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Schweiz
Bundesrat

Wird Baume-Schneider zum Ueli Maurer der Linken?

Die neugewaehlten Mitglieder des Bundesrats, Albert Roesti, links, und Elisabeth Baume-Schneider, 4. von links, werden von den zuruecktretenden Simonetta Sommaruga und Ueli Maurer, sowie von Bundesrat ...
Elisabeth Baume-Schneider wird nach der Ersatzwahl von Ueli Maurer begrüsst.Bild: keystone

Bodenständig, eigenwillig, authentisch: Wird Baume-Schneider zum Ueli Maurer der Linken?

Mit der Jurassierin wählte das Parlament eine Politikerin der neuen Generation, obwohl sie 58 Jahre alt ist. Sie hört zu, holt die Meinungen Beteiligter ab. Und sie soll das Klima in der Regierung verbessern.
10.12.2022, 07:1410.12.2022, 07:22
Othmar von Matt / ch media

Die Vereidigung von Elisabeth Baume-Schneider verlief alles andere als reibungslos. Missgeschick eins: Albert Rösti hob die Hand zu früh zum Eid. Baume-Schneider zog ihm den Arm blitzschnell nach unten.

The new Federal Councillors Albert Roesti, center, and Elisabeth Baume-Schneider, left, are sworn in following the election of replacements to the Federal Council by the United Federal Assembly in Ber ...
Elisabeth Baume-Schneider (SP) und Albert Rösti (SVP) bei der Vereidigung.Bild: keystone

Missgeschick zwei: Für ihre Rede hielt Baume-Schneider ein unvollständiges Manuskript in den Händen - es fehlte die Passage auf Italienisch und Romanisch. Sie hatte die letzte Skriptfassung nicht erhalten.

«Ich sollte hier zwei weitere Sätze haben: einen schönen für das Tessin und einen schönen für den Kanton Graubünden», sagte die Jurassierin - und versprach: «Das nächste Mal mache ich es besser.» Sie wandelte den Patzer zu ihrem Vorteil um - und erntete Heiterkeit.

Was sagen die Episoden über die neu gewählte Bundesrätin? Elisabeth Baume-Schneider steht für Teamwork und Authentizität. Mit ihr hat die Bundesversammlung eine Politikerin der neuen Generation in den Bundesrat gewählt. «Sie tritt so auf, wie es die Politik von morgen verlangt», sagt SP-Nationalrat Samuel Bendahan. Er lehrt an der Uni Lausanne Wirtschaftswissenschaften.

Das erstaunt. Baume-Schneider wird am 24. Dezember 59 Jahre alt. «Sie ist jung geblieben im Geist, kennt die modernen Management-Methoden», sagt Bendahan. «Sie ist kompetent, emotional und aufrichtig.» Sie höre zu, hole die Meinungen Beteiligter ab, wisse, dass man als Team besser aufgestellt sei, entscheide trotzdem, verwalte nicht nur.

Mit diesem Auftritt grenzt sich die neue Generation von der alten Garde ab. Deren Vertreter sind meist männlich, ergraut, sie geben sich stark, ändern ihre Meinung selten. Bendahan und Baume-Schneider haben als SP-Vizepräsidenten eng zusammengearbeitet. «Sie widerlegt das Vorurteil, Frauen in der Politik seien entweder kompetent oder sympathisch», sagt er. «Sie ist beides.»

Elisabeth Baume-Schneider hat eine strenge Seite

Man darf sich aber vom jovialen Auftritt der Jurassierin nicht täuschen lassen. Geht es um die Arbeit, hat sie eine strenge Seite. Sie ist gut vorbereitet, gut strukturiert, kennt die Dossiers. Das habe sich in 13 Jahren als Regierungsrätin gezeigt, heisst es im Jura. Auch Mitglieder der Umweltkommission (Urek) des Ständerats bestätigen das.

Baume-Schneider habe das schwierige Jahr als Präsidentin der Urek mit Mantelerlass, Schutzschirm für Energiekonzerne und dringlichem Bundesgesetz für Solar-Grossanlagen «souverän gemeistert», sagt Mitte-Ständerat Othmar Reichmuth. «Auch ihr Humor blitzte immer wieder auf.»

Passt ihr etwas nicht, kann sie aber unangenehm werden. In der Urek forderte sie ab und zu Disziplin ein und setzte Ruhe durch, bestätigt Reichmuth. Aus dem Jura ist zu hören, sie sei Mitarbeitern gegenüber teilweise hart und autoritär aufgetreten, habe nicht immer den richtigen Ton gefunden.

Die Jurassierin will sich nicht verbiegen lassen

Dass sie sich nicht verbiegen lassen will, demonstrierte sie an ihrer Medienkonferenz als neu gewähltes Regierungsmitglied. Ob sie als Bundesrätin auch so offen kommunizieren werde wie bisher, wurde sie gefragt. Bestimmt werde Bundesratssprecher André Simonazzi sie ändern wollen, konterte sie. «Doch ich werde alles tun, um zu bleiben, wer ich bin.»

Die neu gewaehlte Bundesraetin Elisabeth Baume-Schneider, trifft sich auf dem Bundesplatz mit ihren Jurassische Anhaengerinnen und Anhaengern, nach der Ersatzwahl in den Bundesrat durch die Vereinigte ...
Baume-Schneider trifft sich auf dem Bundesplatz mit ihren Jurassische Anhängerinnen und Anhängern.Bild: keystone

Es ist die Authentizität und Liebe zu den Menschen, die sie zu einer zweiten Doris Leuthard werden lassen könnten. Andere sehen in ihr den «Ueli Maurer der Linken», weil sie sich nicht verbiegen lassen will. Allerdings dürfte sie die Schweiz weniger spalten, als es Maurer phasenweise tat.

SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer und Co-Präsident Cédric Wermuth loben ihre «zupackende und bodenständige Art». Damit komme sie gut an bei den Menschen. Meyer und Wermuth: «Sie entspricht so gar nicht dem Klischee einer typischen Politikerin. Sie behandelt alle Menschen gleich. Das macht sie so sympathisch.»

Was kann sie im Amt erreichen? Sie dürfte mit Albert Rösti Zusammenarbeit und Atmosphäre im Bundesrat verbessern, glaubt FDP-Nationalrat Olivier Feller, der sie unterstützt hat. «Dann ist schon viel erreicht.» Baume-Schneiders jurassischer Mitstreiter Pierre-Alain Fridez denkt, dass sie die Schweiz «solidarischer und gerechter macht».

Gut eineinhalb Stunden nach der Vereidigung verlässt Baume-Schneider das Bundeshaus, je einen Schweiz- und Jura-Sticker am Revers. Sie wird von einem Meer von jurassischen Fahnen empfangen, schnappt sich eine Fahne, stimmt «La Rauracienne» an, die Hymne des Jura.

«Vereinigt euch, Söhne Raurakiens, und reicht einander die Hände», heisst es darin. Und: «Wenn der Feind unserer Unabhängigkeit / Sein Gesetz in unseren Tälern erzwingen will, / Dann soll ein jeder zum Kampf hervorspringen / Und die Verzagung beiseite schleudern. / Eines freien Volkes im Schosse Helvetiens / Zeigt uns unsere Vergangenheit den Weg.»

«Kämpfen müssen wir Jurassier nicht mehr», sagt Baume-Schneider an der Medienkonferenz. «Wir sind dabei - und wir arbeiten für die ganze und mit der ganzen Schweiz.»

Noch etwas ist ihr wichtig. «Sono molte felice di poter participare a costruire la Svizzera di domani» (Ich bin glücklich, die Schweiz der Zukunft mitbauen zu dürfen), sagt sie auf Italienisch. Und lächelt spitzbübisch: «Ich habe mich verbessert, nicht wahr?» (bzbasel.ch)

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Baume-schneider nimmt die Wahl an

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33 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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R10
10.12.2022 08:02registriert Juli 2016
Sympathische Frau. Weshalb sie nun mit einem notorischen Provokateur und Zündler wie dem Ueli verglichen wird, verstehe ich nicht. Ich wünsche ihr alles Gute und viel Freude in ihrem Amt.
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Macrönli
10.12.2022 08:30registriert April 2018
Bin ich die einzige, die sich nervt an solchen Artikeln?

Reisserisch, negativ und himmelherrgott, lasst sie doch erstmal beginnen.
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blaui-mim
10.12.2022 09:16registriert Oktober 2022
Ich freue mich auf die Amtszeit von Baume-Schneider.
Beurteilen werde ich ihre Arbeit, ihr Auftreten, wenn sie Fakten schafft.
Diese Unkerei im Vorfeld nervt. Lasst die Leute doch in ihrem neuen Arbeitsumfeld ankommen und sich einarbeiten. Dann können wir konkret kritisieren - aber auch loben ...
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