Wer ist Candace Bushnell? Ganz einfach: Candace Bushnell ist Carrie Bradshaw. New Yorks berühmteste Beziehungs-Kolumnistin, die Blonde in den verrückten Kleidern aus der HBO-Serie «Sex and the City», die unzählige Liebhaber hat und sich mit ihren Freundinnen Samantha, Miranda und Charlotte obsessiv über das Paarungsverhalten von Grossstädterinnen unterhält. Sex, Geld, Mode, gnadenloser Gossip und ein Drink namens Cosmopolitan bestimmen ihren Alltag.
Als Bushnell sich 1994 in ihren Kolumnen im «New York Observer» das Pseudonym Carrie Bradshaw gab, war sie 36, seit vielen Jahren ein hartes Partygirl und eine Journalistin, die stets an der Grenze zum Prekariat entlangschrammte. Sie schrieb und schrieb und schrieb, schrieb alles von der lustigen Beziehungglosse bis zum Produktetest und träumte von einem besseren Leben.
Carrie Bradshaw war ihr Durchbruch. 1994 als Kolumnistin, 1995 als Buchautorin, 1996 als Serien-Begründerin. Und als Millionärin. Aber nicht als Schriftstellerin. Denn Candace Bushnell galt ab da nicht etwa als süffisante Chronistin einer Metropole, sondern als Begründerin der «Chick Lit», der Mädchen- oder Küken-Literatur wie die Literaturkritik ihre Genre-Schublade sofort taufte. Andere Chick-Lit-Megabesteller neben «Sex and the City» wurden etwa «The Devil Wears Prada» oder «Confessions of a Shopaholic». Jetzt ist sie auf Tour. Erzählt auf den Bühnen von London bis Oslo, von Tallin bis Dublin aus ihrem Leben und über die Zeit, als «Sex and the City» zum weltweiten Hype wurde.
Candace Bushnell, waren Dating und Sex vor der digitalen Revolution besser als heute? Wenn ich Ihre Interviews über Ihre frühere Zeit als Partygirl in New York lese, wirkts das alles so viel freier, unbeschwerter und wilder als heute.
Candace Bushnell: Sie meinen in den 1980ern und 90ern? Auf jeden Fall! Früher war es so unbeschwert, die Menschen freuten sich darauf, einander physisch zu begegnen, waren neugierig aufeinander und aufgeregt, man lernte sich zufällig kennen, es war alles so romantisch. Eine Mitbewohnerin von mir ging sich einmal zur Weihnachtszeit die Eisläufer beim Rockefeller Center anschauen, da war dieser Typ aus Brooklyn, sie verliebten sich auf der Stelle und heirateten zwei Jahre später. Einen meiner Freunde lernte ich beim Reiten im Central Park kennen, wir gingen in eine Bar, nach ein paar Drinks fragte er mich: Wann ziehst du bei mir ein, ich glaube, du wärst die perfekte Freundin für mich! Heute ist alles so schwierig. Sowas war damals typisch. Die Technologie hat die Beziehungen zwischen Frauen und Männern grundsätzlich durcheinandergebracht.
Weil eine Begegnung nach stundenlangen Tinder-Studien nicht mehr unvoreingenommen ist?
Genau. Und es gibt auch noch andere Faktoren. Einer ist, dass es immer mehr Single-Frauen als Single-Männer gibt. Wenn man älter wird, verstärkt sich das noch. Auf den Dating-Apps erhalten etwa zehn Prozent aller Männer das Interesse von neunzig Prozent aller Frauen. Für eine kleine Gruppe Männer funktioniert dies also hervorragend. Und diese Männer sagen sich, oh, ich habe so viele Möglichkeiten, sie chatten mit all diesen Frauen und all diese Frauen haben das Gefühl, der Mann signalisiere echtes Interesse, dabei ...
... will er sich gar nicht entscheiden?
Ja, er befindet sich im sprichwörtlichen Süsswaren-Laden.
Apropos Reiten. Im Interview mit der «Schweizer Illustrierten» sagten Sie über ihre Kindheit in der Kleinstadt Glastonbury, Conneticut: «Meine zwei jüngeren Schwestern und ich sind mit Ponys zur Schule geritten.» Das klingt ja eher nach «Unsere kleine Farm» als nach «Sex and the City».
Mit Ponys? Nein, ich bin nie auf einem Pony zur Schule geritten! Ich hatte Pferde! Und Ich habe an Pferderennen teilgenommen. Mit fünfzig habe ich damit wieder angefangen, ich habe mich auf Dressur konzentriert und viele, viele Auszeichnungen gewonnen. Doch irgendwann musste ich damit wieder aufhören, es war zu teuer. Aber ich habe gewonnen.
Wow! Sind Sie immer so kompetitiv?
Ja, ich habe diese Eigenschaft. Aber nicht immer. Nur die Hälfte meiner Zeit über.
Als Sie jung waren, sind Sie sehr schnell zur erklärten Feministin geworden. Sie haben sich die gesellschaftlichen Erwartungen angeschaut, die an Frauen gestellt wurden und waren nicht zufrieden damit. Was für Erwartungen waren das?
Ach, die üblichen! Ehe und Kinder waren ein Muss – ich wollte keine Kinder kriegen. Frauen kamen selbstverständlich immer nach den Männern – ich akzeptierte das nicht. Und ich wollte eine grosse Schriftstellerin werden. Ich wollte die Anerkennung, die man männlichen Schriftstellern entgegenbringt. Mir war nicht klar, dass dies nie passieren würde – aber ich musste es versuchen. Und ich wollte immer mein eigenes Geld verdienen.
Da bin ich völlig mit Ihnen einverstanden, ich wollte auch nie Kinder, aber ich wollte eine Beziehung und einen Job, die mich beide erfüllen. Zum Glück habe ich beides gefunden. Die richtige Frau und den richtigen Job.
Eine Frau?
Ja.
Ach, heterosexuelle Beziehungen ... (lange Pause), ich weiss nicht ... Heterosexuelle Beziehungen sind von Natur aus sexistisch. Ich kenne eine Frau, die für Tinder arbeitet und sie sagte mir: Diejenigen, die sich selbst am besten kennen, ihre Vor- und Nachteile und so weiter, sind schwule Männer. Die Schlimmsten sind heterosexuelle Männer. Sie überlegen nicht, welche Eigenschaften für eine Frau wirklich attraktiv machen könnte, sie richten sich einfach nach machoiden Vorbildern. Männer interessieren sich nicht wirklich für Frauen, auch wenn sie das behaupten.
Das klingt jetzt aber sehr desillusioniert.
Nein, das ist bloss realistisch. Ich bin eine sehr grosse Beziehungs-Realistin. Das ist natürlich nicht das, was Frauen hören wollen. Frauen lieben es, einer Fantasie über einen Mann nachzuhängen und sich in ein Märchen zu träumen, nur so überleben sie in Beziehungen.
Hat «Sex and the City» nicht genau diese Märchenprinz-Fantasien bedient?
Ja, das hat es. Wenn Sie zu meiner Show kommen, werden Sie verstehen, wann das Märchenerzählen begonnen hat.
Nämlich nach Ihrer Arbeit für die Serie. Sie stiegen nach zwei Staffeln als aktive Co-Drehbuchautorin aus.
Ja. Aber wissen Sie, ich sage immer: «Sex and the City» ist eine TV-Serie, nicht das wahre Leben.
Ich weiss, aber sie basiert trotzdem auf einer fiktionalisierten Version Ihrer Erfahrungen.
Am Anfang schon.
Wie kam es, dass Sie sich als junge Frau wie Carrie Bradshaw in drei Dinge verliebten: Glamour, New York und das Schreiben?
Nun, mit dem Schreiben war es einfach, das kam von Innen, ein Bedürfnis, dieses Gefühl: Das muss ich machen oder ich sterbe. Glamour ... Mode war schon immer ein Teil meines Lebens gewesen, als Mädchen las ich die «Vogue» und malte mir aus, wie perfekt mein Leben wäre, wenn ich bloss eines dieser Kleider tragen könnte. Auch Mode ist natürlich eine Fantasie. Und wie so viele Menschen kam ich nach New York, weil ich mich in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen war, nicht wohl fühlte, nicht zugehörig, anders eben, vielleicht etwas ehrgeiziger, vielleicht etwas humorvoller mit einem anderen Blick auf die Welt. In New York fand ich Gleichgesinnte, das war sehr tröstlich. Auch wenn New York eine Millionenstadt ist – man findet sich.
Wie muss ich mir das New York Ihrer jungen Jahre vorstellen? Heute ist es ein abgehobener Millionärs- und Milliardärs-Hub, aber damals scheint es so viel rauer und kreativer gewesen zu sein.
In New York leben Menschen mit lächerlich hohen Vermögen, gleichzeitig hat die Stadt eine der höchsten Armutsraten von Amerika. Es war schon immer teuer, in New York zu leben, immer. Selbst in den 1980er-Jahren. Es gab immer schon privilegierte und prekär lebende Menschen. Doch der Unterschied zu heute war der: Man konnte damals auch ohne Geld, aber mit kulturellem Kapital zur Gesellschaft gehören, einfach, weil man interessant war, schlau, einzigartig, kreativ. Künstlerinnen und Künstler wurden auch ohne Geld ernst genommen. Und es war einfacher aufzusteigen.
So wie Sie?
Mir geht es gut für eine alleinstehende Frau. Aber in den Hamptons, wo ich neben New York auch lebe, haben alle Leute dermassen viel Geld! Im Vergleich dazu habe ich keins.
Gut, Sie haben einen Wohnsitz in New York und einen in den Hamptons, Ihnen geht es objektiv gesehen sehr, sehr gut, gerade für eine Schriftstellerin.
Vermutlich. Aber nicht so gut wie J. K. Rowling.
Rowling ist aber auch die bestverdienende Autorin der Welt, mit der muss sich niemand vergleichen, da machen Sie sich nur unglücklich.
Okay, das ist wahr.
Wenn ich Ihre Bücher lese und mir «Sex and the City» anschaue, denke ich, dass Ihr Motto lautet: «Girlfriends are a girl's best friends.» Stimmt das auch für Sie?
Oh ja! Auch im echten Leben. Ich habe viele, viele Freundinnen und wir leben immer noch ähnlich wie Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte, wir gehen oft aus, treffen uns mehrmals die Woche zum Lunch und zum Dinner. Die meisten von uns sind inzwischen geschieden.
Wie froh sind Sie, dass es in Ihren Anfangszeiten als Journalistin, Kolumnistin und Lebefrau keine sozialen Medien gegeben hat?
Ich glaube, alle, die vor der digitalen Revolution jung sein durften, sind dafür dankbar. Soziale Medien führen dazu, dass man sich immerzu vergleichen muss und dass eine Neidkultur gefördert wird. Ein Beispiel: Alle reichen Leute, die ich kenne, verbringen ihre Ferien auf einer Yacht oder auf St. Barth. Und posten Bilder davon. Da können sie noch lange sagen, soziale Medien seien fake – sie befinden sich trotzdem wirklich auf dieser Yacht! Das nervt!
Ich verstehe.
Es ist eine konstante Parade der Grossartigkeit, die macht, dass andere sich dadurch umso unsicherer fühlen. Früher wusste man sowas nicht, man hat im eigenen Leben gelebt, im eigenen Moment.
Wollen wir noch etwas Werbung für Ihre Show in Zürich machen?
Gerne! Ich erzähle da die Ursprungsgeschichte von «Sex and the City». Und meine Geschichte. Wie hart das damals war.
Bekanntlich sind Sie Carrie Bradshaw. Sie haben die Figu als Pseudonym entwickelt, weil Sie Ihr wildes Single-Leben in New York nicht so direkt vor Ihren Eltern ausbreiten wollten.
Ja. Wenn es mich nicht gegeben hätte, dann hätte es eine der beliebtesten TV-Serien der Welt nicht gegeben. Ich spiele in der Show auch ein Game: Wahr oder nicht wahr? Es steckt so vieles in der Serie, was aus meinem Leben stammt – im Guten wie im Schlechten. Und mir geht es um die wahre Botschaft von «Sex and the City»: Sei dein eigener Mr. Big! Auch als Frau. Pack das Leben an den Hörnern, sei selbstbewusst, sei unabhängig.
Candace Bushnell tritt am 22. März um 19.30 Uhr und 21.30 Uhr im Zürcher Theater 11 auf. Zu den Tickets gehts hier.
Daran sind ja die Frauen dann wohl selber Schuld, wenn sie in jungen Jahren solchen Männern hinterherrennen und sich dann mit 40 fragen, warum sie sie single sind.
Ist das ein Hoax im Sinne der grievance studies affair oder glaubt jemand tatsächlich, dass 87% der Beziehungen in der Schweiz disharmonisch in einem Machtgefälle funktionieren?