Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
jugend verzweifelt telefon

Covid-19 verursacht mehr psychisches Leiden. Deshalb rufen momentan mehr Leute beim Sorgentelefon an. Bild: shutterstock

Mehr Fälle, mehr Angst – die Anrufe beim Sorgentelefon häufen sich

Wegen Covid-19 rufen mehr Menschen die Notrufnummer 143 an. Nach einem ersten Anrufer-Boom im März schnellen die Zahlen nun mit den steigenden Corona-Zahlen wieder in die Höhe. Es gäbe zudem mehr Suizid-Gefährdete, warnt ein Seelsorger.



Immer mehr Leute greifen zum Hörer und rufen wegen Corona das Sorgentelefon an. Das zeigt eine Studie über die Nutzung von Helplines. Sie hält fest, dass bereits während dem Lockdown überdurchschnittlich viele Anrufe bei der Dargebotenen Hand – auch bekannt als «Tel 143» – eingingen. Nun, nachdem die Kurve im Sommer leicht abflachte, steigen die Zahlen wieder an.

Grafik Anrufe bei der Dargebotenen Hand, 143, Corona-Ängste

Die roten Punkte beziehen sich auf die täglichen Anrufe bei der Dargebotenen Hand im Jahr 2020, die grauen im Jahr 2019. Bild: twitter.com/Marius Brulhart

Der Studien- und Grafik-Autor Marius Brülhart schliesst daraus, dass Covid-19 und dessen Bekämpfung mehr psychisches Leiden verursacht.

Menschlicher Kontakt fehlt

Das bestätigt auch Marco Hofstetter. Er arbeitet bei der Dargebotenen Hand in der Geschäftsleitung der Regionalstelle Winterthur, Schaffhausen, Frauenfeld. «Die bedrohliche Situation durch Corona macht den Menschen schwer zu schaffen und erschwert ihren Alltag», so Hofstetter.

Die Anrufenden suchen bei der Dargebotenen Hand besonders etwas: menschlichen Kontakt. «Durch Covid-19 sind wir isolierter», sagt Hofstetter. «Das führt zu Krisen bis hin zu Suizidgedanken.»

Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

«Es fällt auf, dass Gespräche mit akut suizidalen Menschen im Vergleich zu 2019 zugenommen haben», so Hofstetter. Er nimmt an, dass die angespannte Situation besonders bei psychisch instabilen Personen dazu führe, dass sie keinen Sinn mehr verspürten, weiterzuleben.

«Wir beruhigen Leute und lindern ihre Angst», sagt Hofstetter. Es gehe um eine möglichst niederschwellige Anlaufstelle und um das offene Ohr. «Wo können Sie sonst morgens um 3 Uhr anrufen, wenn Sie vor lauter Sorgen nicht schlafen können?»

Am Rand der Kapazität

Zurzeit arbeiten 47 Festangestellte und rund 670 Freiwillige für die Dargebotene Hand, sagt Sabine Basler. Die Geschäftsführerin des Verbands sieht der Entwicklung mit Besorgnis zu. «Im Moment schaffen wir es, die Anrufe zu bewältigen, aber wir überlegen uns jetzt schon: Was machen wir, wenn es wieder deutlich mehr gibt?»

Im April erhöhte der Verband die Schichten um Rund 300 Stunden pro Woche, wie er im April mitteilte. Die meisten Anrufe drehten sich um die Themen Alltagsbewältigung und psychisches Leiden. Die Sorgen um eine mögliche Infektion mit Covid-19 kamen an dritter Stelle.

Im Sommer flachte die Kurve wieder ab, doch seit ein paar Tagen seien die Anzahl Gespräche zum Thema Corona wieder steigend. «Die Kapazitätserhöhung könnte bald wieder ein Thema sein», so Basler.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

17 Anti-Motivationssprüche für einen verschenkten Tag

So kann man Oma trotz Corona-Lockdown besuchen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

42 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
soulpower
13.10.2020 10:38registriert March 2020
Guter und sehr nötiger Artikel. Während alle nur über mehr Massnahmen sprechen erwähnt sonst kaum jemand diese Themen, und welch psychische Probleme dies alles auslösen kann. Ein wenig wie "aus den Augen, aus dem Sinn". Da müssen Gesellschaft und Politik dringend eine Balance finden. Gut, dass es beim Sorgentelefon eine Anlaufstelle gibt.
21211
Melden
Zum Kommentar
I_am_Bruno
13.10.2020 10:42registriert July 2017
Meines Wissens sind die Betreiber der verschriebenen Hotlines (143, 147) Stiftungen, die weitgehend von Spenden abhängig sind. Daher bedeutet Kapazitätsausbau auch mehr Bedarf an Spenden. Das sollte hier vielleicht noch erwähnt werden.
1532
Melden
Zum Kommentar
Wombienator
13.10.2020 11:11registriert October 2020
Sehr guter Artikel, vielen Dank Vanessa. Man kann das Thema, wie alles, jedoch aus mehreren Blickwinkeln betrachten. Kenne Menschen welche beinahe täglich suizidale Gedanken haben sowie unter Angststörungen leiden. Der Lockdown "light" war, so erzählen sie, für sie ein Segen. Es wurde enorm Druck genommen, man durfte nicht gross raus, die sozialen Verpflichtungen haben sich geändert, vieles wurde entschleunigt,... Es gibt also auch Menschen welche sonst suizidal sind, die haben während dem Lockdown eine sehr grosse Erleichterung gespürt. Gleiche Medaille, zwei Seiten.
11116
Melden
Zum Kommentar
42

Interview

Coronavirus, Notstand, Ausgangssperre: Was macht das mit unserer Psyche?

Die Isolation führt zu Angst und psychischen Störungen. Der Ostschweizer Psychiater Gunter Grein rät, den Notstand so schnell wie möglich aufzuheben.

In der Schweiz ist eine Ausgangssperre angedroht. Was macht die Isolation mit unserer Psyche?Gunter Grein: Wenn es zu einer Ausgangssperre und der dazugehörenden Isolation kommt, kann das zu mehreren psychischen Störungen in der Bevölkerung führen. Es besteht das Risiko, dass Menschen eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Das kennzeichnet sich durch Gefühlsstörungen und Bewusstseinsveränderungen. Auch die Selbstwahrnehmung und jene der Umwelt kann beeinträchtigt …

Artikel lesen
Link zum Artikel