Schweiz
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Diese Kandidaten müssen um ihren Sitz im Parlament bangen

Das Gros der nationalen Parlamentarier tritt am 18. Oktober wieder an – bei 20 von ihnen stehen die Chancen für eine Wiederwahl schlecht.

Anna Wanner / Aargauer Zeitung



Hätten die Schweizer am 21. August gewählt, ginge die FDP als Siegerin hervor, sie hätte 1,8 Prozent Wähleranteil dazugewonnen. Das ergibt die Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern, die gestern in Form des Wahlbarometers publiziert wurde. Unter dem Strich gäbe es einen klaren Rechtsrutsch: Auch die SVP könnte sich verbessern – um 1,4 auf 28 Prozent. Zwar könnte auch die SP um 0,6 Prozent zulegen. Doch geht aus der Umfrage hervor, dass die Grünen im Gegenzug 1 Prozent verlieren würden. Zusammengefasst: Die Rechte wächst, die Linke schrumpft minim, die grossen Verluste fahren die Mitteparteien ein, die zwischen 0,9 Prozent (GLP), 1 Prozent (BDP) und 1,2 Prozent (CVP) verlören.

Aber eben: Umfragen sind immer mit Unsicherheit behaftet und die Wahlen finden erst am 18. Oktober statt. Auch sagt die nationale Parteistärke wenig über die Ausgangslage in den Kantonen oder die Zahl der Nationalratssitze pro Partei aus – so hat etwa die SP in den letzten Wahlen Stimmen verloren, aber Sitze gewonnen.

Trotzdem lässt sich herauslesen, dass von 174 Nationalräten, die im Herbst erneut antreten werden, mindestens 20 um eine Wiederwahl zittern müssen: Sie könnten derzeit ihre letzte Session erleben. Angesichts der Ausgangslage kann zwischen drei Gruppen von Wackelkandidaten unterschieden werden.

1. Die Pechvögel

Weil sich die Einwohnerzahl in drei Kantonen überdurchschnittlich entwickelt hat, erhalten der Aargau, das Wallis und Zürich einen zusätzlichen Nationalratssitz. Bern, Neuenburg und Solothurn müssen hingegen einen abgeben.

Da in Solothurn alle Bisherigen antreten, muss wohl oder übel ein Kandidat über die Klinge springen. Intuitiv wird der CVP-Nationalrat Urs Schläfli als Wackelkandidat gehandelt, der 2011 den siebten Sitz ergattern konnte. Der Sitz, der jetzt wegfällt. Allerdings könnte er ihn dank Listenverbindungen retten. Dann wäre wiederum SP-Nationalrat Philipp Hadorn akut gefährdet.

Portrait von Urs Schlaefli-Kocher, Meisterlandwirt aus Deitingen, Nationalrat der CVP des Kantons Solothurn, aufgenommen am 12. Dezember 2011 in Bern. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Muss um einen Sitz in Solothurn bangen: Urs Schläfli, CVP.
Bild: KEYSTONE

In Neuenburg kommt es zu einer Rochade: Drei von fünf Parlamentariern treten zurück. Und doch stehen die Zeichen schlecht für den bisherigen SVP-Nationalrat Raymond Clottu. Erstens teilen sich die FDP und die Linken (SP und Grüne) traditionell die Stimmen etwa hälftig. Und zweitens hat sich die Neuenburger SVP seit der Affäre um den erkrankten Yvan Perrin nie richtig erholt und ist nun schlecht aufgestellt.

Raymond Clottu, candidat UDC officiel a l'election complementaire au Conseil d'Etat, prend la parole lors de la conference de presse du lancement de sa propre campagne a l'Hotel Vue des Alpes au col de Vue des Alpes NE, vendredi 22 aout 2014. (KEYSTONE/Anthony Anex)

Auch Raymond Clottu, SVP, muss zittern.
Bild: KEYSTONE

In Bern ist die Situation etwas komplizierter, weil 25 Sitze neu zu besetzen sind. Absehbar ist, dass die Grünen ihre drei Sitze kaum halten können. 2011 holte Regula Rytz dank eines Restmandats den dritten Sitz. Jetzt muss Newcomerin Christine Häsler um die Wiederwahl bangen, die im Juni für Alec von Graffenried nachgerutscht ist.

Christine Haesler (Gruene-BE) haelt einen Blumenstrauss nach ihrer Vereidigung im Nationalrat, am Montag, 8. Juni 2015 waehrend der Sommersession der Eidgenoessischen Raete in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Christine Häsler will weitere 4 Jahre ins Bundeshaus. Ob sie das auch wird, ist nicht sicher.
Bild: KEYSTONE

2. Schwächelnde Parteien

Die Grünen müssen möglicherweise auch anderswo einstecken. In Genf wackelt der Sitz von Anne Mahrer. Und sogar die ehemalige Nationalratspräsidentin, Maya Graf, kann nicht mit einer einfachen Wiederwahl rechnen: Die Grünen im Baselbiet haben sich zerstritten, nun treten die Grünliberalen zusammen mit den Grünen-Unabhängigen (GU) gegen Maya Graf an. Hingegen profitiert Yvonne Gilli in St.Gallen von Querelen unter den Mitteparteien. Sie wird ihren Sitz eher halten können.

ZUM SDA-VORAUSBERICHT ZU DEN EIDGENOESSISCHEN WAHLEN IM KANTON BASEL-LAND STELLEN WIR IHNEN AM DIENSTAG, 23. JUNI 2015, FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG -  Maya Graf, Nationalraetin BL, Co-Praesidentin des Initiativkomitees, an einer Medienkonferenz der Gruene Schweiz ueber die Volksinitiative

Maya Grafs Wiederwahl ist wegen parteiinternen Quereleien nicht gesichert.
Bild: KEYSTONE

Ellbogenkämpfe in der «neuen Mitte», die vor vier Jahren als Wahlsiegerin gefeiert wurde: Die Luft scheint draussen zu sein. Gerade die GLP, die 2011 über Listenverbindungen mehr Sitze erhielt, als der Wählerteil vermuten lässt, könnte nun arg verlieren. Mit dem Verlust von sechs von zwölf Sitzen ist sogar dann zu rechnen, wenn die GLP in den Wahlen weniger verliert, als vorhergesagt wird. Der Thurgauer Thomas Böhni, der Bündner Josias Gasser, der Luzerner Roland Fischer und die St.Gallerin Margrit Kessler sitzen auf wackligen Stühlen und gehen zum Teil selbst davon aus, dass es für eine Wiederwahl heuer nicht mehr reichen wird. Einzelne wie Kessler und Fischer haben sich zwar in ihren Themen profilieren können. Doch den GLP-Kandidaten fehlen aussichtsreiche Listenverbindungen. So ist ebenfalls unklar, ob die Grünliberalen in Bern ihre zwei und in Zürich ihre vier Sitze halten können.

Bern, 15.6.2015, Nationalraetin Tiana Angelina Moser, GLP-ZH, Nationalrat Roland Fischer, GLP-LU und Isabelle Chevalley, GLP-VD, unterhalten sich waehrend der Debatte in der Grossen Kammer. (Monika Flueckiger/EQ Images)

Roland Fischer, GLP, könnte seinen Sitz verlieren.
Bild: EQ Images

Die BDP hatte in den Wahlen 2011 weniger Glück als die GLP – was Restmandate angeht. Insofern sind die Wahlaussichten in der Theorie besser. Bloss treten ausserhalb des Kantons Bern viele Neulinge oder Nonames an. Dem Aargauer Bernhard Guhl kommt womöglich der zusätzliche Nationalratssitz entgegen, welchen der Kanton wegen des Bevölkerungswachstums erhält. Den gibt es in Zürich zwar auch, aber die beiden BDP-Politiker Rosmarie Quadranti und Rudolf Winkler fliegen unter dem Radar der Öffentlichkeit. Ein Coup könnte hingegen im Kanton Waadt gelingen. Dort tritt die Marche-Blanche-Gründerin Christine Bussat (Pädophilen-Initiative) für die Partei an – mit intakten Wahlchancen.

Rosmarie Quadranti, Fraktionspraesidentin BDP, spricht waehrend einer Medienkonferenz der BDP ueber das Generationenprojekt, am Freitag, 4. September 2015 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Reicht es für Rosmarie Quadranti, BDP?
Bild: KEYSTONE

Schliesslich die CVP, die laut Wahlbarometer noch 11,1 Prozent der Stimmen holen würde. Ein Tiefpunkt, der sich aber nicht zwingend auf die Sitzzahl niederschlagen muss. In der Westschweiz und im Wallis ist die Partei gut aufgestellt. Der Basler Nationalrat Markus Lehmann hat sich mit der BDP, GLP und EVP verbunden und schätzt seine Chancen als intakt ein. Seine Baselbieter Kollegin Elisabeth Schneider-Schneiter hat ebenfalls gerechnet und weiss, dass es knapp wird: Wegen ungünstiger Listenverbindungen könnte es entweder sie selbst oder Maya Graf treffen – der Sitz würde dann wohl zur SVP abwandern.

So wählst du richtig

Nationalrat

Ständerat

Der Verein Politools lässt dich deine politischen Einstellungen auf der Wahlplattform Smartvote mit denjenigen der kandidierenden Politiker vergleichen. Es empfiehlt sich, nicht Kandidaten mit der grössten Übereinstimmung zu wählen, sondern solche mit grosser Übereinstimmung und intakten Wahlchancen.

3. Die interne Konkurrenz

Die Parteien stellen zuweilen auch eigenen Kandidaten Hindernisse in den Weg. So muss die profilierte jurassische CVP-Ständerätin Anne Seydoux mit einer Abwahl rechnen. Die Kantonalsektion Jura nominierte jüngst einen zweiten Kandidaten: Pierre Kohler. Dem umtriebigen Alt-National- und Stadtrat von Delémont wird nachgesagt, er habe noch nie eine Wahl verloren. Und da neben Seydoux auch der aktuelle Ständeratspräsident Claude Hêche (SP) sich zur Wiederwahl stellt, gefährdet Kohler hauptsächlich den Sitz seiner Parteikollegin. Dass Hêche vom Thron gestürzt werden kann, ist unwahrscheinlich.

La  conseillere aux Etats sortante Anne Seydoux, lors du congres du PDC CVP parti democrate chretien du Jura, ce vendredii 19 juin 2015 a Fontenais JU. (KEYSTONE/Sandro Campardo)

Für Anne Seydoux, CVP, könnte es knapp werden.
Bild: KEYSTONE

Eine andere Konstellation findet sich im Kanton Waadt, wo der 84-jährige CVP-Nationalrat Jacques Neyrinck erneut kandidiert. Die CVP hat ihn aber auf die Seniorenliste abgeschoben, was seine Chancen enorm schmälert. Das Ziel der CVP: Der ehemalige Post-Chef Claude Béglé soll (endlich) nachrücken.

Der parteiinterne Kampf gegen Sesselkleber ist auch in anderen Kantonen zu beobachten. In Zürich hat die SVP Toni Bortoluzzi und Max Binder von einem Rücktritt überzeugen können. Nicht überall gelingt das. Ältere sind kaum bereit, den Jüngeren Platz zu machen. So laufen sie Gefahr, am Ende im Wahlkampf zu unterliegen.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
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    Alle Leser-Kommentare
  • Angelo C. 10.09.2015 11:21
    Highlight Highlight Gute Analyse, wobei davon auszugehen ist, dass sich noch zahlreiche andere Herrschaften im Zitterclub befinden 😉!
  • Lumpirr01 10.09.2015 09:26
    Highlight Highlight Gratulation! Super Analyse und fein säuberlich recherchiert! Die genannten Wackelkandidaten habe ich trotz grossem Interesse für die CH - Politik in den vergangenen 4 Jahren kaum wahrgenommen..........
    • Velowerfer 10.09.2015 11:29
      Highlight Highlight Ich kann mich dem Lob für die Recherche nur anschliessen. Doch bin ich vorsichtig, Politiker anhand meiner subjektiven Wahrnehmung zu beurteilen. Zum Beispiel frage ich mich wann die Politiker, welche ein Dauerabo in Talkshows haben, ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen. Daher muss ich mich immer vor den Wahlen über die einzelnen Personen und ihre Arbeit informieren.
    • poga 10.09.2015 12:06
      Highlight Highlight Sind den Auftritte in der Öffentlichkeit nicht auch ein Teil der Arbeit? Mir fehlt in dieser Aufzählung noch Paul Rechsteiner der die Ständeratswahl eher gewonnen hat weil Toni Brunner schlicht nicht wählbar ist.

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