Wir gehen 15 Prozent schneller als vor 40 Jahren. Warum eigentlich?
Dass unser Lebenstempo unablässig anzieht, ist ein wissenschaftlich belegter Fakt. Auch was unser Schritttempo betrifft. Was dies über unsere moderne Gesellschaft aussagt, ist noch nicht abschliessend geklärt, aber – und hier ein Spoiler gleich zu Anfang – es liegt leider nicht daran, dass wir alle fitter geworden sind.
Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) führten eine umfassende Studie durch, in der sie Videoaufnahmen von Fussgängern analysierten, die in Boston und Philadelphia sowie an zwei Orten in New York unterwegs waren, wobei zwischen den Aufnahmen drei Jahrzehnte lagen. Die früheren Aufnahmen wurden zwischen 1978 und 1980 vom Soziologen William Whyte gemacht, während die modernen Daten in einer Folgestudie zwischen 2008 und 2010 an exakt denselben Standorten erhoben wurden.
Die Erkenntnisse, die Ende 2025 veröffentlicht wurden:
- 1980: Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 1,25 Metern pro Sekunde (4,5 km/h). Um die Fitness-Tracker-Terminologie zu benutzen: eine Pace von 13:20 Minuten pro Kilometer.
- 2010: Hier waren es schon 1,41 Meter pro Sekunde (5,1 km/h) – also eine Pace von 11:49 min/km.
Das ist etwa 15 Prozent schneller.
Interessant ist auch, wen die Forscher nicht zählten:
Wer langsamer als 0,5 Meter pro Sekunde (1,8 km/h, 33:20 min/km) ging, wurde als «lingerer» – «Schlenderer» – eingestuft und exkludiert. Doch genau hier zeigt sich der gesellschaftliche Wandel: Das Schlendern ging um 14 Prozent zurück. Parallel dazu sank die Häufigkeit sozialer Interaktionen im öffentlichen Raum drastisch. Die Stadt wird zunehmend als «Korridor» für effiziente Fortbewegung statt als Ort der Begegnung wahrgenommen.
So weit, so wenig überraschend. Dass das Lebenstempo insgesamt angezogen hat, ist subjektiv kaum bestreitbar. Die Ursachen dafür erscheinen auf den ersten Blick naheliegend – aber schwierig zu beweisen.
Eine naheliegende Hypothese ist die Omnipräsenz mobiler Endgeräte. Seit der Jahrtausendwende tragen wir unser Sozialleben und oft auch unsere Arbeit ständig bei uns. Womöglich hat die Flut an Instant Messages dazu geführt, dass wir unbewusst die Frequenz unserer Schritte an die Verarbeitungsgeschwindigkeit unseres Gehirns angepasst haben. Oder simpel: Aufgrund der digitalen Ablenkung bleibt uns schlicht weniger Zeit – weniger Zeit auch, um zu Fuss von A nach B zu gelangen.
Doch das Smartphone ist nicht die alleinige Erklärung. 2010 lag die Smartphone-Penetration in der westlichen Welt erst bei etwa 40 Prozent, und die MIT-Studie stellte zudem fest, dass die aktive Handynutzung an allen vier untersuchten Standorten sogar unter 10 Prozent lag.
Es müssen also weitere Faktoren hineinspielen:
- Ökonomische Korrelation: Es gibt einen statistischen Zusammenhang zwischen höherer Gehgeschwindigkeit und steigenden Löhnen.
- Psychologische Reizüberflutung: Eine weitere Erklärung ist das Bevölkerungswachstum. Bereits in den 1970ern theoretisierten Psychologen, dass überfüllte urbane Räume das Gehirn so stark beanspruchen, dass Menschen instinktiv beschleunigen, um der Reizüberflutung schneller zu entkommen.
- Struktureller Wandel: Ganz konkrete Veränderungen im Stadtbild spielen ebenfalls eine Rolle. So lässt sich sinkende Verweildauer im Freien auch durch Coffee-Shop-Kultur erklären. Man trifft sich heute eher drinnen im Café als draussen auf dem Trottoir.
Die zitierte Untersuchung umfasst allerdings nur drei Städte. Wie sieht es anderswo aus?
Schon 2006 zeigte eine Studie des Psychologen Richard Wiseman und des Kulturinstituts British Council, dass Städter weltweit etwa 10 Prozent schneller gingen als noch in den 1990er Jahren – Singapur lag dabei an erster Stelle. Damals wurden Fussgänger über eine Strecke von 18 Metern gemessen. Interessanterweise pendelte sich in London, Tokio, New York oder Wellington, Neuseeland, die Zeit für eine 18-Meter-Strecke überall bei 12 bis 13 Sekunden ein – allesamt unter 12 min/km. Das entspricht fast exakt den Werten der späteren US-Studie.
Bedeutet das, wir haben ein Plateau erreicht? Aktuell ist das MIT-Team dabei, eine grossangelegte Studie in 40 europäischen Städten durchzuführen, um zu klären, ob die Beschleunigung in Europa ähnlich linear verläuft wie in den USA und Asien, wie BBC Science Focus berichtet. Bald wissen wir also mehr.
Ewig kann die Kurve jedenfalls nicht steigen – es sei denn, wir fangen irgendwann alle an zu rennen.
