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Nach Schneider-Ammanns Lachnummer: Kommunikation ist nicht alles, aber heute braucht es sie dringend

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat es diese Woche einmal mehr aller Welt gezeigt: Er ist ein schlechter Redner. Gerade jetzt aber braucht es einen Wirtschaftsminister, der klar und konzis kommunizieren kann. Denn schon bald geht es in der Politik ans Eingemachte.

gieri cavelty



Seinen guten Ruf als Politiker hatte sich Johann Schneider-Ammann einst im wahrsten Sinne des Wortes erschwiegen. Wollte ein bürgerlicher Parlamentarier vor, sagen wir, acht Jahren, einem Vorstoss besonderes Gewicht verleihen, raunte er seinem Gesprächspartner zu: «Auch Johann Schneider-Ammann steht hinter dieser Idee.» 

Öffentlich vernehmen liess sich der Freisinnige aus dem Oberaargau in seinen elf Jahren als Nationalrat dagegen selten bis nie. Gerade einmal 14 Vorstösse hatte er überhaupt je eingereicht, an den Kommissions- wie Fraktionssitzungen fehlte er regelmässig. Sprach ihn ein Journalist auf dieses oder jenes Thema an, so hob Schneider-Ammann die Augenbrauen, lächelte wissend – und ging des Wegs. Denn vielbeschäftigt war er natürlich auch.

Schneider-Ammanns Rede geriet zum kommunikationspolitischen Fiasko

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Bereits legendär: Die Ansprache zum Tag der Kranken. Auf französisch.
YouTube/ConvivaPlus.ch

Schneider-Ammanns Autorität als Nationalrat beruhte zunächst einmal auf seinem bemerkenswerten Erfolg als Unternehmer. Mitte der Achtzigerjahre hatte der Ingenieur vom Schwiegervater den Chefposten des Strassenbaumaschinen-Herstellers Ammann übernommen, unter seiner Leitung wuchs die Firma zum Weltkonzern.

Zu einer Schlüsselfigur der Wirtschaftspolitik wurde der Patron aus der ehrlichen Welt der Realindustrie in den Tagen der Finanzkrise, als die Vertreter des Bankenplatzes mit einem Mal als arglose bis arglistige Schwätzer dastanden. Aber erst sein Sich-Rar-Machen in der Öffentlichkeit verschaffte ihm den Status einer Grauen Eminenz, des geheimnisvollen Gurus unter der Bundeshauskuppel.

Freilich gab es damals schon Leute, die wussten, dass hier jemand aus der Not eine Tugend machte. Wer eng mit Schneider-Ammann zu schaffen hatte, kannte dessen Defizite als Kommunikator, wusste von dessen Unvermögen, aus dem Stegreif verständliche Sätze ohne Ächzen und Stöhnen zu formulieren. Nicht zuletzt darum wurde Schneider-Ammann als Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse verhindert. Stattdessen wurde er Bundesrat.

Alles in allem ist die Geschichte dieses Politikers eine wunderbare Neuinterpretation der alten Fabel vom Fuchs, dem Raben auf dem hohen Ast und dem Käsestück. Letzteres befindet sich im Schnabel des Vogels, Meister Reineke aber schwärmt so lange von der Schönheit des Raben und preist dann gleichfalls dessen Stimme – bis das Federvieh in einem Anflug von Eitelkeit den Schnabel öffnet und hässlich krächzt. Der Käse fällt zu Boden, der Fuchs stibitzt ihn.

Auch Schneider-Ammann konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat 2010 vom Dunkel der Hinterzimmer ins Licht des Exekutivamts. Seither sollte er regelmässig vor die Öffentlichkeit treten und sagen, wo’s langgeht. Bloss wird er inzwischen eben wegen seiner Auftritte von bedenklich breiten Kreisen vielleicht weniger als krächzender Rabe, denn als tapsiger Tanzbär wahrgenommen. Jedenfalls ist der famose Auf- respektive Fehltritt zum Tag der Kranken nur die letzte Episode in einer langen Serie von Kommunikationspannen.

Den Wirtschaftsliberalen eine verständliche Stimme

Johann Schneider-Ammann hat als Wirtschaftsminister sehr grosse Verdienste. Man denke an das Freihandelsabkommen mit China, sein Engagement für die Berufsbildung, den Werkplatz Schweiz. Er ist ein seriöser Verteidiger unseres Wohlstandes. Bloss steht uns im kommenden Jahr eine entscheidende Volksabstimmung ins Haus. Im Nachgang zum Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative müssen wir 2017 in irgendeiner Form über unser Verhältnis zur EU als unserem wichtigsten Wirtschaftspartner befinden. Konkret könnte es bis auf die Frage hinauslaufen: bilaterale Beziehungen oder Isolation? Jetzt braucht es einen Wirtschaftsminister, der beherzt agiert, Botschaften konzise vermittelt und deutlich macht, worum es geht.

Ein solcher Magistrat ist umso mehr gefragt, weil der FDP als einer Hauptstütze des bilateralen Wegs eine weitere kommunikative Schwächung droht: Parteichef Philipp Müller, ein in der Wolle gefärbter Kommunikator, wird durch Petra Gössi ersetzt. Die Schwyzerin mag viele Vorzüge haben, als schlagfertige Rednerin ist sie noch nicht aufgefallen.

Zudem sind die übrigen wirtschaftsliberalen Verfechter eines guten Einvernehmens mit Europa aktuell erschreckend einfallslos unterwegs. Der FDP-nahe Think-Tank Avenir Suisse etwa hat kürzlich ein Argumentarium für den Bilateralismus präsentiert: ein Buch mit dem flapsigen Titel «Bilateralismus – was sonst?» Als ob es sich bei den Beziehungen zur EU um ein beliebiges Konsumprodukt oder gleich nur um kalten Nespresso handeln würde.

Der Freisinn hat das nötige Personal

Immerhin, und das ist das derzeit Beruhigende: Die FDP verfügt über geeignete Leute, die Johann Schneider-Ammann nach Ablauf seines Ehrenjahres als Bundespräsident in der Regierung beerben könnten. Vor fünf Jahren etwa hatte sich neben Schneider-Ammann die heutige St.Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter als Bundesrätin beworben. Nach einem brillanten Auftritt Keller-Sutters vor der Bundeshausfraktion der SP beschlossen die Genossen dann allerdings, den weniger brillanten Schneider-Ammann zu wählen: Ihn hoffte die Linke als Bundesrat stärker unter Kontrolle zu kriegen.

Womöglich werden die Sozialdemokraten beim nächsten Mal doch lieber im Landes- statt im vermeintlichen Parteiinteresse entscheiden. – In jedem Fall würde es bei einer Bundesrätin Karin Keller-Sutter am Tag der Kranken selbst im Französischen zu keinem medialen Beinbruch kommen: Die Frau ist diplomierte Dolmetscherin.

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Der Song dazu!
YouTube/Pierre Do

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