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Kommentar

Albtraum Hormonspirale: Wie ich ein Jahr lang für den pillenfreien Traum gelitten habe

Bild: Shutterstock

Nach mehreren Jahren Verhütung durch die Hormonpille entschied ich mich für die Hormonspirale. Doch statt der erhofften Erlösung trieb mich das Verhütungsmittel ins körperliche und psychische Elend.



Wäre dieser Erfahrungsbericht ein Meme, würde es so aussehen: «Lass dir die Hormonspirale einsetzen, haben sie gesagt, es wird toll, haben sie gesagt». Auf dem Bild wäre ich zu sehen, mit schmerzerfülltem Gesicht, zusammengerollt am Boden, neben mir eine Packung starker Schmerzmittel.

Nachdem ich die Pille abgesetzt hatte, weil ich mir nicht mehr täglich eine geballte Ladung Hormone reinbuttern wollte und keine Lust mehr hatte, meinen Körper dadurch in verschiedenen Hinsichten zu verändern und beeinträchtigen, musste ein neues Verhütungsmittel her. Im Freundinnenkreis ging es vielen gleich und immer mehr schwörten auf die Hormonspirale.

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Die Hormonspirale wird von vielen Frauen gefeiert. Bild: Shutterstock

Auf den ersten Blick sieht diese Verhütungsmethode vielversprechend aus: Nur eine lokale Hormonausschüttung, kein täglicher Reminder an die Verhütung, keine Monatsblutung, keine Gewichtszunahme, kein erhöhtes Thrombose-Risiko … heaven on earth, also. Nach einem Beratungstermin bei der Frauenärztin, die genauso begeistert davon berichtete, stand mein Entscheid fest: Ich lasse mir die Hormonspirale einsetzen. Ich wählte die kleine, die «nur» drei Jahre hält und weniger Hormone abgibt.

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«Ich lag den restlichen Tag mit höllischen Schmerzen im Bett und war mir sicher, dass alles gut kommen würde und meine Hormonspirale und ich eine neue Ära einläuten würden.»

Von Freundinnen wusste ich: Der Eingriff ist kein Spass. Es wird höllisch wehtun. «Nimm dir den Tag frei und schau, dass dich jemand mit dem Auto abholen kann, in den Bus willst du danach nicht», riet mir eine Freundin. Die Frauenärztin sagte zudem, ich solle kurz vor dem Termin ein Schmerzmittel einnehmen. Easy. Ich hatte alles organisiert und ging in die Praxis. Bevor ich auch nur schon ins Wartezimmer durfte, musste ich für die Spirale 300 Franken hinblättern. Ist immer so, wenn man sich die Spirale einsetzen lässt. Dann drückte mir die medizinische Praxisassistentin «meine» Spirale in die Hand und wies mich ins Wartezimmer.

Bis vor ein paar Jahren wurde die Spirale nur Frauen, die bereits geboren haben, eingesetzt, las ich später und wusste dann auch weshalb. Der Eingriff war etwas vom Schmerzvollsten, das ich bis dahin erlebt hatte.

Die Gebärmutterhöhle ist vor der Geburt zu klein, die Spirale passt deshalb häufig gar nicht erst rein oder wird nach dem Einsetzen wieder ausgestossen. Meine Frauenärztin versicherte mir aber, dass der grösste Teil der Frauen keine Komplikationen mit der Hormonspirale hätte.

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Nicht jeder Uterus heisst die Hormonspirale willkommen. bild: shutterstock

Ich lag den restlichen Tag mit höllischen Schmerzen im Bett und war mir sicher, dass alles gut kommen würde und meine Hormonspirale und ich eine neue Ära einläuten würden. Doch irgendwie wollte das zwischen uns nicht. Die Schmerzen gingen auch nach Monaten nicht richtig weg. Mehrmals pro Woche, oftmals täglich, hatte ich starke Krämpfe und Unterleibsschmerzen – die bisherigen Menstruationsschmerzen waren ein Dreck dagegen.

So vergingen die Wochen und ich schluckte fast jeden Tag ein Schmerzmittel. Manchmal sogar prophylaktisch, weil ich einen wichtigen Termin oder einen Ausflug geplant hatte und sicher gehen wollte, dass mir die plötzlichen Schmerzen keinen Strich durch die Rechnung machen. Aber die Medikamente halfen nur bedingt, ich litt trotzdem und konnte kaum mehr einen Tag entspannen. Dazwischen gab es mal wieder eine Zeit, in der ich keine Schmerzen mehr hatte. Diese Tage waren es, die mir immer wieder Hoffnung machten, dass sich das Ganze nun eingependelt und sich mein Körper mit der Spirale angefreundet hat.

«Ein Jahr lang ging es so, bis ich es eines Tages nicht mehr aushielt, mich aufs Fahrrad schwang, zur Praxis radelte und die Ärztin aufforderte, die Spirale sofort zu entfernen.»

Nach einem halben Jahr Leiden ging ich das erste Mal zur Frauenärztin und berichtete ihr, dass ich das Gefühl hätte, dass irgendwas nicht stimme. Sie winkte ab und beruhigte mich: «Manchmal geht es bis zu einem halben Jahr, bis sich die Schmerzen legen». Wieder fasste ich Hoffnung und dachte mir, ich müsse nur noch ein bisschen auf die Zähne beissen. Und ich biss und biss und biss. Krümmte mich zusammen und verbrachte immer wieder die Tage und Abende wie gelähmt im Bett.

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Krämpfe bis zum Gehtnichtmehr ... (Symbolbild) Bild: Shutterstock

Ein Jahr lang ging das so, bis ich es eines Tages nicht mehr aushielt, mich aufs Fahrrad schwang, zur Praxis radelte und die Ärztin aufforderte, die Spirale sofort zu entfernen. Obwohl die Frauenärztin bis dahin noch daran zweifelte, dass wirklich die Spirale schuld am Ganzen ist, hatte ich danach nie wieder solche unaushaltbaren Schmerzen. Auch psychisch ging es wieder bergauf. Diese Nebenwirkung habe ich erst nach der Entfernung bemerkt; ich war zu den Schmerzen auch auffällig häufig depressiv verstimmt.

«Es ist nicht mein Körper, mit dem etwas nicht stimmt, sondern die Annahme ist falsch, dass jedes Verhütungsmittel für jede Frau passt.»

Vermutlich fragt man sich nun: Weshalb zur Hölle habe ich die Spirale nicht früher entfernen lassen? Tatsächlich fragte ich mich das auch. Aber es steckte eben mehr dahinter. Zuerst das Finanzielle: Ich habe nicht 300 Franken (plus Behandlungskosten) dafür ausgegeben, dass ich die Spirale nach nur wenigen Monaten wieder entfernen lasse. Es hat mit der Pille schon nicht geklappt und ich sah keine guten hormonfreien Alternativen für mich – deshalb wollte ich so fest, dass es mit der Spirale klappt. Durch die Hoffnungsmacherei der Frauenärztin und ihrer Darstellung, dass ich die absolute Ausnahme bin, glaubte ich daran, dass es besser kommen wird.

Natürlich ist meine Geschichte eine von vielen. Es gibt zahlreiche Frauen, die überhaupt keine Beschwerden mit der Hormonspirale haben. Es gibt aber auch zahlreiche, die wie ich litten. Was ich aus diesem Jahr gelernt habe: Es ist nicht mein Körper, mit dem etwas nicht stimmt, sondern die Annahme ist falsch, dass jedes Verhütungsmittel für jede Frau passt.

Verhütung ist mehr als Empfängnisverhütung:

Video: watson/lea bloch

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