedränge gibt, ist den Autisten auch nicht wirklich geholfen.
    • _Qwertzuiop_ 19.08.2020 23:56
      Highlight Highlight Wenn alle dann in den Laden stürmen, weiten sie es vielleicht auch einfach aus?
  • Peter Vogel 19.08.2020 07:21
    Highlight Highlight Mir bached mehrmals täglich frisch für sie. Für frisches Brot bis Ladeschluss.

    Im Coop beim bhf. Oerlikon. Alle 5 Minuten. Die armen Mitarbeiter.

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