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Schrecken solche Bilder auf oder ab? Nach der Schlammlawine in Japan kommen Suchhunde zum Einsatz, um vermisste Personen zu finden.
Schrecken solche Bilder auf oder ab? Nach der Schlammlawine in Japan kommen Suchhunde zum Einsatz, um vermisste Personen zu finden.
Bild: keystone
Interview

«Diese Phänomene wirken wie beunruhigende Echos möglicher Zukünfte»

Brände, Schlammlawinen, Explosionen, Hagelkörner: Bilder von Umweltkatastrophen sind im Internet derzeit omnipräsent. Werden sie die Macht haben, unser Verhalten zu ändern? Olivier Glassey, Spezialist für die Nutzung digitaler Technologien, klärt auf.
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06.07.2021, 11:0506.07.2021, 13:10

Da waren die Brände in Kanada und auf Zypern, denen Rekord-Hitzewellen vorangingen. Dann das Feuer im mexikanischen Golf wegen eines Gaslecks. Der schwarze Rauch einer Raffinerieexplosion in Rumänien und der massive Erdrutsch in Japan gesellten sich dazu.

Umweltkatastrophen wie die oben genannten haben in den letzten Tagen die Schlagzeilen dominiert. Aber können diese viralen Fotos und Videos als Hebel für ökologischeres Handeln dienen? Olivier Glassey, ein Spezialist für Nutzung digitaler Technologien bei der Universität Lausanne, teilt seine Einschätzung der Situation mit uns.

Weshalb gehen solche Bilder viral?
Olivier Glassey
: Hierfür gibt es mehrere Gründe. Der erste Grund ist das beeindruckende und spektakuläre Ausmass. Solche Bilder prägen sich viel mehr ein als beispielsweise schriftliche Informationen über steigende Temperaturen. Emotionale Inhalte gehen leichter viral. Hinzu kommt das zeitgleiche Auftreten: Diese Ereignisse ereigneten sich in sehr kurzer Zeit und diese Abfolge ist an sich schon spektakulär. Zweitens spiegeln diese Bilder unsere Gedanken über die Zukunft unseres Klimas wider:

«Es steht viel auf dem Spiel und wir fragen uns, was diese Bilder für eine Zukunft prognostizieren. Diese symbolische Dimension trägt auch zu ihrer Verbreitung in den Netzwerken bei.»
Olivier Glassey

Hat Angst etwas damit zu tun?
Zwangsläufig, ja. Nicht in der Lage zu sein, das Haus wegen extremer Hitze (in Kanada) zu verlassen, ist beängstigend. Aber diese Angst ist wahrscheinlich auch diffuser und tiefgreifender. Diese Phänomene sind nicht neu, aber ihre Vielfalt, ihre globale geografische Verteilung und ihr Auftauchen in den «Newsfeeds» der sozialen Netzwerke wirken wie beunruhigende Echos möglicher Zukünfte.

Was lösen solche Aufnahmen bei den Betrachtenden aus?
Das ist sehr schwer messbar. Normalerweise gilt, dass wir uns mehr betroffen fühlen, wenn ein Ereignis in unserer Nähe stattfindet. Bei solchen viralen Aufnahmen können wir jedoch die Hypothese aufstellen, dass der sogenannte «Drama by mile»-Effekt weniger relevant ist. Zweifellos verändern wir die Skala ein wenig und fragen uns, wie unsere lokal stattfindenden Phänomene Übersetzungen dieser globalen Phänomene sind oder nicht.

Werden wir dadurch motiviert, aktiv zu werden, uns ökologischer zu verhalten, uns in Vereinen zu engagieren?
Darauf kann ich keine Antwort geben. Die Empfindsamkeit gegenüber solchen Aufnahmen variiert von Mensch zu Mensch.

«Eine Erkenntnis wird nicht unbedingt von jedem Menschen sofort und auf dieselbe Weise wahrgenommen.»
Olivier Glassey

Zweifellos werden einige Menschen diese Bilder als Beweis für die Notwendigkeit betrachten, so schnell wie möglich zu handeln. Andere hingegen werden diese Bilderflut als unerträglich empfinden und nichts unternehmen – entweder aus Angst oder weil sie sich nicht direkt betroffen fühlen.

Könnte eine Sättigung kontraproduktiv sein, indem die Menschen so abgeschreckt werden, dass sie sich nicht für den Klimaschutz einsetzen wollen?
Sagen wir einfach, dass diese spektakulären Aufnahmen allein nicht ausreichen. Die Verbreitung von Fotos des Welthungers beispielsweise hat viele Emotionen erzeugt und Ressourcen mobilisiert, aber sie haben nicht dazu beigetragen, diese Art von Krise zu bewältigen.

«Die Gefahr ist, dass Bilder von grossen Naturkatastrophen trivialisiert werden, indem sie in der Masse untergehen und wir einfach weiter scrollen.»

In diesem Zusammenhang kann man sich fragen, ob die systematische Weitergabe von Informationen, die von einigen übernommen wurde, noch effektiv ist. Einige Internetnutzende ziehen es vor, digitale Verbindungen zu kappen, wenn sie sich von sehr aktiven Bekannten «bombardiert» fühlen, die sich als Verfechter verschiedener Anliegen ausgeben.

Hier sprechen Sie über «Slacktivismus», Internetaktivismus, den Sie studieren. Erzählen Sie uns mehr.
Etwas überspitzt formuliert geht es um die Frage, unter welchen Umständen und Bedingungen ein minimaler Aufwand durch Teilen von Informationen in sozialen Netzwerken eine Form der Mobilisierung darstellt und gleichzeitig das eigene Gewissen beruhigt.

Mit wenig Aufwand zum Gutmensch:
Der Begriff Slacktivismus (engl. «slacktivism») setzt sich aus dem englischen Wort «Slacker», sprich «eine Person, die Arbeit oder Anstrengung vermeidet», und «Aktivismus» zusammen. In diesem Kontext bedeutet Slacktivismus, sich mit wenig Aufwand zu den «Guten» zu zählen. Dies kann zum Beispiel durch das Tragen von Buttons, Likes oder das Teilen von Beiträgen geschehen.
quelle: capinio.de

Für klimarelevante Themen ist auch die Frage interessant, welche digitalen Kommunikationsstrategien infrage kommen, da die Umweltkosten solcher viralen «Image-Shares» mit den Herausforderungen des Klimaschutzes vereinbar bleiben müssen.

Schrecken dich Katastrophen-Aufnahmen im Internet auf oder ab?

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quelle: keystone / yahya arhab
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