The Beatles, Johnny Cash, Marvin Gaye – alle haben sie auf Deutsch gesungen
Und jetzt – alle zusammen!
So sangen John Lennon und Paul McCartney anno 1964. Jawohl: 1964 – also nicht während ihrer berühmten Hamburg-Rock'n'Roll-Zeit zwischen 1960 und 1962, sondern Jahre später, als sie bereits zahlreiche internationale Hits vorweisen konnten. Weshalb also dieser auf Deutsch gesungene Release?
In den 1950er und 1960er Jahren gehörte es in der europäischen Musikindustrie zur gängigen Praxis, englischsprachige Künstler ihre Hits in anderen Sprachen neu aufnehmen zu lassen, um internationale Märkte zu erschliessen. Die Argumentation damals war, dass ein nicht englischsprachiges Publikum kein Interesse an englischsprachiger Musik haben würde. Obwohl der weltweite Erfolg ebendieser englischsprachigen Musik längst das Gegenteil bewiesen hatte, hüteten die Plattenbosse der nationalen Ableger grosser Plattenlabels eifersüchtig ihre heimischen Märkte. Und so bestanden sie darauf, dass selbst die erfolgreichsten Pop- und Rock-Künstler fremdsprachige Versionen ihrer Hits aufnahmen.
Beispiele gefällig? Bitte sehr – eine Auswahl:
(Eine bei Weitem nicht vollständige Auswahl, notabene. Nur so, für alle, die «Wo bleibt __?» kommentieren werden 😉.)
The Beatles
Anfang 1964 befanden sich die Beatles in Paris, wo sie ein 18-tägiges Gastspiel im Olympia gaben. Als der Auftrag reinflatterte, einen deutschsprachigen Gesang über bestehende Tracks aufzunehmen, war die Band zunächst widerwillig und liess sogar den ersten Aufnahme-Termin sausen. Erst nachdem Produzent George Martin ein Machtwort gesprochen hatte, willigten sie ein. Dazu wurden sie in Phonetik unterrichtet, da sie die Sprache trotz ihrer frühen Auftritte in Hamburg nicht beherrschten. Das Resultat: die Doppelsingle «Komm, gib mir deine Hand» / «Sie liebt dich» – im März 1964 auf dem deutschen Label Odeon veröffentlicht.
Obwohl die beiden Titel in Deutschland sehr erfolgreich waren, weigerten sich die Beatles, jemals wieder in einer Fremdsprache aufzunehmen (mal abgesehen von ein paar Zeilen auf Französisch in «Michelle» und etwas Sanskrit in «Across the Universe»). Selbst George Martin, der sie damals quasi ins Studio prügeln musste, sagte im Nachhinein: «Es war das Einzige, was sie jemals in einer Fremdsprache machten. Und es war nicht einmal nötig [...] Die Platten hätten sich auch auf Englisch verkauft. Und das taten sie auch.»
Johnny Cash
The Man In Black nahm mehrere deutsche Titel auf, nachdem bereits 1959 sein Label CBS seinen Erfolg auf dem deutschen Markt bemerkt hatte. Immerhin hatte er tatsächlich eine persönliche Verbindung zum Land, da er Anfang der 1950er Jahre mit der US-Luftwaffe in Landsberg stationiert war – wo er übrigens auch seine erste Gitarre kaufte. So wurde unter anderem «I Walk the Line» zu «Wer kennt den Weg?» ...
... oder «Five Feet High and Rising» zu «Wo ist zu Hause Mama?»
The Beach Boys
Es mag überraschen, dass The Beach Boys, eine Band, die (zumindest anfänglich) quasi monothematisch einen kulturell hochspezifischen südkalifornischen Lifestyle behandelte, einen Ausflug in hochdeutsche Gefilde versuchte. Hier war es «My Room», Brian Wilsons Ode an die Einsamkeit, die zu «Ganz allein» mutierte:
Chubby Checker
In den frühen 1960er Jahren war der Tanztrend The Twist allgegenwärtig. Der Überflieger in diesem Genre war Chubby Checker mit seinen beiden Megahits «The Twist» und «Let's Twist Again». Und natürlich nahm er etliche Versionen in diversen Sprachen auf – darunter auch das deutsche «Der Twist beginnt» –, aber auch eigens für den deutschen Markt komponierte Songs. Haltet euch fest – hier kommt «Troola-Troola-Troola-La (Good Old Schwäb'sche Eisenbahn)»:
Petula Clark
Die englische Sängerin Petula Clark war eine Pionierin der mehrsprachigen Popstrategie. Ihren weltweiten Hit «Downtown» nahm sie unter anderem auf Französisch («Dans le temps»), Italienisch («Ciao Ciao») und Spanisch auf («Chao Chao»). Und auf Deutsch – «Geh in die Stadt»:
Clark schrieb zudem in Deutschland Geschichte, indem sie mit der englischen und der deutschen Version von «Downtown» aufeinanderfolgende Nummer-1-Chartplatzierungen erreichte.
Dionne Warwick
Mit «Walk On By», geschrieben von Burt Bacharach, hatte Dionne Warwick anno 1964 einen ihrer grössten Hits. Petula Clarks Beispiel folgend, wurde bald darauf «Geh vorbei!» veröffentlicht:
Marvin Gaye
Auch Motown wollte den deutschsprachigen Markt zumindest nicht unversucht lassen. Marvin Gayes «How Sweet It Is (To Be Loved by You)» von 1964 wurde zu «Wie schön das ist»:
The Supremes
Und natürlich erhielt auch das beste Pferd im Motown-Stall das German treatment: Hier kommen The Supremes mit «Wo ist unsere Liebe», ...
... das selbstredend die deutsche Version des Originals «Where Did Our Love Go» ist.
Sandie Shaw
Wir schreiben das Jahr 1967 und Sandie Shaw hat soeben mit «Puppet On a String» den Eurovision Song Contest gewonnen (interessanterweise ein Song, den sie persönlich nie mochte). Im Sinne des Geistes der paneuropäischen Völkerverständigung des Concours de la chanson wurden flugs Versionen in anderen Sprachen aufgenommen. Die deutsche Version des Marionettenpuppen-Songs? Bitte sehr: «Wiedehopf im Mai»!
Ein Wiedehopf ist eine Vogelart, falls ihr euch fragt.
Connie Francis
Kommen wir nun zu der Kategorie internationaler Stars, die in Deutschland so erfolgreich waren, dass es nicht bloss mit ein paar übersetzten Versionen ihrer englischsprachigen Hits getan war. Fallbeispiel Connie Francis aus Newark, New Jersey: Parallel zu ihrer internationalen Popkarriere («Who's Sorry Now?», «Stupid Cupid» etc.) hatte sie eine grosse Karriere im deutschen Schlager. Den Anfang machte sie mit ihrem Hit «Schöner fremder Mann» anno 1961:
Wanda Jackson
Heute kennt man sie als die Queen of Rockabilly, eine Pionierin jenes rauen, rabaukigen Rock'n'Rolls der ersten Stunde. Aber Jahrzehnte nach ihren Megahits der 1950er Jahre («Let's Have a Party», «Fujiyama Mama» etc.) tauchte Wanda Jackson in der deutschen Schlagerparade auf, mit Liedern wie «Santo Domingo»:
BONUS: Elvis, Bowie, Phil Collins ...
Während die meisten oben genannten Beispiele mit der klaren Absicht erfolgten, die deutsche Hitparade zu knacken, gab es stets eine Handvoll internationaler Musiker, deren Motivation eine andere war. So hatte Elvis Presley das schwäbische Volkslied «Muss i' denn zum Städtele hinaus» erstmals während seiner Dienstzeit in der US-Army in Deutschland gehört. Nach seiner Rückkehr in die USA im Jahr 1960 wurde das Lied von Bert Kaempfert, Fred Wise, Ben Weisman und Kay Twomey zu «Wooden Heart» adaptiert.
Obwohl der englische Text thematisch in keiner Weise dem Original-Volkslied folgt, ist Elvis' Version dafür bekannt, dass sie mehrere Zeilen des deutschen Originals enthält.
David Bowies «Helden» (1977) ist tief in seiner künstlerischen Immersion in Berlin verwurzelt und war weniger eine kommerzielle Strategie.
Zu dieser Zeit lebte Bowie in Berlin, weshalb die deutsche Version von «Heroes» durchaus als eine Art Originalversion angesehen werden kann, da die zentrale Bildsprache des Songs eine Umarmung zwischen seinem Produzenten Tony Visconti und der deutschen Sängerin Antonia Maass in der Nähe der Berliner Mauer beschreibt.
Phil Collins, der für den Disneyfilm «Tarzan» (1999) den Soundtrack geschrieben und aufgenommen hatte, bestand darauf, ihn zusätzlich in mehreren Sprachen aufzunehmen – darunter Deutsch, Spanisch, Französisch und Italienisch –, um so zu gewährleisten, dass die Emotionen seiner Darbietung bewahrt würden.
(Ressortchefin Madeleine ist bis heute ein Fan von Collins' deutschem Tarzan-Soundtrack.)
