Schweiz
Gesundheit

Patient verzichtet auf Narkose: Erste Operation unter Hypnose in Baden

Operation in Hypnose: Daniel Gisler (55) während des Eingriffs.
Operation in Hypnose: Daniel Gisler (55) während des Eingriffs.Bild: zvg

Herr Gisler wurde operiert – mit Hypnose statt Narkose

Am Kantonsspital Baden (KSB) ist erstmals ein hypnotisierter Patient operiert worden. Den einstündigen Eingriff überstand der 55-Jährige ohne Narkosemedikamente und Schmerzmittel. Dies hat selbst das OP-Team verblüfft.
23.01.2024, 14:2423.01.2024, 16:41

Vor mehr als eineinhalb Jahren hat sich Daniel Gisler aus Remetschwil bei einem häuslichen Unfall das Schien- und Wadenbein gebrochen. Der 55-Jährige wurde damals im KSB operiert. Er bekam - wie bei einer solch schweren Verletzung üblich - Metallplatten, Nägel und Schrauben eingesetzt, um die gebrochenen Knochen zu fixieren.

Weil ihn Teile dieser Platten und Schrauben nun störten, wollte sie Gisler entfernt haben. Doch er wollte nicht wie üblich unter Narkose operiert werden. Vor der OP versetzte sich Gisler selbst in einen Trancezustand.

«Das ist in der Tat ein aussergewöhnlicher Wunsch», sagt Karim Eid, Chefarzt Orthopädie/Traumatologie im KSB in einer Mitteilung. «Als innovatives Spital wollten wir dem Patienten diese Erfahrung ermöglichen, zumal wir selbst neugierig waren, ob und wie die Hypnose-Methode funktioniert.»

Video: So haben Daniel Gisler und das OP-Team den Eingriff erlebt

Normalerweise wäre für einen Eingriff dieser Art eine Vollnarkose oder mindestens eine Lokalanästhesie nötig. «Denn das Bein wird über eine Länge von zehn Zentimetern bis auf den Knochen des Schien- und Wadenbeins geöffnet», heisst es in einer Mitteilung des KSB.

Hätte Gisler während der OP zu starke Schmerzen verspürt, wären die Operateure bereit gewesen, den Eingriff unter Lokalanästhesie fortzusetzen. Hätte das nicht geklappt, wäre sie abgebrochen worden. Doch so weit kam es nicht.

Gisler habe zwar ein Ziehen beim Schnitt, Schmerzen bei der Verödung der Kapillaren und diverse Drucksituationen an seinem Unterschenkel verspürt, «aber ansonsten war alles ganz erträglich», erklärt er in der Mitteilung. Auch die Kommunikation im OP-Saal habe er mitbekommen, jedoch bestmöglich ausgeblendet.

Wie versetzte sich Gisler selbst in Hypnose?

Vierzig Minuten vor dem OP-Start hatte sich der Orthopädie-Patient per Audio-Aufnahmen in Hypnose versetzt. Sein Ziel: der Esdaile-Zustand. Es handelt sich dabei um einen sehr tiefen Hypnose-Zustand, der sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass die hypnotisierte Person schmerzfrei sein soll. Er ist nach dem schottischen Chirurgen James Esdaile benannt, der im 19. Jahrhundert seine Patienten vor Operationen in Trance versetzte.

«Ausser leichtem Stöhnen und gelegentlichem Zucken blieb der Operierte weitestgehend ruhig, seine Augen waren stets geschlossen», schreibt das KSB weiter in einer Mitteilung. Am schmerzhaftesten sei für ihn das Zunähen der Wunde zum Schluss gewesen, gab er nach der OP zu Protokoll. Sein Fazit: Einen Eingriff in diesem Rahmen würde er wieder so vornehmen lassen.

Sogar das OP-Team war verblüfft

Die starke Wirkung der Hypnose habe das OP-Team verblüfft, zumal der Patient bei seinem ersten Eingriff noch ziemlich viel Schmerzmittel benötigt hatte. Erstaunt war der die OP leitende stellvertretende Oberarzt, Steven Maurer, darüber hinaus von der Tatsache, dass der Patient während des Eingriffs ohne Blutsperre im Verhältnis äusserst wenig Blut verloren hat.

Eine Stunde nach der OP verliess Daniel Gisler das Spital wieder – zu Fuss. Die OP in Hypnose wird am KSB trotzdem nicht alltäglich. «Die klassische Anästhesie bleibt bei Eingriffen weiterhin unverzichtbar», erklärt Karim Eid. (fan/Aargauerzeitung)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Interview mit neuem Uni Zürich-Rektor
«Ja, die Uni hat Fehler gemacht und der nächste Patzer wird folgen»
Mit zwei Problemen haderte die Universität Zürich in den vergangenen Monaten: Dem Fall Mörgeli und dem umstrittenen UBS-Sponsoring. Der neue Rektor Michael Hengartner nimmt Stellung.
Der neue Rektor der Universität Zürich, Michael Hengartner, räumt in den Fällen Mörgeli und UBS-Sponsoring Fehler ein. Einen Vertrag wie jenen mit der UBS werde die Uni künftig sofort veröffentlichen, sagte Hengartner in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Und die Entlassung der Titularprofessorin Iris Ritzmann «sei nicht gut gelaufen». Bei einer Universität dieser Grösse werde es aber immer Fehler geben, sagte er. «Ich garantiere Ihnen: Der nächste Patzer wird kommen.» Wichtig sei aber, dass Politik und Öffentlichkeit wüssten, dass die Uni Fehler aufgreife und alles tue, damit sie kein zweites Mal passierten. Die Uni wolle sich verbessern. Die Politik werde nicht mehr lange Geduld haben. Durch die Geheimhaltung des Sponsoring-Vertrages mit der UBS habe sich die Uni einen Bärendienst erwiesen, sagte der 47-Jährige weiter. Es sei klar, dass man solche Verträge künftig sofort veröffentlichen werde. «Sollte ein Geldgeber von uns verlangen, dass der Vertrag nicht öffentlich gemacht wird, werden wir das Geld nicht annehmen.»
Zur Story