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Was wir hier sehen? Adam Driver als Halbpferd. Oder Kentaur.
Was wir hier sehen? Adam Driver als Halbpferd. Oder Kentaur.
Bild: screenshot youtube

Adam Driver wird zum Kentaur und 9 weitere Symbolschwurbel aus der Parfumwerbung

Was will der Mensch? Frei sein! Fesseln abstreifen! Grenzen überwinden! Luxus! Und womit kann er das? Natürlich mit dem richtigen Duft. Logisch, oder?
08.08.2021, 09:5709.08.2021, 07:16

Adam Driver, Burberry, 2021

Was ist mit unserem grossen schönen Mann passiert, fragte sich das Internet vor ein paar Tagen entgeistert. Und erregt. Denn der Schauspieler Adam Driver war nicht mehr er. Oder war er selbst in einer seltsam potenzierten Form. Mit definitiv mehr Drive. Dabei hatte er bloss ein bisschen Werbung gemacht. Für ein Parfum.

Und dabei vermählte er sich eben mit einem Pferd. Also nicht im erotischen, sondern im symbiotischen Sinn. Der schwarzmähnige Adam und ein weissmähniges Pferd (ob es wohl Eva heisst?) rannten gemeinsam über einen Strand, stürzten sich ins Wasser, pflügten die Wellen um und gerieten derart durcheinander, dass sie zu einem grauen Kentaur verschmolzen wieder dem Meer entstiegen. Aktive und ehemalige Pferdemädchen flippten aus: Mehr Idealmannpferd war undenkbar.

Inszeniert hat dies der Regisseur Jonathan Glazer, der in «Under the Skin» einst Scarlett Johansson in ein Männer aussaugendes Alien verwandelt hatte. Adams Metamorphose (zur Musik von FKA Twigs, es ist alles sehr avantgardisch angehaucht) ist eine klassische Parfumwerbung für den neuen Burberry Herrenduft Hero. Denn auch sie sagt, was Parfumwerbungen immer und immer wieder sagen: Spritz mich und ich entgrenze dich! Mach dich zu einem Naturereignis, mit mindestens einer Pferdestärke! Vervielfache deine schnöde Existenz für ein paar Atemzüge im Spiegelkabinett aus Eitelkeit und Exklusivität.

Kein anderes Produkt seit dem Verglimmen der Zigarette wird mit derart viel Freiheit beworben wie das Parfum. Schauen wir uns doch einmal an, was uns Hollywoodstars in den letzten zehn Jahren vor Adam und dem Pferd schon alles weismachten.

Kristen Stewart, Chanel, 2017

Als Kristen Stewart eines Tages erwacht, merkt sie, dass sie eigentlich eine Mumie ist. Oder irgendwas im Verpuppungszustand. Wahrscheinlich ... ein Schmetterling? Sie kämpft mit Gazen und Verbänden, rennt und rennt und rennt (was auch der Soundtrack von ihr verlangt), wird dabei immer nackter, also freier, rennt durch Funkenschlag und schliesslich durch eine Wand aus Glasblöcken, die unheimlich an Parfumflakons erinnern. Dann ist sie draussen, also ganz nackt, vor sich nur der Horizont. Der Duft Gabrielle von Chanel hat ihr zu einem ganz besonderen Coming-out verholfen.

Johnny Depp, Dior, 2017

Ein Mann hat keine Ahnung, wieso er plötzlich sein Probelokal in der Stadt hinter sich lassen und in die Wüste fahren muss, aber hey, er tut es, denn er heisst Johnny Depp, und ein Johnny muss manchmal einfach tun, was sein Gefühl ihm sagt und dem Duft der weiten Welt folgen.

Auf seiner selbstverständlich einsamen Fahrt (Parfumhelden sind oft allein) begegnet er wilden Tieren. Und dann begräbt er seine Halskette. Macht keinen Sinn, aber ist natürlich so hochsymbolisch wie Kristens abgeworfene Verbände und gesprengte Mauer. Dazu sagt er: «Was suche ich? Keine Ahnung. Ich fühle es. Es ist Magie. Sauvage. Dior.»

Dakota Johnson, Gucci, 2017

Gucci verbinden wir doch alle sofort mit grosser Natürlichkeit, frischen Gartendüften und Wohnzimmern, in denen Heublumen wachsen. Oder etwa nicht? Nachdem sich Dakota Johnson jahrelang im künstlichen Schmerzensreich des Christian Grey fünfzig verschiedene Körperteile hat versohlen lassen, erholt sie sich jetzt davon unter ihren betont lockeren Freundinnen. Denen man ansehen kann, dass Geld einen echten Freigeist nicht zu bändigen vermag. Zum Sound von Portishead gehen sie alle in ihren Gucci-Kleidern ins Wasser – etwa, um sich das Gucci-Parfum abzuwaschen?

Der Gerechtigkeit halber hier aber auch noch der dreist durchgeknallte Folgeclip von 2020 mit Anjelica Huston und Florence Welch. Quasi eine Vision davon, wie es aussehen könnte, wenn Dakota und ihr Edelhippietum in die Jahre kommen. Deliciously mad.

Natalie Portman, Dior, 2015

Natalie Portman soll heiraten. Sie ist sehr reich und soll jetzt wohl noch reicher werden. Ihr Vater ist mit ihrer – oder seiner? – Wahl total zufrieden. Sie nicht. Oder nicht mehr. Ein Diener bringt ihr das Hochzeitsbouquet, nennt sie Ma'am, «es heisst Miss», beharrt sie, schliesslich sind wir in einem Clip für Miss Dior.

Sie schmeisst ihren doofen Maiglöckchenstrauss hin, rennt davon, erst fliegen die Schuhe, dann das Kleid, und schon steht sie auf einer Klippe und schon klettert sie eine Leiter in einen Helikopter hinauf, wo ein Mann mit etwas weniger Money auf sie wartet und an ihrem Hals knabbert. Ihr Ziel: Paris, Stadt der Liebe. Und: die wahre Liebe. Happy End für? Die Liebe!

Gisele Bündchen, Chanel, 2014

Gisele Bündchen reitet lieber die Wellen als ihren Mann und denkt auch sonst nur an sich beziehungsweise an ihre Karriere als Werbegesicht von Chanel No 5 (selbstironisch sind sie ja, die grossen Marken). Logisch, dass der Mann da geht. Gisele spritzt etwas No 5 in die Luft, herzt ihr Kind, geht zur Arbeit – und merkt plötzlich, dass sie dabei gar nicht sich selbst sein kann, sondern von einer Verkleidung in die nächste schlüpft.

Wie hohl und oberflächlich ist das denn, denkt sie sich, nicht nur der Mann muss sich schliesslich treu bleiben, auch sie muss ihm treu bleiben! Sie setzt sich in ihr todschickes, selbstverdientes Cabrio, braust nach New York, wo sie den Mann mit aufgelöster Fliege unglücklich an einem Konzert aufliest. Noch ein Happy End für die Liebe.

Robert Pattinson, Dior, 2013

Wenn Parfumwerbeikonen nicht grundsätzlich nackt oder halbnackt oder halb Tier sind, weil sie sich geradezu radikalexistentialistisch aller Konventionen entledigt haben, dann sind sie reich, das haben wir jetzt gelernt. Auch Robert Pattinson gehört dazu. Aber hey, er leidet nicht darunter! Nein, er geniesst mit seinem Mädchen palastartige Hotelzimmer und Strandfahrten, und immer wieder landen sie auf Anlässen für Gutbetuchte, die allerdings extrem steif drauf sind. Bis ihnen Robert zeigt, wie Glücklichsein geht. Man braucht nur die Hand danach auszustrecken. Sind wir nicht alle Vollblutmenschen?

Julia Roberts, Lancôme, seit 2013

Julia Roberts erzählt für La vie est belle, den Erfolgsduft von Lancôme, eine Saga in mehreren Teilen. 2013 (hier im Video) entdeckt sie auf einer Party für Supersuperreiche in Paris, dass alle an diamantglitzernden Fäden hängen und ferngesteuert werden. Auch sie! Gibt es da keinen Ausweg? Doch! Er ist ganz einfach! Man muss bloss die Fäden zerreissen! Gedacht, getan, Julia kann jetzt beim Lächeln auch endlich wieder ihre Zähne zeigen und steigt eine riesige Treppe hoch zu einem Fenster oder Balkon mit Blick auf Paris. Und auch das Parfumflakon wagt jetzt, seine glitzernden Fesseln zu sprengen.

2016 kommt sie in karitativer Mission wieder zurück, schliesslich kann sie die Supersuperreichen nicht einfach unerlöst zurücklassen. Wieder schreitet sie durch ihre Party, bis sie vor einer Wand steht. Sie berührt die Wand, diese löst sich auf, alle tanzen befreit auf einer Terrasse über Paris. 2018 trifft sie alle wieder (wozu eigentlich?), jetzt auf einem Dach – über Paris, wo sonst? Wieder gilt die Gleichung superreich = supersteif. Entzückt entdeckt Julia, dass die Wassertropfen eines Springbrunnens Diamanten gleichen – und erlöst alle mit ihrem ansteckenden Lachen. Leider hat das Parfumflakon keinen Job mehr.

Keira Knightley, Chanel, 2011

Sie rast auf dem Motorrad durch Paris zum Fototermin. Sie macht den Fotografen so lange heiss, bis er alle wegschickt und Liebe machen will. «Lock the door!», verlangt sie, doch als er zurückkommt, ist sie bereits aus dem Fenster geklettert, auf ihr Motorrad gesprungen und braust davon. Keira kennt nichts. Jedenfalls keine Angst. Und sie würde einen sentimentalen Klaus wie den von Gisele Bündchen sofort in die Wüste schicken. Ihre Kraft holt sie – aus ihrem Parfum.

Charlize Theron, Dior, seit 2011

Sie ist die Chefin des Duft gewordenen Befreiungsnarrativs. Die Frau, die uns seit einem Jahrzehnt J'adore von Dior verkauft. Alles in ihren Clips ist golden, ihre Kleider, die sie andauernd abwirft, die Gemächer, die sie verlässt, ihre Highheels, ihr Haar, ihr Schmuck, das Flakon, das jedoch auch nur die schnöde Hülle jener essenziellen Zauberflüssigkeit ist, die restlos alles bedeutet: Heimat und Freiheit zugleich, Schutz und Schmuck und vor allem Zukunft. Auch wenn Charlizes Botschaften im Lauf der Jahre widersprüchlich sind.

«Gold ist kalt, Diamanten sind tot», sagt sie 2011 und behält nichts an ausser ihren Schuhen. «Die Vergangenheit kann schön sein und Erinnerungen ein Traum», sagt sie 2014 und klettert in einem goldenen Kleid ein Seidentuch hoch, «aber man kann darin nicht leben. Der einzige Ausweg geht nach oben. Und es ist nicht der Himmel, es ist eine neue Welt. Die Zukunft ist aus Gold.» Aha. Klar. Gold ist also doch nicht nur cold.

Muss man diese kapitalistische Kehrtwende verstehen? Oder reicht es, wenn man sie fühlt? Und dann vielleicht noch ein Collier in der Wüste vergräbt und einen Brautstrauss hinterherschmeisst? Die Gedanken sind frei.

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