Sportsucht: Von der Angst, nicht genug zu sein
Triggerwarnung: Im folgenden Text werden Essstörungen thematisiert. Für manche Menschen kann das belastend sein.
Ich bin nicht genug. War ich nie. Freunde, Mitschüler und Familienmitglieder wiesen mich jahrelang darauf hin. Der Bauch zu dick, die Hüften zu weich, die Brust zu flach, die Oberarme zu dünn. Bis heute hallt das nach. Noch immer kann ich kein Körperteil neutral beschreiben, das «Zu» war dafür zu lang mit meiner Selbstwahrnehmung verflochten.
Sport prägte meine Jugend. Ich stemmte Gewichte, platzierte Faustschläge in Pratzen, Schweiss spritzte – Tag für Tag. Essen schlüsselte ich in Mikro- und Makronährstoffe auf und erfasste sie via App. Mit gekrümmtem Rücken musterte ich alle Zutaten: Haferflocken, Milch, Proteinpulver, Reis, (damals noch) Fleisch. Jede Mahlzeit ein Jenga-Spiel.
Ich eiferte einem Ideal nach, das nicht zu erreichen war, aber alle um mich herum verlangten. Nicht nur von mir, von allen. Wer es nicht erreicht, wird abgestraft. Bodyshaming, Fatshaming, Skinnyshaming – jeder Körper ein Diskussionsgegenstand. Wo Menschen aufeinandertreffen, wird bewertet. Sobald sie auseinandergehen, bleiben Sprüche, Kommentare, Randbemerkungen hängen. Unscheinbare Widerhaken, die tiefe Wunden ins Selbstbild reissen.
Fitness-Wahn: Leben als Bodensatz
Die meisten können derlei Erfahrungen einigermassen datieren. Bei mir ging es im Grundschulalter los, vielleicht war ich acht, vielleicht neun. Mein Freundeskreis bestand aus Nachbarschaftskindern, alle ein wenig älter und körperlich deutlich fitter. Sie spielten Fussball in Vereinen, Tischtennis, machten Kampfsport, rannten, kletterten, sprangen, keppelten. In ihren Köpfen erstellten sie Ranglisten. Über den letzten Platz kam ich nie hinaus. Ich war Bodensatz, also ein Angriffsziel.
«Kein Wunder, bist ja auch dick», «Wärst du nicht so dick, wärst du nicht so langsam», «Dick, hässlich, unsportlich». Die Pointen sassen und ich stürzte in Unsicherheit. In der Hoffnung, etwas Trost zu finden, ging ich zu meiner Mutter. Es half nichts. Ein liebloser Kniff in die Hüfte, ein «na ja, bisschen was ist hier schon dran» und Feierabend.
Ich konnte mich nicht wehren, also versuchte ich, mich anzupassen. Meinen Körper in eine Form zu pressen, in die er nie passen konnte. Es haperte aber am Wie. Für einen Sportverein fehlte das Geld, für eine Sportlerernährung das Wissen, für eine Flucht das Alter.
Um aus dem Schubskreis auszubrechen, imitierte ich das, was mir der Fernseher zeigte. Meine Trainingsprogramme schrieben aufgepumpte Actionstars. Ich ging joggen, machte Sit-ups, boxte vor Kissen, während mein kleiner Bruder verwirrt zuschaute. Die Folge: Essattacken. Ängste keimten. Vor verbalen und körperlichen Attacken. Auf dem Weg zur Schule, in der Schule und beim Spielen draussen klebte mein Blick auf meinen Schuhen.
Damals entging ich knapp einer Essstörung. Der Grundstein dafür war aber gelegt, das Ideal in meinem Kopf präsent. In der Pubertät meldete ich mich bei einem Fitnessstudio an, machte Kampfsport. Solange ich mich bewegte, fühlte ich mich sicher. Es war eine Flucht aus dem Spottradius.
Meine Verunsicherung fütterten nicht nur meine Freunde, sondern auch die dargestellten Körper in zig Filmen. Muskeln haben im Fernsehen Tradition. Stallone, Schwarzenegger, Johnson lösten bei meinem pubertären Ich Komplexe aus. Als ich Anfang 20 war, verschlimmerte sich das. Der Fernseher zeigte noch unregelmässig perfekte Körper, aber Social Media erhöhte die Taktung.
War ich für mich, sass ich vor dem Smartphone und schaute mir Fitnessvideos an. Es war in den Zehnerjahren, als Youtube-Channel wie «Road to Glory» Jugendliche mit Selbstoptimiererphilosophien den Kopf vernebelten. Protagonisten waren sprechende römische Statuen: muskulös, selbstbewusst, schön.
Immer weniger werden, um genug zu sein
Täglich verfolgte ich das Auf und Ab der Eisenplatten. Trainings- und Ernährungspläne pauste ich ab. Mit meinem damaligen Mitbewohner startete ich eine Diät. Kalorienzählen kannte ich, nur diesmal gipfelte es in biblischer Strenge. Kohlenhydrate verbot ich mir, alles «Ungesunde» mied ich. Obst nur in kleinen Mengen, viel Gemüse, viel Fleisch, viele Nüsse. Woche für Woche strich ich Kalorien zusammen. Die Fettschicht schwand – über meinen Bauchmuskeln, an meinen Oberschenkeln, an den Armen.
Wochenlang wälzte ich mich mit knurrendem Magen im Bett, stand mitten in der Nacht auf, um das Hungergefühl in gläserweise Wasser zu ertränken. Meine Rippen waren sichtbar. Dünner werden klappte, nur wollte sich keine Zufriedenheit einstellen. Zahlenbesessenheit jagte mich durch die Supermärkte, durch die Küche, durch das Training.
Noch immer glaubte ich, mich nach einem Ideal strecken zu müssen, während mein Mitbewohner längst aufgehört hatte. Er begann sich Sorgen zu machen, fragte, ob ich nicht normal essen wolle. Ich konnte nicht. Zu tief war der Konflikt mit meinem Körper. Er war nicht perfekt.
Mir fehlte das Wissen, um zu verstehen, woher Schönheitsideale kommen, dass sie eben nicht im luftleeren Raum entstehen. Wer sie definiert, warum sie eigentlich Statusmarker sind, war mir nicht klar. Ich strebte ihnen nach, ohne zu hinterfragen. Mein Ziel war Status, einfach, damit die Sprüche aufhören, damit ich genug bin.
Kritik tötet Lob: Hungern bis zum Umfallen
Dabei gab es längst keinen Spott mehr. Leute sprachen mich auf meinen Körper an, lobten meine Muskeln, fragten nach Tipps. Ich lächelte, nickte, konnte es nur nicht annehmen. Zwar hatte ich neue Freunde, die alten spukten mir aber weiterhin durchs Gedächtnis. Zeitweise schien es aber zumindest so, als wären die Stimmen nicht mehr ganz so laut.
Bis eine Bekanntschaft sie voll aufdrehte.
Wir lernten uns bei einer Party kennen, kamen uns näher. Nachdem wir das erste Mal Sex hatten, kramte sie ihr Handy hervor. Ungefragt zeigte sie mir ein Bild eines Ex-Partners. Er trug kein Shirt, war durchtrainiert. Sie musterte mich und ich wurde unruhig. «Siehst ja ganz gut aus, aber das ist schon ein anderes Level», sagte sie. Es war eine Antwort ohne Frage. Kurzschluss. Mehr machen.
Weniger Kalorien. Kaum Kohlenhydrate. Fette können runter. Proteine gehen. Sport. Gewichte stemmen. Joggen. Basketball. Mehr, mehr, mehr. Bewegung. Blick in den Spiegel. Mehr Bewegung. Mehr Sport. Weniger Kalorien. Schnitt.
Die wochenlange Routine endete mit einem Zusammenbruch, irgendwo in einem Café. Plötzlich war alles schwarz, irgendwas hatte mir das Licht ausgeknipst. Meine Beine brachen mir weg, ein Mitarbeiter hat mich noch aufgefangen. Er gab mir ein Glas Zuckerwasser. Zwei Freunde waren dabei, spendeten Trost. Im Anschluss folgte eine Intervention.
Es dauerte, bis sich mein Verhältnis zu meinem Körper besserte, die Stimmen leiser wurden. Zwänge gibt es weiterhin. Verzichte ich ein paar Tage auf Sporteinheiten, bin ich unzufrieden. In solchen Momenten dröhnt die Kritik in meinem Kopf und ich beginne, Mahlzeiten zu reduzieren. Auch nach Jahren ohne kritische Situationen, nach Jahren voll lobender Worte für meinen sportlichen Körper, nach einer Therapie wegen meines Selbstwerts, hänge ich manchmal noch fest.
Scrolle ich heute durch Social-Media-Clips, durch die gefährlich beständige Fitnessbubble, durch die schräge Looksmaxxer-Welt, macht es längst nicht mehr so viel mit mir. Und trotzdem: So viele Erkenntnisse ich über Schönheitsideale gewinnen mag, so gut ich auch weiss, woher sie stammen, es bleibt die Angst, nicht genug zu sein. Doch genauso drängt sich immer mehr eine Frage auf: für wen eigentlich?
Anlaufstelle bei Essstörungen
Wenn du Angst hast, in eine Essstörung hineinzurutschen, an einer Essstörung leidest oder den Verdacht hast, dass eine dir nahestehende Person an einer Essstörung leidet, dann ist die Schweizerische Gesellschaft für Essstörungen (SGES) eine gute erste Anlaufstelle, um sich über Hilfsangebote in deinem Kanton zu informieren.
