Neue Tarife für Physiotherapie – was du wissen musst
Wem der Rücken schmerzt, der legt sich nicht gleich unters Messer, sondern versucht es mit Physiotherapie. Häufig hilft gezielte Bewegung gegen Schmerzen und bei diversen anderen Gebrechen auch. Namentlich bei Herzinfarkt, Diabetes oder Depressionen gehört Physiotherapie zur effektiven Behandlung, wie unlängst eine Studie der Berner Fachhochschule zeigte.
Die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten zeigen sich dennoch unzufrieden: Ihr Lohn stagniert seit Jahren. Das führte zu einem lange schwelenden Streit, der seit Dienstag beendet ist.
Was ist passiert?
Der Verband Physioswiss hat sich zusammen mit den Krankenkassen und Spitälern auf eine neue Tarifstruktur geeinigt. Geschäftsführer Osman Bešić spricht von einem «historischen Moment». Denn er konnte erstens eine Verschlechterung der Situation abwenden, die der Bundesrat mit einem eigenen Tarifkonzept herbeiführen wollte. Und zweitens hat er einen Tarif fertig verhandelt. «Wir sind zufrieden mit dem Ergebnis. Der Tarif orientiert sich an den effektiven Leistungen und Kosten der Physiotherapie.» Zudem bilde der neue Tarif sämtliche Leistungen ab. Das sei aktuell bei 15 Prozent der Leistungen nicht möglich.
Wieso haben die Krankenkassen eingewilligt?
Für die Krankenkassen bedeutet die Neuerung mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Anstatt über Pauschalen wird neu über einen Einzelleistungstarif mit Zeitkomponente abgerechnet. Das sind Einheiten von fünf Minuten. Diese Rechnung ist auch für die Versicherten einfacher überprüfbar. Ob sich das System ab 2027 durchsetzt, muss nun der Bundesrat entscheiden.
Kostet das die Prämienzahler mehr?
Nein, die Einführung des neuen Tarifsystems muss laut Gesetz kostenneutral erfolgen. Das beteuert auch der Krankenkassenverband Priosuisse: «Ein Wechsel des Tarifmodells darf nach den geltenden Vorgaben keine Mehrkosten verursachen.» Ein genaues Monitoring und Korrekturmassnahmen würden das sicherstellen.
Für die Physiotherapie sind das keine guten Nachrichten. «Die Branche ist seit Jahren unterfinanziert», sagt Osman Bešić. Trotz der neuen Tarifstruktur bleibe der Zustand in der Physiotherapie «prekär». «Dass unsere Arbeit nicht mehr kosten darf, ist gravierend.»
Wieso sind die Löhne tief?
Die Löhne stagnieren seit Jahren auf vergleichsweise tiefem Niveau. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen scheitert auch am politischen Unwillen. Weder Bundesrat noch Krankenkassen waren bisher bereit, die Physiotherapie besser abzugelten.
Das hängt auch mit der verbreiteten Verschreibung von Physiotherapie zusammen: Die Popularität macht sich in den Rechnungen der Krankenkassen sichtbar. Die Ausgaben haben sich seit 2012 mehr als verdoppelt, von rund 80 Franken auf etwa 180 Franken pro versicherte Person und Jahr. Für 2025 sind das rund 1,6 Milliarden Franken.
Laut Physioswiss wären Preiserhöhungen von mehr als 20 Prozent angezeigt. Der Preis der physiotherapeutischen Leistungen wird indes über den Taxpunktwert definiert – und dieser wird wiederum separat ausgehandelt. Der Verband hat dafür ein Festsetzungsverfahren erwirkt: Die Kantone müssen über einen «angemessenen Preis» entscheiden, weil sich Verband und Krankenkassen nicht einig wurden. (aargauerzeitung.ch)
