Eigentlich habe ich nicht so Lust, mich zu unterhalten, als ich an diesem verregneten Samstagmittag die vier Rolltreppen in ein Selbstbedienungsrestaurant im Herzen Zürichs hochfahre. Aber ich habe ein Ziel: Ich will mir die sogenannten Plaudertische anschauen, die dort vor ein paar Monaten eingeführt wurden.
Plaudertische sind dafür gedacht, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Ich frage mich, wer dieses Angebot wohl nutzt. Einsame Personen? Ältere Menschen? Leute, die in diesem Land niemanden kennen? Der Betriebsleiter hatte mir versichert, die Tische würden gut genutzt. Jetzt will ich mir ein eigenes Bild davon machen.
Lautes Gemurmel und Geschirrklappern – das Restaurant ist gut besucht. Nachdem ich mir einen Eistee geholt habe, setze ich mich an einen der langen Tische in der Plauderecke. Grosse Schilder, die über mehreren Tischen baumeln, signalisieren, dass man hier andere ansprechen kann.
Ich bin etwas aufgeregt. Auch wenn das Plaudern hier explizit erwünscht ist, braucht es ziemlich viel Mut, jemanden anzusprechen.
Ich schaue mich um. Links von mir sitzen zwei jüngere Männer, die nicht so wirken, als hätten sie sich eben erst kennengelernt. Sonst belegen eine Familie, ein älteres Paar und zwei Männer, die Kopfhörer aufhaben, die anderen Plaudertische. Fremde Menschen, die hier zueinanderfinden – das scheint an diesem Tag eher Wunschdenken als Realität zu sein. Geschlagen gebe ich mich deswegen aber nicht.
Mir schräg gegenüber sitzt ein älterer Herr, vor ihm steht ein Tablett mit einer Kaffeetasse, in seiner Hand hält er ein Bürli. Keine Kopfhörer, sein Blick ist auf den Raum gerichtet. Ich spreche ihn an.
Ob er sich absichtlich an einen Plaudertisch gesetzt habe, um mit anderen zu sprechen, frage ich ihn. Ich ernte einen irritierten Blick. Er verneint, er sei eigentlich nicht so der Plaudertyp. Er setze sich jeweils dahin, wo gerade Platz sei. Dann fragt er mich, ein Anflug von Skepsis in der Stimme:
So lerne ich Peter* (Name geändert) kennen. Er lebt in der Nähe von Zürich und ist seit zehn Jahren pensioniert. Er wohnt alleine, die Kinder sind ausgezogen. «Ich hatte Familie», sagt er, wohne nun aber gern alleine. Jeden Tag geht Peter ins Selbstbedienungsrestaurant. Wechselt jeweils ab, welchen Standort des Restaurants, das zu einem der grössten Detailhändler der Schweiz gehört, er besucht.
Die Bestellung ist hingegen immer die gleiche: ein Kaffee und zwei Bürli. Lange sitzen bleiben mag er nicht.
20 Jahre lang hat er selbst für den Detailhändler gearbeitet, der die Restaurants betreibt. Früher ist er jeweils mit einem Freund hierhergekommen. Seit dieser schwer krank ist, kommt er alleine. Am Sonntag, wenn das Selbstbedienungsrestaurant geschlossen ist, geht er an den Flughafen. Er beobachtet gerne Menschen, das Treiben. Auch am Flughafen hat er früher gearbeitet, hat dort Fenster geputzt. «Das war noch in einer anderen Zeit», sagt er.
Und so kommt es, dass Peter und ich uns eine Stunde lang an diesem Tisch im Selbstbedienungsrestaurant unterhalten. Wir, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemeinsam haben – ein Altersunterschied von fast 50 Jahren liegt zwischen uns. Und doch reden wir plötzlich über internationale Politik und Schweizer Geschichte, über YB und über Männlichkeitsvorstellungen. «Ich bin Feminist», sagt Peter, dieser ältere Herr mit Fussballchäppli, voller Überzeugung.
Peter liest keine Zeitungen mehr, jedenfalls nicht mehr so richtig. Dafür ist er aber ziemlich gut informiert. Er ist politikverdrossen, abstimmen geht er nur noch selten. Das Zepter der Politik müssten jetzt die Jungen übernehmen, sagt Peter und zeigt auf mich. Für Fussball interessiert er sich allerdings sehr. Vor allem für die englische Liga. Dort sei die Stimmung im Stadion noch so wie früher. Er freut sich auch auf die Frauenfussball-EM, die bald in der Schweiz stattfindet. An ein Spiel wird er wohl trotzdem nicht gehen: «Die Tickets kann man nur online kaufen. Das ist mir zu kompliziert.»
Etwa zu dem Zeitpunkt, an dem Peter erzählt, dass er sich nie mehr in ein Flugzeug setzen wolle, wegen der Klimaschäden, habe ich längst vergessen, dass ich Peter eigentlich zum Plaudertisch befragen wollte.
«Das war jetzt schön», meint Peter zum Schluss, als ich ankündige, bald aufbrechen zu wollen. Er klingt überrascht. Es habe gut getan, wieder einmal mit jemandem zu reden. Das komme selten vor. Vor allem, dass er seine Interessen mit jemandem teilen könne, «alles, was sich so angestaut hat», sagt Peter.
Zum Abschied schütteln wir uns die Hand und wünschen uns alles Gute. Die anderen Menschen am Plaudertisch schauen zu uns herüber.
Peter wird an diesem Nachmittag wieder nach Hause fahren. Am Tag darauf ist Sonntag, für Peter steht dann sein wöchentlicher Besuch am Flughafen an.
Als ich mich zum Gehen wende, sagt er mir, ich könne ihm mein Glas aufs Tablett stellen, er würde es für mich mit abräumen. «Dann musst du nicht extra den ganzen Weg zur Abräumstation gehen.» Diese Geste rührt mich so sehr, dass mir fast die Tränen kommen, als ich mich nach einem letzten Abschiedsgruss zur Rolltreppe wende. Warum werde ich plötzlich so sentimental, nur weil Peter mein Glas abräumt?
Dass eine Person, die mir vor ein paar Augenblicken noch komplett fremd war und noch nicht mal mit mir plaudern wollte, jetzt für mich mitdenkt und mir diese kleine Last abnehmen will, bringt mich ins Grübeln.
Nicht das Angebot selbst. Vielmehr, wie wenig es braucht, dass man füreinander Empathie aufbringt. Eigentlich nur ein bisschen Zeit. Ob an einem Plaudertisch oder anderswo, ist schlussendlich egal, denke ich, als ich die vier Rolltreppen wieder hinunterfahre. Am Schluss geht es nur darum, die Begegnung zu wagen.
*Name geändert
Solche Ideen sind sehr zu begrüssen, es gibt sicher viele Menschen, welchen dies eine Wohltat ist.
Wie Peter dies in dieser Geschichte auch bestätigt.
Es sollte auch viel mehr solche Zeilen in den Medien zu lesen geben.