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«Tschuldigung, wo geht's hier zum Ideenloch?» Folge mir!

20.02.2018, 11:07

Es ist halb neun. Mein Chef Patrick Toggweiler schaut mich an mit seinen lieben Augen. Nur am Morgen haben sie jeweils diesen leicht fordernden Ausdruck. Der Blick hat nichts Forsches, es ist eher der eines bübischen Faustus', der mitsamt seinem Lebenshunger durch die ihm noch ungedeutete Welt wandert. Und morgens um halb neun trifft er dann eben auf uns. Sein Ressort «Debatte». Und schon stirbt die angestrengt über diese ersten Zeilen gehauchte Poesie. 

Philipp Löpfe betritt den Sitzungsraum mit einer leichten Verspätung und etwas zerzaustem Haar. Er murmelt etwas, niemand versteht es. Aber womöglich hat es mit Trump zu tun. Peter Blunschi sagt, er gehe nach Bern. Simone Meier erzählt von einer neuen Serie, sie muss enorm grossartig sein. Simone kann nämlich alles schön reden. Ich sitze da und warte auf die Augen. Gleich sehen sie mich an und fragen: 

«Und du Anna, was machsch du hüt für e Gschicht?» 

Ich hab keine blasse Ahnung. Ich hab keine einzige Idee. Nicht mal der Rest einer Idee klebt an den Wänden meines Ideenlochs.

Damit ihr es euch vorstellen könnt, so sieht mein Ideenloch etwa aus:

bild: watson

Phase 1: Reinfallen

Ich falle oben in die grosse Öffnung dieses unerbittlichen Trichters. Ich spürte es kommen, aber ich denke weiterhin: «Ich schaffe es, gib mir zwei Minuten! Die Idee kommt noch!» Aber sie kommt nicht. Ich versuche mich noch an der Kante festzuhalten, doch meine Finger schlipfen an der feuchten Wand ab. Ich falle ...

... und während ich falle, sehe ich all die vergangenen Ideen an mir vorüberziehen, die glänzenden Sachen, die mir so eingefallen sind, davor, in einem fernen, besseren Leben. Ich winke ihnen zu, greifen kann ich sie nicht. Sie sind nichts weiter als Hüllen, von mir leergedacht in diesem fernen, besseren Leben. 

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Im Ideenloch trägt man gemeinhin rot.gif: watson

Phase 2: Selbstmitleid

«Adieu», sage ich meinen Ideen, die an mir vorbei nach unten fliegen. «Bis ... nie». Jetzt kommen mir die Tränen.

«Warum ich?», frage ich in dieses dunkle Loch hinein.

«Es ist noch nicht einmal Sommer

«Womit habe ich das verdient?»

«Gut, ich habe letztes Mal den Karton nicht schön gebündelt. Eigentlich habe ich einfach die kleinen Kartons in einen grösseren Karton geschoben. Eventuell auch umgekehrt. Dazwischen hab' ich den restlichen Abfall gequetscht. An einem Tag, der kein Karton-Abfuhr-Tag war.» 

«Aber was hat das mit meinem Ideenhaushalt zu tun?»

«Interessiert sich die Ideenpolizei seit Neustem für Abfallsünder?» 

«Und warum kann ich mein eigenes Ideenloch nicht einmal schön ausmalen?»

«NIEMALS MITTENDRIN DIE MALRICHTUNG ÄNDERN, DAS HAST DU DOCH IM CHINDSGI GELERNT!»

bild: watson

Phase 3: Verzweiflung

Mit letzter Kraft rufe ich laut nach oben: «Haaallo?»
«Aallo? Aallo?», antwortet das Echo, die einsamste Stimme der Welt. Und klingt dabei ausgerechnet nach hilfloser Französin. Dieses Loch verspottet mich.

Ich sehe hinauf zur Öffnung. Zwei rot leuchtende Augen schauen zu mir herunter. Es sind die Augen meines Chefs. Aber jetzt sind sie nicht mehr lieb. Und sie sind auf einmal auch unterschiedlich gross. Warum, weiss keiner. 

Grauslige, verschieden grosse Augen.
Grauslige, verschieden grosse Augen.bild: watson

Vielleicht werde ich nie wieder eine Idee haben. Vielleicht hat jeder Mensch nur eine bestimmte Anzahl zur Verfügung.

Und ich bin leergeräumt. 

Ein dipolmierter Neurologe beim Betrachten meines Gehirns.
Ein dipolmierter Neurologe beim Betrachten meines Gehirns.bild: shutterstock/watson

Phase 4: Apathie

Jetzt ist mir alles egal. Ich füge mich meinem Schicksal. Fast komme ich mir vor wie einer dieser altchristlichen Märtyrer, nur weiss ich nicht, wofür ich mich genau opfere. Ich falle weiter.

Bis ich unsanft auf einem schmierigen Ding lande.

Phase 5: Begegnung mit der Kröte

bild: watson

«Nanu?», frage ich mich. Die Kröte unter mir quakt gequält. Sie sitzt auf einem Berg noch ungedachter Ideen.

Kröte: «Sei willkommen!»
Ich: «Ich will eigentlich nicht hier sein».
Kröte: «Nun, das bist du aber.»
Ich: «Das sehe ich.»
Kröte: «Gut.»
Ich: «Und nun?»
Kröte: «Du willst also wieder hier raus. Alle wollen hier sofort wieder raus. Ich habe in all den Jahren gelernt, das nicht persönlich zu nehmen.»
Ich: «Eine lernfähige Kröte am Grunde meines Ideenlochs.»
Kröte: «Jap. Und sie hat eine Aufgabe für dich.»
Ich: «Die da wäre?»
Kröte: «Lecke an meinen rauen rötlichen Rückenwarzen.»
Ich: «Ganz sicher nicht.» 
Kröte: «Verweigerst du dich, gebe ich dir keine neue Idee.»
Ich: «Mist.»

Umsonst gibt's also nicht mal in diesem Loch etwas. Vermaledeite Kapitalistenkröte. Wie ein fetter Klotz hängt mir der Ekel im Hals. Ich schlucke einige Male, aber er will nicht runter. Der Kröte gefällt nicht, was sie sieht: «Spar dir die Spucke – für mich.»

Pfuiteufel ...

Plötzlich höre ich die Stimme meines Chefs. Ich schaue nach oben, wo sich die roten Augen zu schmalen Schlitzen verengt haben.

Mein Chef: «Was zum Teufel treibst du da unten? Du leckst doch nicht etwa an den rauen bräunlichen Rückenwarzen einer Kröte?»
Kröte: «Sie sind rot. ROT!»
Ich: «Es mag von oben beinahe so aussehen, ja. Eventuell.» 

Plötzlich sitze ich wieder im Büro. Und mein Chef hat noch immer keine Antwort auf seine Frage erhalten:

Mein Chef: «Anna?! Über was schriebsch etz?»

Ich überlegte angestrengt. Ein feministisches Thema, da kann er nicht nein sagen. Zum Beispiel: «Welche Menstruations-Typin bist du?» Oder vielleicht etwas aus der Tierwelt: «Das Gnu. Warum das Tier seinen dummen Namen verdient». Oder: «Wieso ich mir die Faxmaschine zurückwünsche».

Ich: «Irgendöppis über dä Arnold Schwarzenegger.»
Mein Chef: «Grandios.»

Die Kröte hatte gelogen. 

Würdest du eine dieser Geschichten lesen wollen?

Und nun: Ein paar Menschen auf der Achterbahn

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Menschen, die auf der Achterbahn durch die Hölle gehen (und dabei Spass haben)
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