Sieben Punkte zur desaströsen Schweizer Luftabwehr – und welche Rolle Israel spielt
Die desaströse Lage
Der neue Armeechef Benedikt Roos nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Schweiz habe «praktisch nichts», um sich gegen Bedrohungen aus der Luft zu schützen, sagt er. «Nichts. Null.» Das Land verfügt nur über zwei veraltete Luftabwehrsysteme: die 35-Millimeter-Fliegerabwehrkanonen aus den 1960er-Jahren und die Einmannlenkwaffe Stinger aus den 1990er-Jahren. Mit ihnen lassen sich nur Kampfhelikopter abschiessen. Das 1984 eingeführte Lenkwaffensystem Rapier wurde 2022 ausser Dienst gestellt.
Die Patriot-Verzögerungen
Als die Schweiz 2022 in den USA für 2 Milliarden Franken fünf Patriot-Luftabwehrsysteme über grosse Distanzen bestellte, glaubte sie, einen Schritt zur Sicherung des Luftraums gemacht zu haben. Sie hätten ab 2026 bis 2028 geliefert werden sollen. Inzwischen haben die USA die Termine zweimal verschoben. Die Armee geht davon aus, dass sie erste Systeme frühestens 2034 erhält.
Die Suche nach Ersatz
Wegen der massiven Verzögerung bei den Patriot-Systemen entschied der Bundesrat am 6. März, die Beschaffung eines zusätzlichen Luftverteidigungssystems grosser Reichweite zu prüfen. Inzwischen hat das Bundesamt für Rüstung Informationsanfragen in vier Staaten gemacht, wie es bestätigt. «Armasuisse hat Hersteller aus Deutschland, Frankreich, Israel und Südkorea um Informationen zu fünf Systemen angefragt», sagt Kommunikationschef Kaj-Gunnar Sievert. «Im Vordergrund stehen Lieferzeit, Kosten, Leistungsfähigkeit und die Produktionsanteile in Europa, im Idealfall in der Schweiz.» Die Informationen sollen schon Ende Mai vorliegen, womit der Bundsrat noch vor den Sommerferien entscheiden könnte.
Namen nennt das Amt aber nicht. Recherchen zeigen: Frankreich mit Samp/T New Generation von Eurosam ist darunter, Südkorea mit dem System L-SAM des Unternehmens Hanwha und Israel mit dem System David's Sling der Unternehmen Rafael und Raytheon. Vermutlich hat Armasuisse in Israel auch Informationen zu Arrow 2 angefragt. Dieses System ist ein Gemeinschaftsprodukt von Israel und den USA. In Deutschland dürfte Armasuisse Informationen zum neuen System Iris-T SLX von Diehl Defence haben wollen. Dieses soll ab 2029 in die Produktion gehen. Es ist leistungsstärker als das System Iris-T-SLM, das die Schweiz für die mittlere Reichweite gekauft hat.
Der europäische Favorit
Das Zusatzsystem soll bevorzugt in Europa produziert werden. Deshalb steht das französisch-italienische System Samp/T New Generation von Eurosam im Vordergrund. Die Schweiz hat das Samp/T-System alter Generation 2019 und 2020 mit dem Patriot-System evaluiert. Samp/T verlor. Doch inzwischen wurde das System stark weiterentwickelt. Es kann gegen ballistische Interkontinentalraketen eingesetzt werden und offenbar sogar gegen russische Kinschal-Hyperschallraketen. Es hat eine Reichweite von über 150 Kilometern und erreicht eine Abfanghöhe von 30 Kilometern.
Seit US-Beamte im April europäischen Staaten mitteilten, dass sich Rüstungslieferungen verzögern, ist Samp/T als europäische Alternative zu Patriot sehr gefragt. Bis zu zwölf europäische Staaten bemühen sich um das System. Das hat damit zu tun, dass die EU mit dem Program «Security Action for Europe» (Safe) 150 Milliarden Euro als zinsgünstige Darlehen für Rüstungsprojekte der Mitgliedstaaten bereitstellt. Dänemark hat 2025 acht Systeme von Samp/T für 7,8 Milliarden Euro bestellt. Samp/T New Generation ist auch in der Ukraine im Einsatz und wurde in Jemen auf Schiffen benutzt.
Die Israel-Frage
Das israelische Boden-Luft-Abwehrsystem David's Sling hat eine Reichweite von 300 Kilometern und erreicht eine Abfanghöhe von 15 Kilometern. Es ist stark kampferprobt, hat sich im 12-Tage-Krieg gegen den Iran bewährt. Sein Nachteil: Es ist eine Koproduktion zwischen dem israelischen Konzern Rafael und dem US-Unternehmen Raytheon, das Patriot herstellt. Sollte sich Rafael einen Kooperationspartner in Europa suchen, dürfte das Diehl Defence sein. Mit David's Sling befände sich die Schweiz aber wieder in US-Abhängigkeit. Zudem könnte ein Luftabwehrsystem aus Israel politische Kontroversen auslösen.
Der südkoreanische Aussenseiter
Das System L-SAM des Unternehmens Hanwa aus Südkorea hat eine Reichweite von 150 Kilometern und eine bemerkenswerte Abfanghöhe von bis zu 60 Kilometer. Es ist aber wenig erprobt. Südkorea hat inzwischen bereits einen Fuss in Europa: Es hilft Polen beim Aufbau von Produktions- und Montagekapazitäten für mehrere Waffensysteme.
Die Geldfrage
Die Schweiz hat gute Chancen, das französisch-italienische System Samp/T New Generation bis 2029 zu erhalten, obwohl sich viele europäische Staaten darum bemühen. Das hat damit zu tun, dass Frankreich Interesse hat an einem gut geschützten Schweizer Luftraum. Die Franzosen orten in der Luftverteidigung Richtung Osten Lücken – in der Schweiz und in Österreich.
Zentral wird sein, dass die Schweiz das Geld vorweisen kann für den Kauf der Systeme. Dazu kommt: Die Zeit drängt. Die Schweiz wird sich deshalb keinen langwierigen Evaluationsprozess leisten können. In Krisenzeiten drängt sich eine Direktbeschaffung auf. (aargauerzeitung.ch)
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