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Ulrich Seidls Film Rimini ist typisch österreichisch: Schäbig mit Schmäh

Ulrich Seidl Rimini
Ein Bett aus besseren Zeiten, das zwar einem Schlagerstar (Michael Thomas) gehört, aber trotzdem nicht in einem Kornfeld steht.Bild: Ulrich Seidl Filmproduktion
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Schäbig mit Schmäh und Schlager: Der Film «Rimini» kann nur aus Österreich kommen

Regisseur Ulrich Seidl liefert den trostlosesten und komischsten Film dieses Herbstes. Und hat mit dessen Fortsetzung wieder einmal eine Kontroverse in Gang gesetzt.
04.10.2022, 19:5606.10.2022, 03:53
Simone Meier
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Ein Mann singt von seinem besten Freund. Und der ist kein anderer als Winnetou. Gemeinsam wollen sie Brücken schlagen, «wir zwei, ich und du, Winnetou».

Will sich mit dieser Szene etwa einer an die Sommerloch-Debatte 2022 ranschmeissen? Nein. Österreichs grosser Depressions-Regisseur Ulrich Seidl hat sie bereits Anfang 2018 gedreht. In Rimini. Im Winter in Rimini. Allein das Wort Rimini klingt schon nach Schlager. Und ein wenig nach Ballermann. Massentourismus im Partymodus. 15 Kilometer Strand, Sonnenbrand und genügend Gäste, um 1200 Hotels zu füllen.

Ulrich Seidl hat sich in seinem Spielfilm «Rimini» für die andere Seite des ältesten Badeortes an der Adria entschieden: für die Nebensaison, in der nur noch ein paar österreichische und deutsche Witwen die Stadt bevölkern. Und Richie Bravo (Michael Thomas), der Mann, der nicht nur Winnetou, sondern vor allem jenes Gefühl namens Liebe besingt. Und die Sehnsucht. Und das Fernweh, das alle nach Rimini getrieben hat.

Trailer zu «Rimini»

Richies Schlager schlagen ein in die Herzen der einsamen Frauen. Im Nebenjob ist er ein erfolgreicher Witwentröster, ein Callboy für seine alternden Groupies, die Auswahl an Reizwäsche seiner Kundinnen ist erstaunlich. Und wenn das auch nicht reicht, vermietet er sein Haus an Fans mit den lebensgrossen Richie-Bravo-Postern und dem bisschen Glitzer-Schnickschnack, der ihm von früher geblieben ist, und haust in einem geschlossenen Hotel.

In Österreich haust derweil Richies Vater im Pflegeheim. Unverdrossen übt er Hitlergrüsse und suhlt sich in Schuberts «Winterreise». Sein Zimmer hat er mit den Geweihen von Selbstgeschossenem geschmückt. An Wänden und Türen kleben lustige Fototapeten. Wenn Richie gar kein Geld mehr hat, versucht er, den Vater zu beklauen.

Rimini beach Adriatic sea summer season
Rimini, wenn die Touristen kommen.Bild: http://www.imago-images.de/

Willkommen in der totalen Tristesse. Wo die Körper welk, die Witze schlecht und die Neonröhren eiskalt sind und Richie in Etablissements mit Namen wie «007 Dancing» auftritt. Willkommen in einem österreichischen Film also, denn niemand kann die schaurige Schäbigkeit des Abgetakelten so lustvoll und mit Schmäh versetzt darstellen wie Österreich. Ob Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Wolf Haas oder Ulrich Seidl, der lauter Filme dreht über die Abgründe, die der Mensch sich selber schaufelt.

«Rimini»-Fortsetzung «Sparta»: Eltern von Laiendarstellern erheben Vorwürfe
«Rimini» ist nur der erste von Seidls zwei Filmen über die traumatisierten Söhne eines alten Nazis. Der Zweite heisst «Sparta» und erzählt von Richie Bravos Bruder Ewald (Georg Friedrich). Dieser zieht nach Rumänien, wo er ein Zentrum für benachteiligte Jugendliche errichtet. Das Problem: Ewald hat jahrelang seine pädophile Neigung verdrängt, jetzt holt ihn die Vergangenheit ein. Und Ewald wird nicht zum Verbrecher, aber zum Heimgesuchten.

Im «Spiegel» beschwerten sich nun die Eltern rumänischer Kinderdarsteller, dass Seidl sie nicht genügend über den Stoff aufgeklärt habe, und dass die Kinder zwar beim Dreh keinen Übergriffen, aber Situationen ausgesetzt gewesen seien, bei denen sie sich unwohl und im Nachhinein traumatisiert gefühlt hätten. Recherchen des österreichischen «Standard» und des Nachrichtenmagazins «Profil» entkräften die Vorwürfe, jene der Wiener Wochenzeitung «Falter» bestätigen sie wieder, Seidl dementiert. Und während sich die Filmfestivals von Toronto, San Sebastian und Hamburg darüber streiten, ob man «Sparta» zeigen und Seidl Preise verleihen dürfe, ist der Regisseur selbst nach Rumänien gereist, um dort gemeinsam mit seinen Laiendarstellern und ihren Eltern den Film zu schauen und zu diskutieren. Er ist das gewohnt. Seine Themen, etwa Sextourismus oder Zoophilie, haben noch nie zum Wohlfühlkino gehört.

Der vom «Spiegel» heraufbeschworene Skandal ist ausgeblieben, Fragen bleiben. Die «Wochenzeitung» fasst das Dilemma um Seidls Film treffend zusammen: «Nur, weil im Film keine expliziten Missbrauchsszenen zu sehen sind, heisst das nicht, dass bei den Dreharbeiten alles rechtens zu- und herging. Doch das gilt umgekehrt genauso: Nur weil Seidls Filme oft Unbehagen auslösen, bedeutet das nicht, dass es am Set nicht korrekt zu- und hergegangen ist.»
Ulrich Seidl Rimini
Rimini, wenn Richie Bravo kommt.Bild: Ulrich Seidl Filmproduktion

Die Menschen in «Rimini» sind derart bedürftig, aber auch durchtrieben, dass es zugleich sehr tragisch und hochkomisch ist, ihnen bei ihrem Lebenskampf zuzusehen. Es gibt Perversionen, Überraschungen und Erlösungen, und alles vor der spektakulär traurigen Kulisse der erst nebligen, dann verschneiten Stadt am Meer.

Michael Thomas als Richie Bravo gleicht einem halbverwesten Mammut, wenn er schuldbewusst durch den Schneesand stapft, auf der Bühne und im Bett kratzt er noch ein paar Glimmerreste seiner früheren Grösse zusammen – und funktioniert.

Ulrich Seidl Rimini
Rimini, wenn nicht nur Richie Bravo, sondern auch noch der Schnee kommt.Bild: Ulrich Seidl Filmproduktion

Hans-Michael Rehberg (er spielt Richies Vater) verbrachte seine letzten Lebenstage auf Seidls Dreh. Er wollte die Rolle von einem, der unverbesserlich dem Tod entgegengeht, so sehr, dass er Seidl nach einer ersten Absage um ein weiteres Vorsprechen bat. Alle wussten, dass es sein letzter Auftritt sein würde. Vor der Kamera vollbrachte er ein Wunder. Dann starb er. Richie und seine Frauen (darunter Inge Maux, die in «Wolkenbruch» Mottis Mutter spielte) sind crazy, grotesk, unterhaltsam, melancholisch. Richies Vater, dem Rehbergs Wissen um den baldigen Tod in jeder Sekunde ins Gesicht geschrieben steht, ist eine gewaltige Erschütterung.

Schlager sind in «Rimini» übrigens nicht nur die Sahne, mit der sich der oft staubtrockene Gugelhopf der Gegenwart besser ertragen lässt. Aus Schlagern lässt sich lernen. Richie Bravo jedenfalls erkennt in den fremden Männern «mit braunen Augen und mit schwarzem Haar», die Udo Jürgens in «Griechischer Wein» besingt, den syrischen Freund seiner Tochter wieder. Da wird eine Brücke gebaut. Wie bei Winnetou.

«Rimini» läuft ab dem 6. Oktober im Kino. «Sparta» hat noch kein Startdatum.​

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