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Darum wurde der Entführungsalarm für Svenja nicht aktiviert

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Bild: Polizei Zug
Fahndung mit Facebook & Co.

Darum wurde der Entführungsalarm für Svenja nicht aktiviert

Im Fall der «vermissten» Svenja hatte die Polizei die Fahndung nach dem Mädchen öffentlich ausgeschrieben. Die Mutter hatte eingewilligt, obwohl die Tochter sich in ihrer Obhut befand. Vom Entführungsalarm sah die Polizei von vornherein ab.
02.04.2014, 18:2815.07.2014, 13:29
Daria Wild
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Nicht abgehauen, nicht entführt, sondern versteckt: Die 11-jährige Svenja befand sich fast zwei Tage bei ihrer Mutter, später in der Wohnung eines Nachbarn. Der Vermisstenfall war inszeniert. Selbst als die Polizei der Mutter einen Besuch abstattete, sagte die Frau, sie wisse nicht, wo sich Svenja befinde. 

Die Polizei ahnte nichts. Deshalb begann sie, nach der Minderjährigen zu fahnden. Einsatzkräfte suchten nach dem Mädchen. Mit Helikoptern, Hunden – und mit Hilfe der Bevölkerung. Die Polizei veröffentlichte ein Foto des Mädchens, die Vermisstmeldung wurde über Facebook und Twitter verbreitet – alles im Wissen der Mutter, dass ihr Kind in Sicherheit war.

«Wir haben Svenjas Mutter gefragt, sie gab ihr Einverständnis», sagt Marcel Schlatter, Sprecher der Zuger Kantonspolizei gegenüber watson. «Öffentlichkeitsfahndungen kommen nur sehr selten vor. In den meisten Fällen tauchen vermisste Personen schnell wieder auf», ergänzt Schlatter. Soll die Fahndung ausgeschrieben werden, müssen die Angehörigen ausdrücklich damit einverstanden sein. So war es auch im Fall Svenja.

Der Ylenia-Alarm

Ylenia wurde 2007 entführt und später tot in einem Wald gefunden.
Ylenia wurde 2007 entführt und später tot in einem Wald gefunden.Bild: KAPO APPENZELL IR

Nur eine Massnahme stand von Anfang an ausser Frage: Die Aktivierung des nationalen Entführungsalarmsystems. Der Dienst geht auf den Fall Ylenia zurück, der die Schweiz 2007 in Atem hielt. Das Mädchen war in Appenzell entführt worden und wurde Wochen später tot im Wald gefunden.

Der Bund reagierte damals auf den Ruf nach einem Schnellalarmystem, wie es auch in Frankreich und anderen Ländern existiert: Vermisstmeldungen sollen über Radio und Fernsehen, SMS-Alarm, Autobahnanzeigetafeln, Durchsagen in Bahnhöfen, Flughäfen und Einkaufszentren sowie über Presseagenturen und Onlinemedien verbreitet werden. Ausgelöst wurde der Alarm in der Schweiz aber noch nie. 

Damit er ausgelöst wird, müssen folgende Vorgaben erfüllt sein:

  • Es muss die Gewissheit oder ein konkreter Verdacht bestehen, dass eine minderjährige Person entführt wurde.
  • Es muss dabei zudem angenommen werden, dass die entführte Person ernsthaft «in ihrer physischen, sexuellen oder psychischen Integrität gefährdet ist».
  • Es müssen genügend gesicherte Informationen vorliegen, dass der Alarm die Täterschaft oder das Opfer erfolgreich lokalisieren kann.

«Der nationale Entführungsalarm stand nie zur Debatte», sagt Polizeisprecher Schlatter zum Fall Svenja. «Dazu hätte jemand beobachten müssen, wie Svenja beispielsweise in ein Auto gezerrt wird.» Ausserdem sei die Vermisstmeldung auch nicht umgehend bei der Polizei eingegangen, sondern erst fünf Stunden nach dem Verschwinden des Mädchens.

Twitter und Facebook statt schweizweiter Alarm

Wie so oft wenn Personen verschwinden wurde dagegen auch im Fall Svenja das Mobilisierungspotenzial von Social-Media-Kanälen wie Facebook und Twitter genutzt. Die Vorteile: Die Meldungen verbreiten sich schnell, die Internetgemeinschaft wird auf das Thema sensibilisiert. Die Wahrscheinlichkeit, Hinweise aus der Bevölkerung zu erhalten, steigt.

Doch für die Polizei bringt die Öffentlichkeitsfahndung nicht nur Vorteile. «Wir müssen Hinweise auf Facebook in die Ermittlungen einbeziehen. Das bindet natürlich Ressourcen», sagt Marcel Schlatter. Und hilfreich seien die Hinweise selten. Als vor einem Jahr im Kanton Zug eine 20-jährige Studentin verschwand, priesen Scharlatane und Wunderheiler ihre Fähigkeiten und boten ihre Dienste an – nicht bei der Polizei, sondern über Facebook.

«In der Folge übte die Internetgemeinschaft Druck auf uns aus und forderte, solche Leute zu Rate zu ziehen», so Schlatter. 22'000 Interaktionen hätten zum Fall der vermissten Olivia O. stattgefunden. «Vor allem Spam», so Schlatter. Bei Svenja hätte sich die Verbreitung durch die sozialen Medien noch in Grenzen gehalten. Doch das Internet vergisst nicht. Auch wenn die Meldungen irgendwann verschwinden, wird man bei gezieltem Suchen für immer auf die Fahndungsmeldung von Svenja stossen. 

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