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Zürich, um 1920: Das Schulhaus Bühl an der Goldbrunnenstrasse im Kreis 3 betreibt einen Kartoffelacker. Dies bereits vor der sogenannten «Anbauschlacht», mit der die Schweiz im Zweiten Weltkrieg einer möglichen Hungersnot vorbeugen wollte.
Zürich, um 1920: Das Schulhaus Bühl an der Goldbrunnenstrasse im Kreis 3 betreibt einen Kartoffelacker. Dies bereits vor der sogenannten «Anbauschlacht», mit der die Schweiz im Zweiten Weltkrieg einer möglichen Hungersnot vorbeugen wollte.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Papst war schuld! So kam die Schweiz zu ihrem orangen Snack-Orgasmus

Die Liebesgeschichte zwischen der Schweiz und der Kartoffel ist lang und immer inniger. Wir sind dem am Beispiel der Firma Zweifel mal nachgegangen.
11.11.2020, 13:4012.11.2020, 15:50

Wer kennt es nicht? Das verrückte Glück, zuunterst in der Paprika-Chips-Tüte anzukommen, dort, wo die Krümel klein, aber die Überreste der Gewürzmischung am reichlichsten sind? Dort, wo Salz und Fett die Finger klebrig machen? Beim kleinen orangen Orgasmus made in Switzerland? So ungesund. So gut.

Das Glück, das ich meine, wurde 1964 lanciert. Natürlich von Zweifel. Der junge Patron Hansheinrich Zweifel war auf Amerikatour gewesen und hatte dort etwas Neumodisches zum Grillfleisch gegessen, was ihn nicht mehr losliess: Barbecue-Sauce. Zuhause versuchte er, den Geschmack zu rekonstruieren. Am nächsten kam ihm eine Zutat aus dem ungarischen Gulasch, die Paprika, angereichert mit einem Raucharoma. Die geheime Gewürzmischung, die Hansheinrich an amerikanischen Jazz und an ungarischen Czárdás erinnert haben soll, wurde bis heute nicht verändert.

Ungarn, wie es sich die Schweiz dank des ersten Paprika-Chip-Werbespots vorstellte ...

Aber erzählen wir die ganze Geschichte. Oder wenigstens ein Stück Schweizer Snack- und Volksgeschichte. Denn schuld war kein anderer als der Papst. Daran nämlich, dass die Kartoffel in die Schweiz kam. 1565 schenkte der spanische König dem Papst eine der aus Südamerika importierten Knollen. Die Italiener bestaunten die hübschen Blüten, wussten aber sonst nicht allzu viel damit anzufangen.

1590 brachten Schweizergardisten Kartoffeln mit nach Hause, man stellte das interessante Gewächs in botanischen Gärten aus und wunderte sich, dass man von den rohen Knollen Bauchweh bekam.

Erst während der Hungersnot von 1770 mauserte sich die Kartoffel zum wichtigen Nahrungsmittel, und als in den 1840er-Jahren die grosse Kartoffelfäulnis ausbrach, führte dies zur bisher grössten Schweizer Auswanderungswelle (nach Russland und nach Übersee), weil unzählige Kartoffelbauern in den Ruin getrieben wurden.

Das Nationalgericht Rösti etablierte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, es war die Kraftnahrung der Arbeiter und stillte die gelegentliche Lust der Wohlhabenderen nach Währschaftem. Und als der Zweite Weltkrieg vorbei war und man nicht mehr so richtig wusste, wohin mit all den Kartoffeläckern, die im Zuge der sogenannten «Anbauschlacht» auf Schulhöfen oder öffentlichen Plätzen wie dem Zürcher Sechseläutenplatz angelegt worden waren, da hörte ein Kartoffelbauer namens Hans Meier aus Katzenrüti auf seine Frau.

Zürich, 1942: Der im Zuge der Anbauschlacht zum Kartoffelacker umfunktionierte Sechseläutenplatz. Im Hintergrund ist das Opernhaus zu erkennen.
Zürich, 1942: Der im Zuge der Anbauschlacht zum Kartoffelacker umfunktionierte Sechseläutenplatz. Im Hintergrund ist das Opernhaus zu erkennen.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Frau Meier hatte wie jede Schweizerin das Kochbuch der Winterthurer Autorin und Kochschulleiterin Elisabeth Fülscher (deren Vater für Sulzer Bohrer für den Simplonbau entwickelte) genau gelesen. Fülscher hatte schon 1935 ein Rezept für «Pommes chips (Kartoffelscheibchen)» lanciert und dazu geschrieben: «Pommes chips heiss zu Fleisch oder kalt zu Tee (wie Salzmandeln) servieren.» 1947 ergänzte sie die Getränkeauswahl zu den Chips um Bier.

Und als Meiers Sohn, der in die USA ausgewandert war, nachhause berichtete, dass die Potatoe Chips drüben der ganz grosse Hit seien, da begann Meier damit, in einer alten Feldküchen-Pfanne Chips zu frittieren und in Tüten an Restaurants zu verkaufen. Ob der Herzinfarkt, an dem er bald verstarb, mit seinen Chips zu tun hatte, sei dahingestellt.

Schnelles Schweizer Sonntagsmenü 1965: Vom Grill, aus der Dose und aus der Tüte.
Schnelles Schweizer Sonntagsmenü 1965: Vom Grill, aus der Dose und aus der Tüte.
Bild: aus dem band «ready to eat»/hier und jetzt verlag

Sein erst 25-jähriger Cousin und Nachfolger, Hansheinrich Zweifel, der am 2. November 2020 im Alter von 87 Jahren starb, beharrte jedenfalls ein Leben lang darauf, dass es sich bei seinen Chips um ein besonders gesundes Genussmittel handle. 2008 erzählte er im «SonntagsBlick»:

«Zum Apéro esse ich jeden Tag ein paar Chips. Geschadet hat mir das nicht, im Gegenteil. Chips sind wie konzentrierte Kartoffeln, enthalten also viel Stärke und Nahrungsfasern und regen die Darmtätigkeit an. Chips und ein Glas Weisswein ergeben eine ausgewogene Nahrung.»

Die Zweifels sind seit dem Mittelalter in Höngg ansässig und betreiben auch heute noch einen Wein- und Getränkehandel. Nach Kriegsende hatten sie eine neue Mostanlage gebaut und als sie Meiers Chips-Produktion nach Höngg (später nach Spreitenbach) übernahmen und sie um unglaubliche vier Hotelfritteusen aufstockten, da erfand Hansheinrichs Vater den Slogan: «Chips mached Durscht, Moscht löscht de Durscht.»

Die unerschöpfliche Vielfalt von Chips

Hansheinrich selbst ging erst einmal nach Amerika und betrieb Chips-Forschung. Von amerikanischen Produzenten erfuhr er, dass sich auch die Migros für das krosse Gold interessierte. Er wollte schneller sein. Und er war es. Weil er die wichtigste Lektion der Amerikaner sofort begriff: Nur Selbstbewusste erobern die Welt, und viel Action zeigt viel Wirkung. Mit grössenwahnsinnigen Werbekampagnen, die weit mehr kosteten, als Zweifel einnahm, wurde der Schweiz eingebläut, dass es ohne die Chips nicht mehr gehe.

Zum extravaganten Znüni wurde ein Gläschen Cynar mit Chips empfohlen.

Chips wurden als die neue amerikanische Convenience-Food-Beilage angepriesen – zu Grilladen und Gemüse aus der Dose etwa. Beizern wurde klar gemacht, dass ein salziges Schälchen den Getränkekonsum und damit den Umsatz gehörig ankurbeln würde. Besonders erfolgreich gepusht wurde fertig gekauftes Grill-Poulet mit Chips, ein Gericht ohne Aufwand, das – so die verblüffte Marktforschung – auch der Vollzeit-Hausfrau ein «5-Tage-Woche-Gefühl» verschaffte.

Die Bildagentur Keystone schreibt dazu: «Ein Hund vor einer Zweifel-Werbung auf der Landiwiese in Zürich am von der Vereinigung Ferien und Freizeit organisierten Jugendfest E68, dessen Einnahmen einer Maurerschule in Kamerun zugute kommen sollen, aufgenommen am 22. Juni 1968.»
Die Bildagentur Keystone schreibt dazu: «Ein Hund vor einer Zweifel-Werbung auf der Landiwiese in Zürich am von der Vereinigung Ferien und Freizeit organisierten Jugendfest E68, dessen Einnahmen einer Maurerschule in Kamerun zugute kommen sollen, aufgenommen am 22. Juni 1968.»
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Freie Zeit und Freizeit. Apéro und Picknick. Cocktail-Partys. Fast- und Fertigfood. Essen in Dosen, Tüten und Gefriertruhen. Samt all der Maschinen, die es zu dessen Herstellung brauchte.

Das war es, was man von Amerika, dem Land der Zukunft wollte und adaptierte. Träume von einem leichteren Leben, egal wie fettig es daherkam.

Der ehrgeizige Hansheinrich nahm auch Industriespionage auf sich, stieg an einem Sonntag ins Gelände der Firma Pavesi im Tessin ein und sah, dass es nur eine Möglichkeit gab, den in den Startlöchern stehenden Konkurrenten aus dem Feld zu räumen – er musste ihn erst ausstechen und irgendwann aufkaufen. Er schickte eine Flotte über die Schweiz, den «Frische-Service», hartnäckige Zweifel-Botschafter in VW-Bussen, die jeder Beiz und jedem Laden ihre Produkte andrehten und Abgelaufenes durch Frisches ersetzten. Angeblich auch in der entlegensten Skihütte.

Der Frische-Kurier wird sehnlichst erwartet

Zweifel war die Saga einer Eroberung. So wie einst die spanischen Eroberer die Kartoffel aus Peru mitgebracht hatten. Zweifel-Chips gewannen regelmässig Beliebtheitsumfragen und Konsumententests und wurden zu einer der vertrauenswürdigsten Marken der Schweiz. Seit 2002 hat sie auch die Migros im Sortiment, und selbst die Attacke von Pringles stachelte sie zu neuen Umsatz-Hochs an. Weil Hansheinrich seiner Belegschaft bei gleichbleibenden Umsätzen eine Prämie versprach. «Kampf ist der Vater aller Dinge», schrieb er damals in die Personalzeitung.

Nur mit der Rückeroberung der Welt ausserhalb der Schweiz harzte es. Ungarn zum Beispiel war nicht an den angeblich so ungarischen Paprika-Chips interessiert. Dafür kann Zweifel – etwa im Gegensatz zu Pringles – heute alle seiner 106 Produkte als vegetarisch, 77 als vegan und 74 als glutenfrei bezeichnen. Abgesehen vom weiterhin bestehenden Fett-, Salz- und Zucker-Problem erfüllt der beliebteste Schweizer Snack, der in Orange, die zeitgemässen Anforderungen der Genussgemeinde. Wir sind Paprika-Chips.

Quellen für diesen Artikel: SRF, NZZ, SonntagsBlick, handelszeitung.ch, Schweizerisches Nationalmuseum, Zweifel.ch, eggergemuese.ch sowie die ausgezeichnete Dissertation «Ready to Eat» von Eva Maria von Wyl, erschienen 2015 im Hier und Jetzt Verlag.

Nicht Paprika aber das Nationalgewürz Aromat:

Video: watson/Emily Engkent
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