Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Wildland

Eine ungute Sippe und ihre Mafia-Matriarchin. Mit Sidse Babett Knudsen (Mitte) und Sandra Guldberg Kampp (neben ihr). Bild: Berlinale

Interview

«Die Welt macht Angst»: Dänemarks neuer Kinostar über den Protest ihrer Generation

Die zwanzigjährige Dänin Sandra Guldberg Kampp ist auf der Leinwand eine Sensation und daneben ein junger Mensch mit sehr kritischen Ansichten. Wir haben sie am ZFF getroffen.



Abgesehen von ein paar Artikeln auf Dänisch und Ihrem Instagram-Account habe ich im Internet fast nichts über Sie gefunden. Sollen wir das Internet füllen?
Ja! Legen wir los!

Was essen Sie am liebsten?
Alles!

Was ärgert Sie?
Die Klimakrise. Die Pandemie. Weil sie machte, dass ich nicht an der grossen Black-Lives-Matter-Demo in Kopenhagen teilnehmen konnte. Ich war woanders und in Quarantäne. Ich war nur in Gedanken mit dabei.

Wie kommen Sie als Zwanzigjährige denn mit der aktuellen Lage der Welt so zurecht? Trump könnte wiedergewählt werden, Europa bewegt sich nach rechts, Moria ist abgebrannt, dem Klima geht es nicht besser ...
Die Welt ist ein unsicherer Ort. Die Welt macht Angst, immer schon und wahrscheinlich für immer. Corona hat alles noch verstärkt. Aber ich habe Hoffnung für die Zukunft.

Und Ihre Generation trägt mit ihren Protesten wesentlich zur Sichtbarkeit bei.
Ja, ich finde, meine Generation macht vieles richtig, ich bin stolz auf uns. Aber es ist sehr frustrierend, wir werden jetzt erwachsen und irgendwann tragen wir die gesellschaftliche Verantwortung und müssen das ganze Chaos aufräumen, für das wir nichts können.

Und das, wo Ihr Job einen doch schon wahnsinnig machen kann. Die Schauspielerei verlangt sehr viel Kraft, oder?
Ja. Es ist ein furchterregender, anstrengender, herzzerreissender Job, der mir alle Kraft raubt. Und dann ist er es doch auch wieder absolut wert. Trotzdem ist es wichtig, dass ich nicht nur meinen Job mache, sondern auch rausgehe, auf die Strasse, und alle unterstütze, die das jetzt gerade brauchen.

Trailer zu «Wildland»

abspielen

Video: YouTube/Snowglobe

Wie haben Sie persönlich denn 2020 bisher so erlebt?
Surreal. 2020 versprach, mein bestes Jahr zu werden, «Wildland» feierte im Februar an der Berlinale Premiere, alles lief super, es eröffneten sich für mich tausend Möglichkeiten – und dann stand alles still. Am Tag unserer dänischen Filmpremiere trat der Lockdown in Dänemark in Kraft. Nach dem Lockdown waren wir dafür die erste dänische Produktion, die in den Kinos gezeigt wurde, aber die Leute fürchteten sich davor, ins Kino zu gehen.

Ja, ich brauche auch sehr viel Überwindung.
Es fühlt sich einfach nicht gut an.

Sandra Guldberg Kampp am ZFF

Als sich Jeanette Nordahl 2018 an ihr Regiedebüt «Wildland» («Kød & Blod») machte, waren die Erwartungen gross: Nordahl hatte jahrelang als Regieassistentin bei der dänischen Politserie «Borgen» gejobbt und konnte «Borgen»-Hauptdarstellerin Sidse Babett Knudsen für ihren Film gewinnen. Aber nicht etwa für die Hauptrolle, die gehörte nämlich der damals knapp 18-jährigen Sandra Guldberg Kampp, die mit «Wildberg» ebenfalls ihr Debut feierte. Und bereits während der Dreharbeiten unzählige weitere Angebote erhielt.

Sandra Guldberg Kampp spielt Ida, deren Mutter bei einem Autounfall stirbt. Ida kommt zu ihrer Tante (Knudsen), die mit ihren drei erwachsenen Söhnen, deren Freundinnen und Babys in einem grossen Haus auf dem Land wohnt und von Schutzgelderpressungen lebt. Ida wird in ein System aus roher Gewalt und vordergründig liebevollem Familienzusammenhalt eingemeindet. So prototypisch skandinavisch düster, wie wir das seit einem guten Jahrzehnt kennen.

«Wildland» gibt es am ZFF noch am Freitag, den 2.10., um 19 Uhr im Filmpodium zu sehen. In der Schweiz startet der Film am 5. November in den Kinos.

Wollten Sie eigentlich immer Schauspielerin werden?
Ich glaube, ich hatte das immer irgendwo im Hinterkopf. Ich war ein sehr verspieltes Kind, ich wuchs auf dem Land auf, ich war immer draußen, baute irgendwas, kletterte auf Bäumen rum, schoss mit Pfeil und Bogen. Als ich elf war, erfuhr meine Mutter von einem Casting für eine Familienkomödie mit vielen Kindern, sie meldete mich an, ich ging hin und hatte Spass. Obwohl meine Rolle so winzig war, dass man mich kaum sieht. Aber ich war angefixt. Ich schaue auch heute gern allen andern beim Dreh zu, der Regie, den Leuten hinter der Kamera, vom Ton, alles.

Als Sie elf waren, lief in Dänemark gerade die Serie «Borgen», «Forbrydelsen» («Kommissarin Lund») war samt Sarah Lunds Pullis ein Exportschlager, «The Bridge» startete. Alles aus Dänemark schien uns damals ungeheuer aufregend. Wie haben Sie das mitgekriegt?
Ich dachte damals nicht darüber nach. Ich war noch zu jung. Aber ich erinnere mich, dass das ganze Land von nichts anderem redete. Wir sind ein sehr kleines Land und wenn etwas, das wir herstellen, die ganze Welt begeistert, dann sind wir schon sehr stolz.

Kommissarin Lund

Was waren das für Zeiten! Damals, als Kommissarin Sarah Lund uns glauben machte, dass wir Dänisch eigentlich ganz gut verstehen. Bild: Arte

Klar. Wir haben bloss Roger Federer. Wie muss man sich eigentlich die dänische Film- und Serienlandschaft vorstellen? Kennen Sie sich alle? Läuft man an jeder Ecke in Mads oder Lars Mikkelsen und Sofie Gråbøl?
Ungefähr so, ja. Ich kenne nicht alle, aber schon sehr, sehr viele. Als Jeanette Nordahl und ich eben beim Lunch sassen, trafen wir auf ein paar weitere Dänen und dann kam noch einer und noch einer und es hörte nicht mehr auf. Deshalb kam ich zu spät zu diesem Interview.

«Wildland» haben Sie an der Seite von Sidse Babett Knudsen gedreht. Seit Knudsen in «Borgen» die dänische Ministerpräsidentin spielte, ist sie eine dänische Institution. Wie war die Zusammenarbeit?
Toll! Sie ist lustig, mütterlich, liebenswert, grosszügig mit ihrem Wissen, machte, dass ich mich immer wohl fühlte. Sie war in jeder Minute bodenständig und angenehm.

Knudsen, Guldberg, Wildland

Die Fingenägel von Sidse Babett Knudsen verheissen nichts Gutes. Szene aus «Wildland». bild: snowglobe

Das klingt nach einem guten Workplace Environment. Aber «Wildland» ist ein hartes Drama: Knudsen spielt eine Art Mafia-Matriarchin, die ihre ganze Familie inklusive aller Zugeheirateten oder Nachkommen zu Kriminellen erzieht. Drogen, Mord und Suizid sind an der Tagesordnung. War das psychologisch nicht sehr belastend?
Ja, das war es. Ich fühlte mich mit jeder Woche Dreh noch leerer, kaputter. Zumal meine Figur alles als Beobachterin wahrnehmen und aufsaugen muss. Sie darf nie emotional werden, sie sagt fast nichts, trotzdem muss alles von ihrem Gesicht ablesbar sein. Was ich dem Publikum mitgeben möchte, ist – natürlich neben guter Unterhaltung – dies: Was nimmt ein Mensch alles auf sich, um irgendwo reinzupassen? Wie weit ist er bereit, dafür zu gehen? Welche Art von Liebe ist welche Art von Selbstaufgabe wert? Was bedeutet Erbe?

Knudsens Erbe ist ja der Schrecken. Sie führt dieses dynastische Mehrgenerationen-Horrorhaus, aus dem es kein Entkommen gibt, ausser man ist zur Gewalt bereit.
Ja, genau. Ihr Haus hat die Kraft, Menschen zu verwandeln. Und Liebe bedeutet Schläge.

«Wildland» ist wie «Forbrydelsen» oder «The Bridge» ein klassischer Nordic Noir. Düstere Menschen machen düstere Dinge, die Gesellschaft und das Wetter sind schlecht. Ist dieses Genre nicht schon etwas ausgelutscht?
Nein! Am liebsten würde ich bis an mein Lebensende Nordic Noir machen! Das ist absolut meins. Okay, vielleicht doch nicht nur, ich will ja nicht in einer Schublade enden. Und ich fürchte mich vor Fehlentscheidungen. Bis jetzt habe ich zum Glück noch keine gemacht. Allgemein ist die Schauspielerei ein extrem seltsamer Beruf.

Wieso denn das?
Ich mache meine Arbeit, sie ist fertig – und dann gehört sie mir nicht mehr. Sie geht mir verloren. Alle Leute können sie sehen, wann immer sie wollen, und haben ihre Meinung. Ich merke das ja auch an mir selbst: Wenn ich einen Film sehe, der mir wirklich gefällt, wird er zu meinem Film, ich mache ihn zu einem Teil meiner eigenen Geschichte, so wird es auch meinen Filmen ergehen.

ZURICH, SWITZERLAND - SEPTEMBER 26:   (L-R) Director Jeanette Nordahl and actress Sandra Guldberg Kampp attend the

Regisseurin Jeanette Nordahl und Sandra Guldberg Kampp in Zürich vor dem Kino Corso. Bild: Getty Images Europe

Schaffen Sie es, sich selbst auf der Leinwand anzuschauen? Die wenigsten können das ja.
Doch, das kann ich schon, aber ich mag es nicht. Ich sehe nur Fehler, Dinge, die ich hätte besser machen sollen, die ich vergessen habe. Kommt dazu, dass ich viel zu viele Vorbilder habe. So viele, dass mir gar nicht alle Namen in den Sinn kommen. Saoirse Ronan ist eines. Andrew Scott («Fleabag») ein anderes. Und Dutzende mehr. Lebende und Tote.

Wenn Sie nicht spielen, was machen Sie dann?
Ich trinke Kaffee, hänge mit Freundinnen ab, versuche, mehr zu lesen und mehr Filme zu schauen. Und ich male viel.

Sagen Sie jetzt nicht, dass die Bilder auf Ihrem Instagram-Account von Ihnen sind!
Doch. Wieso?

Weil sie so gut sind!
Oh, danke. Und ich spiele Gitarre. Und nehme jetzt gerade einen Französischkurs. Corona gibt mir ja Zeit genug, da dachte ich, ein bisschen Französisch kann im Filmbusiness nicht schaden. Danke übrigens für die Fragen!

Wieso?
Normalerweise fragen Journalisten: «Als Sie mit Sidse Babett Knudsen drehten, waren Sie da starstruck?» Wenn ich sage: «Nein!», dann schauen Sie mich erwartungsvoll an und sagen: «Doch! Sie müssen starstruck gewesen sein!» Und so weiter. Das macht doch keinen Sinn!

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Klimademo in Bern vom 25.09.20

Wenn Erwachsene mit Geld umgehen würden, wie es Kinder tun

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Review

Heroin machte Samedan in den 80ern zum Platzspitz des Engadins

Der Dokfilm «Suot Tschêl Blau» von Ivo Zen ist eine todtraurige Überraschung.

Fragt man die Einheimischen im Oberengadin nach einer Lieblingsbeiz, sagen viele, das sei die Pizzeria im Hotel Laudinella in St.Moritz. Ein Grund dafür: Sie liegt unter dem Boden. Aha? Ja, sagen dann die Einheimischen, das sei für sie ganz erholsam, das viele Licht immerzu, von dem die Touristen so schwärmen, sei nicht selten zu viel. Gerade auch im Zusammenhang mit Schnee. Geblendet zu werden heisst eben auch, dass man erblinden kann.

Auch im Dokfilm «Suot Tschêl Blau» (Unter blauem Himmel) …

Artikel lesen
Link zum Artikel