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Sie heissen Hedi, Fritzi und Harry (von links). Sie wollen Schönheit. Und Freiheit. In Berlin.
Sie heissen Hedi, Fritzi und Harry (von links). Sie wollen Schönheit. Und Freiheit. In Berlin.bild: ard/degeto/constantin film

ARD-Serie «Eldorado KaDeWe»: Zu lesbisch für deutsche TV-Beilage?

28.12.2021, 18:08

Das deutsche Fernsehen hat heuer für die Zeit zwischen den Jahren sehr viel Geld in gut kostümierten Sex gesteckt: Die «Sisi»-Serie von RTL (mit der Schweizerin Dominique Devenport in der Hauptrolle) kümmert sich hingebungsvoll um die horizontale Lage des Kaiserpaars. Die grosse ARD-Event-Serie «Eldorado KaDeWe» taucht nach «Babylon Berlin» erneut ins Berlin der 1920er-Jahre ab und erzählt eine lesbische Liebesgeschichte und auch sonst sehr viel Fleischliches.

Das ist nun nichts Neues, auch nicht zur Hauptsendezeit, «Babylon Berlin» machte das vor mit seinem Etablissement namens «Moka Efti», wo die Kriminalassistentin Charlotte Ritter nach Büroschluss im Kellerbordell jobbte und wo auch sonst alles so ausgelassen und freizügig war, wie sich Deutschland seine Zwanziger gerne zurechtretroisiert.

Ähnliches Kleid, gleiche Stadt, gleiche Zeit, gleicher Rausch. Liv Lisa Fries in «Babylon Berlin».
Ähnliches Kleid, gleiche Stadt, gleiche Zeit, gleicher Rausch. Liv Lisa Fries in «Babylon Berlin».Bild: ard

Auch in «Eldorado KaDeWe» sind wir wieder mitten in der bekömmlichen Mischung aus mindestens einem traumatisierten Kriegsheimkehrer (jetzt in Gestalt von «unserem» Joel Basman als Harry Jandorf), der Vergnügungssucht junger Leute, viel Musik (jetzt von Inga Humpe), Glanz, Elend, Drogen, Prostitution zwecks Zusatzeinkommen, gefährlicher Abtreibungen und so weiter. Dazu kommt – wie etwa auch in «Charité» oder «Das Adlon» – eine bis heute strahlkräftige Berliner Institution, nämlich das berühmte Kaufhaus des Westens und seiner jüdischen Besitzerfamilie, den Jandorfs.

Trailer «Eldorado KaDeWe»

Sohn Harry und Tochter Fritzi (die Schweizerin Lia von Blarer) wollen den Kasten in die Moderne führen. Das KaDeWe soll weiblicher und luxuriöser werden, die Gattinnen internationaler Fürsten und Millionäre sollen bei ihnen einkaufen und die deutschen Frauen sollen eine Mode finden, die ihrer durch den Krieg beförderten Emanzipation entspricht. Und erotisch soll es sein. Man will die Beschädigungen mit Schönheit tilgen.

Und dann verliebt sich Prinzessin Fritzi, eine Charlotte Gainsbourg der Roaring Twenties, in die arme Verkäuferin Hedi (Valerie Stoll), während sich Harry von einer Puffmutter die Traumata aus dem Leib peitschen und Drogen spritzen lässt. Zwei wunderschöne junge Frauen haben in der Folge Sex oder träumen davon oder tanzen oder haben ein Fashion- oder ein Nacktshooting für ein erotisches Lesbenmagazin.

Gemeinsam mit Damian Kühne als Georg Karg bilden die vier das Kleeblatt einer Freundschaft. Harry und Georg gab es wirklich, die Frauen sind erfunden.
Gemeinsam mit Damian Kühne als Georg Karg bilden die vier das Kleeblatt einer Freundschaft. Harry und Georg gab es wirklich, die Frauen sind erfunden. bild: ard/degeto/constantin film

Das ist alles sehr erfrischend und gelegentlich hinreissend gemacht, etliches ist etwas überkandidelt, etwa, dass die Serie der Dichterin Else Lasker-Schüler gewidmet ist und die beiden Frauen auch dauernd aus Lasker-Schülers Briefroman «Mein Herz» von 1912 zitieren. Oder dass die Regisseurin Julia von Heinz die 20er von damals und die 20er von heute kurzschliessen wollte, indem sie öfter heutige Berliner Verkehrsmittel auftreten lässt – Autos, S-Bahnen etc. – und Plakate mit Sprüchen wie «Jesus loves queers» und vom Rosa-von-Praunheim-Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» an die Wände klebt (Julia von Heinz war Praunheims Assistentin). Diese Zeitenverquickung bringt nichts, stört aber auch nicht.

Und tatsächlich hat «Eldorado KaDeWe» eine schöne, fiebrige, immer in leichten Grössenwahn abdrehende Energie, die sehr viel mit Jungsein an sich zu tun hat und etwas weniger mit History-Schmonzetten wie «Ku'damm 63» oder «Ein Hauch von Amerika» oder «Unsere Mütter, unsere Väter» oder wie die Vor-, Nach-, Zwischen- und Während-Kriegs-Versuche des deutschen Fernsehens alle heissen.

Die Reaktionen auf Twitter

«Eldorado KaDeWe» ist – und das ist gar nicht böse gemeint – süffige Woke-Unterhaltung der Netflix-Ära. Ganz klar kein «Traumschiff», aber auch keine Überforderung. Und schon gar keine Zumutung. Aber: Die ARD hat dafür ihre Komfortzone verlassen. Und mit der Programmation zwischen den Jahren eine deutliche Mutprobe unternommen.

Sie versprach sich davon einen Quoten-Jungbrunnen. Am TV hat er nicht stattgefunden. Da blieb der Einstieg am 27. Dezember mit 3 Millionen für die 1., 2,8 Millionen für die 2. und schliesslich 2,4 Millionen für die 3. Folge doch hinter den Erwartungen zurück. Weder die ARD noch deren Tochterunternehmen Degeto konnte unsere Frage nach den Zugriffszahlen in der ARD-Mediathek bis jetzt beantworten, aber sie dürfte erfahrungsgemäss nicht schlecht sein. «Babylon Berlin» etwa holte sich dort für die ersten beiden Staffeln vor dem Start der dritten das Fünffache der TV-Quoten.

Das von Adolf Jandorf 1907 gegründete Luxuskaufhaus KaDeWe.
Das von Adolf Jandorf 1907 gegründete Luxuskaufhaus KaDeWe.Bild: via wikipedia

Das Marketing von «Eledorado KaDeWe» war ein Problem. Nicht, was die mehr als liebevolle Begleitung in den Feuilletons angeht, aber die lesen bekanntlich nicht mehr sooo viele Leute. Julia von Heinz schrieb wenige Tage vor der Ausstrahlung Folgendes auf Instagram: «Am ersten Pressetag für #EldoradoKaDeWe bekam ich die Info, dass einige Regionalzeitungen, aber auch eine wichtige TV-Beilage mit hoher Auflage ihre Interviews nach Sichtung der Serie zurückziehen. Diese sei eine ‹Zumutung›. Ich war unglaublich traurig und hatte Angst, dass die Serie schon tot ist, bevor sie überhaupt auf die Welt kommt.»

Es gibt vielerlei Brüste zu sehen in «Eldorado KaDeWe».
Es gibt vielerlei Brüste zu sehen in «Eldorado KaDeWe».bild: ard/degeto/constantin film

Und weiter: «Ich bat um ein Gespräch mit dem Chefredakteur der wichtigen TV-Beilage. Denn sie kommt in Millionen Haushalte. Sie kann Quoten stark beeinflussen. Herr H. sagte mir am Telefon, seine LeserInnen würden das Vertrauen in seine Empfehlung verlieren, wenn er #EldoradoKaDeWe auf das Titelblatt der Weihnachtsausgabe bringt. Er persönlich fände sie aber sehr gut, aber er würde lieber etwas ‹Braveres› auf dem Titelblatt haben.»

Sowas ist natürlich frustrierend altbacken. Und man fragt sich schon, wen denn die Regionalzeitungen und die (leider ungenannt bleibende) TV-Beilage so als ihr Zielpublikum sehen. Und ihre Zukunft.

P.S. Da es in der ganzen deutschen Geschichte nur eine einzige verfilmenswerte Stadt gegeben zu haben scheint, folgt das ZDF dieser Tage mit der Friedrichstadtpalast-Revue-Serie «Der Palast» (ausnahmsweise ohne Schweizerin in der Hauptrolle und jetzt schon in der Mediathek).

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