DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Plötzlich pfiff jemand laut am anderen Ende der Leitung. (Symbolbild) 
Plötzlich pfiff jemand laut am anderen Ende der Leitung. (Symbolbild) Keystone

Callcenter-Mitarbeiter erleidet Hörschaden – pfiff Aargauer Senior zu laut ins Telefon?

Das Bezirksgericht verhandelte den Fall eines 79-Jährigen, der einem Callcenter-Mitarbeiter überlaut ins Ohr gepfiffen haben soll. Der Angestellte erlitt eine Gehörverletzung.
19.10.2017, 11:30
Fabian Hägler / az Aargauer Zeitung

Anrufe von Callcentern können nervig sein – wer hat sich nicht schon aufgeregt, wenn ihm die nette Dame oder der freundliche Herr am Telefon eine neue Versicherung verkaufen oder ein anderes Handyabo aufschwatzen will. Auch ein Stern im Telefonbuch, der deutlich macht, dass Werbeanrufe auf dieser Nummer unerwünscht sind, schützt nicht in jedem Fall. Und auch Sperrlisten mit Callcenter-Nummern und Apps vermögen nicht alle lästigen Anrufe zu blockieren. Zudem sind die Möglichkeiten, juristisch gegen Betreiber vorzugehen, die oft vom Ausland aus operieren, beschränkt.

Deshalb kann die Reaktion von Leuten, die Opfer dieser unerwünschten Anrufe werden, bisweilen heftig ausfallen. Einfach den Hörer aufzulegen oder das Gespräch zu beenden, ist noch die mildeste Variante. Daneben kommt es auch vor, dass Callcenter-Mitarbeiter beschimpft oder beleidigt werden. Doch die Reaktion von Fritz (79, Name geändert) war weitaus heftiger, und sie brachte ihn gestern Mittwoch vor das Bezirksgericht Bremgarten.

Verärgert über Werbeanruf

Jetzt auf

Bei Fritz klingelte eines Abends im Frühling 2015 das Telefon, der Anrufer stellte sich als Mitarbeiter eines Callcenters vor. Ob er Fritz ein paar Fragen zu einer Marktforschungsumfrage stellen dürfe, wollte der Mann wissen. Fritz reagierte verärgert und sagte dem Callcenter-Mitarbeiter, er habe Feierabend und wolle nicht durch solche Anrufe gestört werden.

Darauf sagte dieser, er werde dafür sorgen, dass die Telefonnummer von Fritz aus der Liste gelöscht werde und er keine unerwünschten Anrufe mehr erhalte. Zugleich erkundigte sich der Callcenter-Mitarbeiter, ob vielleicht eine andere Person im Haushalt bereit wäre, einige Fragen zur Marktforschungsumfrage zu beantworten. Fritz regte sich fürchterlich darüber auf und «pfiff über mehrere Sekunden laut ins Telefon», wie es im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft heisst.

Mitarbeiter erlitt Gehörschaden

Was harmlos und fast erheiternd klingt, hatte für den Callcenter-Angestellten am anderen Ende der Leitung gravierende Folgen. Das laute Pfeifen von Fritz führte bei dem Mann zu einer Gehörverletzung. Der Callcenter-Mitarbeiter war über einen Monat arbeitsunfähig, kann nicht mehr mit Kopfhörern arbeiten und musste seine Stelle kündigen. Auf dessen Anzeige hin verurteilte die zuständige Staatsanwaltschaft Fritz mittels Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 6000 Franken sowie einer Busse von 1500 Franken.

Dies akzeptierte der Senior nicht, so kam es zur Gerichtsverhandlung. Dort nahm Fritz neben seinem Anwalt Platz und legte schon bei der Begrüssung durch Einzelrichter Peter Thurnherr die Hand ans Ohr. «Ich habe seit 16 Jahren ein Hörgerät, aber trotzdem Probleme», sagte Fritz, als der Gerichtspräsident von ihm wissen wollte, ob er ihn verstanden habe. Darauf wies Thurnherr den Beschuldigten an, mit dem Stuhl für die Befragung weiter nach vorne zu rücken. Fritz tat dies, machte jedoch gleich klar, dass er selber keine Fragen beantworten, sondern seinen Rechtsanwalt reden lassen wolle.

Anwalt beantragt Freispruch

Dieser zog in seinem Plädoyer das Arztzeugnis in Zweifel, welches dem Callcenter-Angestellten einen Gehörschaden attestierte. Das Zeugnis sei ein einseitiges Parteigutachten, ausserdem zu spät erstellt und rückdatiert worden, kritisierte er. Zudem habe sich das angebliche Opfer erst nach rund drei Wochen bei einem Arzt gemeldet. Ausserdem sei gar nicht klar, ob überhaupt Fritz derjenige sei, der laut ins Telefon gepfiffen habe. Der Callcenter-Mitarbeiter habe nur einen ungefähren Zeitraum von 15 Minuten angeben können, in dem aber fünf Anrufe stattfanden. Ausserdem habe das Opfer die Stimme von Fritz gar nicht wiedererkannt, dieser müsse also gemäss dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» vom Gericht freigesprochen werden.

Einzelrichter Thurnherr sagte, es sei durchaus normal und nachvollziehbar, dass der Betroffene eine gewisse Zeit gewartet habe, ob die Gehörprobleme wieder verschwinden würden, bevor er zum Arzt gegangen sei. Auch die festgestellten Beeinträchtigungen seine keine Lappalien, das laute Pfeifen am Telefon kein Lausbubenstreich, sondern eine ernsthafte Schädigung für das Opfer.

Wer dem Callcenter-Mitarbeiter aber überlaut ins Ohr gepfiffen hat, konnte auch das Gericht nicht sicher feststellen. Von den fünf Personen, welche der Mann damals angerufen hatte, liessen sich zwei ausschliessen: Eine Frau und ein Mann, der nur gebrochen Deutsch sprach. «Von den übrigen drei könnte es jeder gewesen sein, und weil sich nicht sagen lässt, wer es tatsächlich war, muss ein Freispruch erfolgen.» (aargauerzeitung.ch)

Was ist noch erlaubt, was bereits sexuelle Belästigung?

Video: watson
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

24 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
glass9876
19.10.2017 14:54registriert Juli 2015
Welcher Idiot stellt Telefone her, die an der Hörmuschel derart laute Geräusche erzeugen kann, dass der Telefonierende einen Hörschaden kriegt? Ist ja nicht so, dass der Herr dem Call Center-Mitarbeiter direkt ins Ohr gepfiffen hätte!
1087
Melden
Zum Kommentar
avatar
Electric Elefant
19.10.2017 13:01registriert September 2017
Tja falsches Mittel gegen diese nervigen Callcenter-Trolle!
Richtig ist... Abnehmen, "einen Moment" sagen, dann den Hörer beiseite legen, weglaufen und hoffen, dass der CC-MA möglichst viel Zeit verliert!
Und ja, Firmen die CC's für Tel.-Werbung buchen (auch indirekt über Agenturen bei Versicherungen und Krankenkassen) nicht mehr berücksichtigen!
966
Melden
Zum Kommentar
avatar
Madison Pierce
19.10.2017 14:47registriert September 2015
Interessante Taktik!

Hätte nie gedacht, dass das geht und dass man dafür verurteilt wird: denn der Ton erzeugt ja das Telefon des Empfängers. Dieses kann laut oder leise eingestellt sein. Übertragen wird nur ein elektrisches Signal.

Als Laie hätte ich nicht damit gerechnet, dass ein Telefon derart laute Töne abgibt, unabhängig vom Signal auf der Leitung. Könnte ja auch mal eine Störung sein oder so.
924
Melden
Zum Kommentar
24
TV-Rechte-Deal: Bedingte Freiheitsstrafe für Ex-Fifa-Generalsekretär

Das Bundesstrafgericht hat Ex-Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke im Berufungsprozess um einen Deal mit Fifa-TV-Rechten zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten bedingt verurteilt. Den Präsidenten des Fussballclubs Paris St. Germain, Nasser al-Khelaifi, sprach es frei.

Zur Story