Eine beeindruckende Karriere, die mehr als ein halbes Jahrhundert umspannte, ist zu Ende gegangen. Donald Sutherland war einer der ausdrucksstärksten und vielseitigsten Schauspieler von Hollywood. Auch wenn er bei all dem Zirkus, dem Glanz und Glamour oft eher beiseitestand, stattdessen seine Arbeit für sich sprechen liess.
Und die kann sich sehen lassen: Der hochgewachsene (1,92 Meter) Kanadier mit dem markanten Schnauz und den grossen Ohren war an rund 200 Kino- und TV-Produktionen beteiligt. Er fühlte sich in jedem Genre heimisch, trat zudem noch am Theater auf. Zahlreiche Regiegrössen wollten mit ihm arbeiten, die Italiener Federico Fellini und Bernardo Bertolucci ebenso wie die Franzosen Claude Chabrol und Louis Malle.
Oft spielte Sutherland düstere, komplexe und intensive Figuren, umweht von Tragik oder existenzieller Rätselhaftigkeit. Figuren, die zugleich irdisch waren und doch ein bisschen fernab über dieser Welt zu schweben schienen, als ob sie mehr ahnen würden vom Leben. Manche von ihnen beschäftigten und verfolgten die Zuschauer noch lange nach dem Abspann.
So wie 1973 bei einer seiner bekanntesten Rolle in Nicolas Roegs Horrorfilm «Don't Look Now» (mit dem, für einmal, wunderschön-treffenden deutschen Titel «Wenn die Gondeln Trauer tragen»), der Verfilmung einer Erzählung von Daphne du Maurier. Sutherland spielt zusammen mit Julie Christie ein Ehepaar, deren kleine Tochter beim Spielen im Gartenteich ertrunken ist.
Als die beiden Trauernden später nach Venedig reisen, werden sie von der Vergangenheit eingeholt: Inmitten von leeren, labyrinthischen Gassen und fauligen Kanälen stossen sie überall auf Zeichen des nahen und fernen Todes. «Don't Look Now» wurde vor allem seiner realistischen Sexszenen berüchtigt. Doch auch der Schluss ist ein Szene für die Ewigkeit mit Sutherlands aufgerissenen Augen, zwischen Schrecken und Erkenntnis.
Seinen Durchbruch hatte der 1935 in Saint John, in der kanadischen Provinz New Brunswick geborene Sutherland 1967 im brutalen Kriegsfilm «The Dirty Dozen». Es folgte die Hauptrolle als aufsässiger Arzt Captain «Hawkeye» Pierce in Robert Altmans Satire «M.A.S.H.» über ein mobiles, amerikanisches Feldspital im Koreakrieg. Der Film zog die gleichnamige Serie nach sich, die zur populärsten TV-Show der USA in den 70er-Jahren wurde, allerdings ohne Beteiligung von Sutherland.
Die Auseinandersetzung mit dem Krieg stand in jenen Jahren nicht nur bei den Filmdrehs im Fokus. Am Set des Detektiv-Thrillers «Klute» arbeitete Sutherland mit Jane Fonda zusammen, die für ihre Hauptrolle einen Oscar gewann. Sie dankte explizit Sutherland für die «intensive Zusammenarbeit». Die beiden begannen nicht nur privat eine Liebesbeziehung, Fonda bestärkte Sutherland auch in seiner Haltung gegen den Vietnamkrieg. Beide wurden damals wegen ihres Aktivismus vom FBI überwacht.
Und auch beim Thema Klimawandel nahm Sutherland kein Blatt vor den Mund, ärgerte sich über tatenlose Politik. Auch im Alter wirkte er so nie altbacken. Einer jüngeren Generation von Kinogängerinnen ist er ohnehin als Präsident Snow in «Die Tribute von Panem - The Hunger Games» bekannt. In vier Filmen der Dystopie (2012-2015) stiehlt er mit hinterlistigem, fiesen Schalk fast seinen jungen Co-Stars um Jennifer Lawrence die Schau. An der Seite seines bekanntesten Sohns Kiefer (Serie «24») trat der fünffache Vater ebenfalls auf, 1996 in der John Grisham-Adaption «A Time to Kill» (die Jury).
Trotz seines hohen Renommees und seiner häufigen Rollenbeteiligung an Filmen, die heute als Klassiker gelten, war Donald Sutherland nicht ein einziges Mal für den Oscar nominiert. Es scheint das Schicksal von einem zu sein, der eine selten hohe Dichte an unglaublichen Auftritten hatte. Zumindest den Ehren-Oscar für das Lebenswerk erhielt der Kanadier 2017.
Ein Jahr später beehrte Sutherland die Schweiz, wurde am Zurich Film Festival mit dem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. Er ging damals bereits am Stock, reiste direkt aus einem Pariser Spital an. Bei seiner Dankesrede zeigte er sich jedoch gut aufgelegt, humorvoll und ausgesprochen sympathisch. Am Donnerstag, den 20. Juni, ist Donald Sutherland nach langer Krankheit mit 88 Jahren in Miami gestorben.
Fand ihn immer toll.. und wieder einer weniger... Ich werde echt alt.. 😱