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Liebe ist ... ein wildes Meer und schöne Frauen. Dem kann man nur zustimmen. Szene aus «Portrait de la jeune fille en feu». Bild: Cineworx

Interview

«Ein Mann holt sich von zwei Lesben, was er haben will: Porno»

Ein Gespräch mit der Regisseurin Céline Sciamma über die Kraft der Subversion, eine Schweizer Zucchini und Gehirne, die in der Missionarsstellung verharren.



Darf ich Ihnen etwas in Erinnerung rufen?
Céline Sciamma: Natürlich.

Sie sind fünfzehn Jahre alt und gerade mehrere Kilometer mit dem Rad durch den Regen von Pontoise gefahren.
Oh, Sie haben davon gehört?

Natürlich! Sie tragen einen blauen Regenmantel und wollen sich im Kino «Trois couleurs bleu» mit Juliette Binoche anschauen. Es ist ihr erster Kinobesuch.
Mein erster ohne Begleitung! Und das hat meine ganze Welt verändert. Ich kam mir so besonders und erwachsen vor, wie ich das Kino betrat, und ich dachte, das mache ich jetzt drei, vier Mal die Woche.

Trois couleurs bleu juliette binoche

«Trois couleurs bleu» war 1993 das beste Verkaufsargument für blaue Glitzersteine. Bild: via imdb

Das Kino bot an jenem Regentag ja auch Schutz.
Ja, es bot Schutz, nicht nur vor dem Regen. Ich fühlte mich weniger allein auf der Welt. Es war tröstlich.

Auch Ihr Film «Portrait de la jeune fille en feu» ist sehr tröstlich. Der Platz lesbischer Frauen in der Filmgeschichte ist sehr enttäuschend und grausam, bei Ihnen nicht. So oft mussten Lesben in Filmen schon Selbstmord begehen!
Die meisten lesbischen Liebesgeschichten wurden von Männern gedreht ...

In den letzten Jahren waren dies zum Beispiel «La vie d'Adèle» von Abdellatif Kechiche. Oder «The Handmaiden» von Park Chan-wook. Oder «Carol» von Todd Haynes. Wie «La jeune fille en feu» wurden sie alle am Filmfestival von Cannes mit Preisen bedacht. Gibt es in Cannes eine gewisse Fixierung, was Lesben auf der Leinwand betrifft?
Stimmt, für die vergangenen Jahre könnte man das wirklich denken, das ist mir so noch gar nie in den Sinn gekommen!

«Portrait de la jeune fille en feu» de Céline Sciamma

Cannes 2019: Bestes Drehbuch und Queer Palm für Céline Sciamma. Bild: Cineworx

«The Handmaiden» fand ich wunderbar, sehr sexy, feinfühlig und amüsant, ohne pornografisch zu sein.
Ja, das ist aber auch die Verfilmung eines Romans, den eine lesbische Autorin geschrieben hat.

Was auch für «Carol» gilt. Zudem ist Todd Haynes homosexuell. Womit wir bei Kechiche wären. Ich habe ja schon etliche Pornos gesehen und dachte, okay, wo ist jetzt da der Unterschied zu einem ganz normalen Softcore Porno?
Nirgendwo. Da ist er, der männliche Blick. Und er holt sich, was er von zwei Lesben haben will: Porno. Das hat nichts mit unserer Realität zu tun. Und wieso müssen heterosexuelle Regisseure Lesben so oft töten? Wieso lassen sie uns nicht unsere eigenen Geschichten erzählen? Weil unsere Geschichten gefährlich sind!

Blue is the warmest color

Cannes 2013: Goldene Palme für den besten Film und FIPRESCI Prize für «La vie d'Adèle». Bild: via imdb

Carol

Cannes 2015: Beste Darstellerin ist Rooney Mara (links), die Queer Palm geht an Todd Haynes für «Carol» nach dem Roman von Patricia Highsmith. Bild: pathé films

The Handmaiden Park Chan-wook

Cannes 2016: Vulcain Prize für «The Handmaiden» nach dem Roman von Sarah Waters. Bild: via imdb

Ja, sie sind subersiv. Weil Männer darin nicht vorkommen. Aber ist das nicht super?
Natürlich ist das super. Unsere Subversion ist lebendig, reich, leidenschaftlich. Wir wollen anders sein.

Was die Liebe unsterblich macht

Seit Céline Sciammas Film im Mai in Cannes zur Welt kam, spinnen die Leute: Ein Schweizer Kritiker erklärt ihn zum tollsten Film des Jahrzehnts, eine Moderatorin am Toronto Film Festival erzählte, sie hätte sich danach vor Ergriffenheit auf den Boden geworfen und minutenlang geweint.

«Portrait de la jeune fille en feu» ist die Geschichte der jungen Adligen Héloïse, die im Kloster gross geworden ist und die jetzt nach Mailand verheiratet werden soll, allerdings nur, wenn ihr Porträt dem angepeilten Bräutigam gefällt. Malen soll dies Marianne, eine mittellose Auftragskünstlerin. Und dann geht eine Liebe los, die keine Zukunft kennt: Jeder Pinselstrich wird zur intimen Zärtlichkeit, jeder Blick ist Begehren, es zählt nicht der Sex an sich, sondern alles andere, an das man sich später so gerne und deutlich erinnert, als wärs mit ewigem Feuer in die Seele geschrieben.
Jetzt im Kino.

Trailer zu «Portrait de la jeune fille en feu»

abspielen

Video: YouTube/cineworxfilmverleih

Es gibt zwei klassische männliche Vorstellungen von lesbischer Liebe: Eine ist die pornografische, die andere die ätherische, die eher in der Literatur und Philosophie zu finden ist. Da ist es eine Liebe, die von Penetration und Fortpflanzung frei ist, die so rein ist, dass sie schon wieder steril ist. Da gibts keine Begierde. Der Philosoph Walter Benjamin sprach vom «Lilienbanner» lesbischer Liebe.
Ja, es herrscht Krieg. Sie hassen uns. Deshalb trennen sie ihre Art von Liebe, ihre Kultur sehr genau von unserer und isolieren uns dadurch. Die Kritik von Männern an meinem Film lautet seit Monaten: Das Tabu der Homosexualität wird nicht gezeigt, es gibt zu wenig Fleisch zu sehen, es gibt keine Männer. Dabei ist diese andere, selbstverständliche, angstfreie Erotik zwischen den Frauen eben nur möglich, weil keine Männer da sind, die das wieder objektivieren könnten.

Und es gibt ja auch eine Art Penetrationsszene, nur ist das «Loch» eben ein ganz anderes ...
Aber das wollen sie natürlich nicht sehen, weil sie faul sind.

Weil ihr Gehirn quasi in einer Missionarsstellung verharrt?
Ja! Haha!

Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Liebesgeschichte zwischen einer Malerin und ihrem Modell im 18. Jahrhundert anzusiedeln?
Ich wollte eine Geschichte machen, in der weibliche Liebe und weibliche Kunst eine Rolle spielen. Eine Malerin ist die Vorgängerin einer Regisseurin, sie macht Wirklichkeit zu Bildern. Und sie kollaboriert mit ihrem Modell. So wie ich mit meinen Schauspielerinnen kollaboriere. Frauen, die Modell standen, waren ja immer viel mehr als eine stumme Muse: Modell zu sein gab ihnen Zugang zu den Ateliers, sie bestimmten oft selbst, was mit ihrem Körper geschehen sollten, sie boten den Malern auch intellektuelle Stimulation. Dora Maar zum Beispiel war nicht bloss die Muse von Picasso, sie war eine fantastische Fotografin, die Begründerin des Surrealismus.

This photo provided Wednesday Feb. 15, 2006 by Paris' Picasso museum shows Dora Maar, Pablo Picasso's muse and model, during winter 1935-1936 and which is presented as part of Picasso/Dora Maar exhibition. The museum explores all the ways the two artists fascinated each other, provoked each other and inspired each other.

Dora Maar (1907 – 1997). Bild: AP MUSEE PICASSO - SUCCESSION PI

Okay, aber zurück ins 18. Jahrhundert!
Ich wollte nicht die Geschichte einer der wenigen bekannten Künstlerinnen erzählen, ich wollte eine Geschichte erfinden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es unzählige unbekannte Künstlerinnen, die dazu verurteilt waren, unwichtige Bilder zu malen: Stillleben, Blumen, Tiere, Porträts. Es war ihnen verboten, nackte Männer zu malen, entsprechend wurden sie darin auch nicht ausgebildet. Denn hätten sie es gekonnt, so hätten sie Zugang zur Königsdiziplin der mythologischen Malerei gehabt, zu Helden und Göttern. Das wurde erfolgreich verhindert.

Frustrierend.
Ich bin wirklich dankbar, dass ich heute lebe und heute Kunst machen kann. Der sogenannte männliche Blick ist Geschichte. In meinem Fall Filmgeschichte. Aber Frauen wie ich bringen neue Perspektiven, neues Material, Kraft, es macht mehr Spass und ist interessanter.

Sie haben also nichts dagegen einzuwenden, dass Sie unter dem Label «der weibliche Blick» laufen?
Oh nein, ich habe nichts gegen Labels. Das hätte ich nur, wenn «weiblich» als minderwertig, «feministisch» als uncool und «lesbisch» als beschämend gelten würde. Ich bin stolz darauf eine weibliche, feministische, lesbische Regisseurin zu sein.

Regie ist die eine Seite Ihrer Arbeit. Die andere ist, Drehbücher zu schreiben. Stimmt es, dass Sie dann mit niemandem reden?
Ja, einzig und allein mit meiner Produzentin. Ich muss meine Drehbücher beschützen, sie sollen radikal sein, keine Kompromisse. Natürlich ist das total überheblich, schliesslich kostet ein Film Millionen, aber so ist nun mal Kino.

ma vie de courgette

2017 war «Ma vie de Courgette» von Claude Barras für einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert. Bild: rts

Und eines Ihrer Drehbücher schrieben Sie für die Schweiz: «Ma vie de Courgette», der oscarnominierte Animationsfilm aus der Romandie. Hat das Spass gemacht?
Und wie! Ich wusste, wie die Figuren aussehen, abgesehen davon war ich frei. In einem normalen Film ist es ja so, dass das Drehbuch täglich über den Haufen geworfen wird, hier wurde es respektiert wie keines vorher. Zudem war es für Kinder, da hat man eine riesige Verantwortung. Kinder sind gnadenlos im Urteil. Kinder wollen klare, präzise Emotionen. Und ich wollte frische, nicht klischierte Visionen von Freundschaften und Kräfteverhältnissen zwischen Kindern erfinden. «Courgette» hat mir in dieser Hinsicht sehr für meine Arbeit an «Jeune fille en feu» geholfen.

Ehrlich? Ein Schweizer Animationsfilm half Ihnen dabei, das Drehbuch für eine weltweit gefeierte lesbische Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert zu schreiben?
Ja, genau so war's.

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