100'000 Franken für Brandschutz – dieser Gastronom sieht die hohen Kosten anders
Wie so viele ist auch Gastronom Joel Ibernini von der Katastrophe in Crans-Montana erschüttert. «Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas Schockierendes in der Schweiz passieren kann», sagt der Badener, der seit fünf Jahren an der Weiten Gasse erfolgreich das «Armando’s Pane e Vino» führt. Inzwischen hat er zwei weitere Weinbars in Zürich eröffnet sowie eine im bündnerischen Klosters. Einen weiteren Ableger plant er in diesem Jahr in Aarau. «Wenn so etwas in einem meiner Betriebe passiert wäre, weiss ich nicht, wie ich damit leben könnte», fügt er hinzu.
Das Unglück im Wallis habe ihm vor Augen geführt, wie notwendig die strengen Brandschutzauflagen seien, mit denen er sich im Herbst konfrontiert sah. Rund eine Viertelmillion Franken investierte Ibernini in die Erweiterung seines Lokals in Baden, etwa 100’000 Franken davon flossen allein in die geforderten Brandschutzmassnahmen im altehrwürdigen Altstadthaus: zusätzliche Fluchtwege, sieben Brandschutztüren statt der ursprünglich erwarteten zwei, brandhemmende Wände, spezielle Dämmmaterialien sowie schwer entflammbare Stoffe unter anderem für Vorhänge, Stühle und Kissen. «Damals habe ich schon auch die Faust im Sack gemacht», sagt Ibernini offen. «Wir schwimmen nicht im Geld.» Doch seine Geschäftspartnerin Nora Fassino und er konnten in den letzten Jahren genug erwirtschaften, um die gesamte Investition aus eigener Kraft zu stemmen.
Neben der Umsetzung betont er auch die Wichtigkeit von regelmässigen Kontrollen. «Ich bin sehr froh, dass wir alle diese Massnahmen vorgenommen haben. Alles wurde vor der Eröffnung von der Brandschutzpolizei abgenommen, das gibt mir Sicherheit.» Wie die Gäste nun auf den neuen Gewölbekeller reagieren werden, weiss er allerdings noch nicht. Nach den Ferien öffnet das Lokal in Baden am Dienstag wieder.
Den Keller pries Ibernini bei der Eröffnung im November als neues Herzstück des Lokals an. «Ich kann mir vorstellen, dass manche Menschen jetzt Hemmungen haben», sagt er jetzt. Brandschutztechnisch entspräche der Raum aber vollständig den Vorgaben, Feuerlöscher und Löschdecken gehörten zur Grundausstattung und die Gästezahl sei im Untergeschoss strikt auf 50 begrenzt; Kerzen seien tabu.
Die Katastrophe habe ihn zudem dazu bewogen, freiwillig nachzurüsten. In allen Betrieben werden nun zusätzliche Feuerlöschgeräte installiert und die Mitarbeitenden sensibilisiert. «Meine Devise ist klar: lieber zu viel als zu wenig.»
«Fehlalarme kosten 2000 Franken pro Einsatz»
Bisher kam alle zwei Jahre ein Brandschutzexperte vorbei, der die Mitarbeitenden schult, etwa im Umgang mit Feuerlöschern und Löschdecken, sagt Ibernini. Das koste 1500 Franken. «Das ist gut investiertes Geld, kann für kleinere Betriebe dennoch eine Hürde sein», glaubt er. Er wünscht sich, dass Kantone solche Schulungen kostenlos anbieten und verbindlich vorschreiben. Im Zürcher Einkaufszentrum Sihlcity, wo er eines seiner Zürcher Lokale betreibt, seien sie zum Beispiel Pflicht. Die Schulungen fänden zweimal jährlich statt; dabei müsse jeweils mindestens die Hälfte der Mitarbeitenden der Shops und Gastronomiebetriebe anwesend sein.
Nebst subventionierten Schulungen sieht er auch bei Brandmeldeanlagen Potenzial für die Kantone: In zwei seiner Lokale seien diese direkt mit der Feuerwehr verbunden. Grundsätzlich halte er das für richtig, denn im Ernstfall zähle jede Sekunde. Gleichzeitig komme es aber immer wieder zu Fehlalarmen: «Dann steht die Feuerwehr umsonst vor der Tür, was uns jedes Mal 2000 Franken kostet.» Für kleinere Betriebe sei das kaum tragbar. «Ich verstehe darum gut, warum manche darauf verzichten.» In den anderen Lokalen setzt Ibernini auf akustische Brandmelder.
Trotz allem plädiert er auch für Augenmass. Neue Betriebe müssten realistische Chancen haben, sich zu etablieren. «Man darf junge Gastronomen nicht mit Kosten erdrücken», sagt er.
Seine Weinbars im Aargau und in Zürich hält er für sehr gut kontrolliert; auch im Kanton Graubünden habe er grundsätzlich gute Erfahrungen gemacht. Im Betrieb in Klosters habe er vor der Eröffnung freiwillig Fluchtwege, Türen und Signalisationen überprüft und nachgerüstet, obwohl dort nicht umgebaut wurde. Nach Crans-Montana geht er nun davon aus, dass viele Gastronomiebetriebe ihre Sicherheitskonzepte neu überprüfen: «So eine Katastrophe will niemand verantworten müssen.» (badenertagblatt.ch)
