DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Patrizia Manolio, Aline Berthoud und Diana Ferreira (v.l.) freuen sich über das Ja zum Transplantationsgesetz.
Patrizia Manolio, Aline Berthoud und Diana Ferreira (v.l.) freuen sich über das Ja zum Transplantationsgesetz.Bild: watson

Betroffene hoffen nach dem Organspende-Ja: «Das hat mir extrem geholfen»

Wer dank einer Organspende lebt, hat sich am Abstimmungssonntag besonders gefreut. Drei Betroffene erzählen, was das Ja zur Änderung des Transplantationsgesetzes für sie bedeutet.
15.05.2022, 20:2916.05.2022, 12:26

Das Schweizer Stimmvolk will das Transplantationsgesetz ändern: Am Sonntag sagten 60,2 Prozent Ja zur Widerspruchslösung. In Zukunft muss also explizit festhalten, wer seine Organe nicht spenden will. Ist nichts festgehalten, geht man von der Zustimmung des oder der Verstorbenen aus.

Das Ja-Komitee hat sich am Sonntag im Restaurant Clé de Berne versammelt, gegenüber vom Berner Hauptbahnhof. Neben der hölzernen Eingangstür prangert ein Plakat, auf dem steht: «Ich möchte meine Kinder aufwachsen sehen. Diana, 36, wartet auf eine Niere.»

Diana Ferreira sitzt drinnen an einem der weiss gedeckten Tische und beobachtet ihre beiden Kinder beim Zeichnen. Sie ist das Gesicht auf dem Plakat. «Mit dem heutigen Tag passiert ein grosser Schritt für alle Betroffenen», sagt die 37-Jährige. In Zukunft werde es nun mehr Spendeorgane geben. Davon ist sie überzeugt.

Diana Ferreira war eines der Gesichter der Pro-Kampagne des Transplantationsgesetzes.
Diana Ferreira war eines der Gesichter der Pro-Kampagne des Transplantationsgesetzes. Bild: watson

Als sie für die Kampagne Model stand, wartete sie seit zweieinhalb Jahren auf ein Spenderorgan. Eine Schwangerschaftsvergiftung im Jahr 2013 führte dazu, dass Ferreiras Nierenfunktion auf 15 Prozent sank. Ihre Tochter und ihren Sohn, vier- und siebenjährig, konnte sie nur unter strenger ärztlicher Kontrolle und Medikation gesund zur Welt bringen.

Am 14. März 2022 war es dann so weit. «Um elf Uhr abends rief mich das Spital St.Gallen und sagte: ‹Frau Ferreira, es gibt eine Niere für sie. Sie können kommen.› Ich wusste nicht, was sagen. Ich war sprachlos.»

«Ja zum Leben»

Um die Familie Ferreira herrscht Tumult. Mitwirkende der Pro-Kampagne unterhalten sich mit Politikerinnen wie SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen oder GLP-Nationalrat Jörg Mäder. Sie stossen an auf den Sieg an, auf das «Ja zum Leben», wie Swisstransplant-Präsident Franz Immer später sagen wird.

Aline Berthoud freut sich auch über das Ja, selbst wenn es ihre Situation nicht mehr verändern wird. Ihr Ehemann ist vor dreieinhalb Jahren mit zystischer Fibrose gestorben. Wegen der Stoffwechselerkrankung hätte er bereits die zweite Spenderlunge gebraucht. Doch er verstarb während der Abklärung.

«Mein Mann und ich haben früh darüber gesprochen, wie er sterben will. Das hat mir extrem geholfen.»
Aline Berthoud

«Im Juni haben wir noch seinen 20. Lungen-Geburtstag gefeiert», erzählt Berthoud lächelnd. Einen Monat später verschlechterte sich sein Zustand. Ein grippaler Infekt führte dazu, dass Berthouds Mann nicht mehr genügend Luft bekam und die Ärzte das künstliche Koma einleiteten. Nach zehn Tagen im Koma wachte er wieder auf. «Ich weiss noch, wie er mich anschaute und sagte: ‹Ich kann nicht mehr›.»

Aline Berthoud findet: «Wer nicht spenden will, soll den dafür nötigen Schritt machen.»
Aline Berthoud findet: «Wer nicht spenden will, soll den dafür nötigen Schritt machen.»Bild: watson

Berthoud beschloss, dass es Zeit für den Abschied war. «Ich wusste, Phippo wollte das nicht.» Sein Körper stiess seine Spenderlunge ab, es war nicht klar, ob eine neue mit Erfolg transplantiert werden könnte. «Wir haben früh darüber gesprochen, wie und wann er sterben will. Das hat mir extrem geholfen.»

Sicherheit für die Angehörigen

Wie wichtig es für Angehörige ist, den Willen der sterbenden Person zu kennen, weiss Berthoud auch wegen ihres Berufes. Die gelernte Pflegefachfrau kümmert sich für das Schweizerische Rote Kreuz um Patientenverfügungen und war früher in der Palliativmedizin tätig.

Ob mit der Widerspruchslösung jetzt nicht das Gegenteil passiere und Angehörige noch stärker verunsichert sind, verneint Berthoud. Sie kenne eher Leute, die spenden wollen, aber keinen Ausweis haben. «Wer wirklich nicht spenden will, soll den dafür nötigen Schritt machen.»

Auf der langen Warteliste

Auch Patrizia Manolio findet es wichtig, dass sich jede und jeder mit dem Thema Organspende auseinandersetzt. Denn: «Es kann jeden treffen.»

Vor zehn Jahren liess sich Manolio auf die Warteliste für eine Niere setzen. Sie hatte Knochenkrebs im Endstadium und wegen der Chemotherapien versagten irgendwann die Nieren. Vier Jahre lang wartete die heute 38-Jährige auf eine Spende. Zwei Sachen fand sie während dieser Zeit am belastendsten. «Einerseits muss man immer erreichbar sein, falls der Anruf vom Spital kommt. Zum anderen ist diese Ungewissheit und das Gefühl, ausgeliefert zu sein, extrem unangenehm.»

«Ich führe dank der Spende heute ein normales Leben», sagt Patrizia Manolio.
«Ich führe dank der Spende heute ein normales Leben», sagt Patrizia Manolio.Bild: watson

Eines Tages kam der langersehnte Anruf. Aber Manolio konnte sie nicht operieren lassen. «Es ging mir zu diesem Zeitpunkt gesundheitlich extrem schlecht, deshalb konnte ich das Organ nicht annehmen. Das fühlte sich sehr fies an.»

«Mich machte es traurig, dass man sich mit der Alternative einer Lebensspende auseinandersetzen muss, weil die Warteliste so lang ist.»
Patrizia Manolio

Am Ende war es dann Manolios Schwester, die ihr eine Niere gespendet hat. Ein grosser Eingriff, den sie ihr gerne erspart hätte. «Mich machte es traurig, dass man sich mit der Alternative einer Lebensspende auseinandersetzen muss, weil die Warteliste so lang ist.»

Seit sechs Jahren lebt Manolio mit einer gesunden Niere. Der Aussage, dass ein Organ nur lebensverlängernd, aber nicht -verbessernd sei, widerspricht sie. «Ich führe heute ein normales Leben. Klar, ich muss Medikamente nehmen, aber das ist nichts mehr im Vergleich zu früher, als ich zweimal pro Woche zur Dialyse, zur Blutwäsche musste.»

Auch Aline Berthoud ist froh, dass ihr Mann seine erste Spenderlunge erhielt. Er habe bereits mit 27 Jahren mit seinem Leben abgeschlossen und als er dann das neue Organ bekam, nahm seine Geschichte eine Wende. Er lernte ein Jahr später seine Frau kennen, heiratete in Hawaii, lebte vier Jahre dort und wurde Vater von zwei Töchtern. «Er hat unsere Kinder abgöttisch geliebt», erinnert sich Berthoud. Obwohl sie seinen sturen Kopf geerbt hätten, ergänzt sie lachend. «Ich bin dankbar, dass er mir diese Zeit geschenkt hat.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Statistiken zu Transplantationen in der Schweiz

1 / 14
Statistiken zu Transplantationen in der Schweiz
quelle: swisstransplant / swisstransplant
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Niere spenden ohne Zustimmung? Das Transplantationsgesetz kurz erklärt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

96 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Lowend
15.05.2022 20:10registriert Februar 2014
Einen grossen Dank auch an alle, die mit dieser Abstimmung so zu sagen ihren Organspender-Ausweis ausgefüllt haben, für die Bereitschaft, im Fall des Ablebens anderen zu helfen. Ganz herzlichen Dank!

Als Mensch, der das Glück hatte, nach über 600 Tagen Wartezeit und einigen notfallmässigen Spitalbesuchen im Jahr 2020 dank einer Organspende ein neues Leben zu erhalten, wünsche ich auch allen Betroffenen das gleiche Glück und hoffentlich, nach dieser positiven Entscheidung, eine kürzere Wartezeit, denn je gesünder man noch ist, wenn man das neue Organ erhält, desto besser stehen die Chancen.
9336
Melden
Zum Kommentar
avatar
Jähnex
15.05.2022 20:43registriert Juni 2021
Ich habe selber ja gestimmt und hatte vorher schon einen Spenderausweis.
Mir fehlt aber beim Artikel und den Personen etwas das Einfühlungsvermögen.
Bei den Spender handelt es sich meistens um Unfalltote. Bei jeder Spende wurde also ein gesunder Mensch tragisch aus dem Leben gerissen.
222
Melden
Zum Kommentar
avatar
Püggel
15.05.2022 21:59registriert November 2020
Super mit meinem Kreuzchen habe ich meinen Spenderausweis bekommen! Und das ist gut so war ich doch immer zu bequem einen Spenderausweis zu beantragen. In der Diskussion vor der Abstimmung habe aber bemerkt, dass es viele Menschen aus unterschiedlichen Beweggründen gibt, die unter allen Umständen einen "unversehrten" Abgang aus ihrem Leben wichtig ist. Dies muss respektiert weden! Die Behörden sind nun in der Pflicht, dass alle Menschen in der Schweiz über ihre Rechte unterichtet werden. Bei jedem Kontakt mit medizinischem Personal.
3214
Melden
Zum Kommentar
96
«Zuckerfreie» Produkte boomen, aber der Zuckerkonsum nimmt zu. Was läuft schief?
Wir konsumieren zu viel Zucker. Viel zu viel. Das sagen Gesundheitsexperten, zeigen Krankenzahlen, sagt die WHO. Doch obwohl immer mehr Produkte vermeintlich weniger Zucker beinhalten, kriegen wir die «Zucker-Pandemie» nicht in den Griff. Was ist eigentlich das Problem?

Die Ernährungstrends von heute stehen ganz im Zeichen der Gesundheit. «Zuckerfrei», «30% weniger Zucker», «ohne Zuckerzusätze» – die Regale füllen sich immer weiter mit weniger süssen oder gar zuckerfreien Produkten.

Zur Story