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Szenen wie aus Kriegsgebieten: 2500 Bedürftige standen in Genf stundenlang an, um einen Sack mit Gratis-Nahrungsmitteln zu ergattern.
Szenen wie aus Kriegsgebieten: 2500 Bedürftige standen in Genf stundenlang an, um einen Sack mit Gratis-Nahrungsmitteln zu ergattern. screenshot: rts

Stundenlang anstehen für Gratis-Essen: «Nie gedacht, so etwas in der Schweiz zu erleben»

Es sind Bilder, die wir sonst nur aus Kriegsgebieten kennen: In Genf stehen 2500 Menschen stundenlang an, um einen Sack mit Nahrungsmitteln zu ergattern. Auch in Zürich verteilen Helfer tausende Essensrationen an mittellose Menschen. Wegen der Corona-Krise spitzt sich die Situation besonders für die Sans-Papiers zu.
04.05.2020, 19:0305.05.2020, 18:53

Kaum zu glauben: In der reichen Schweiz müssen wegen der Coronakrise tausende Menschen über einen Kilometer lang anstehen, um eine Tasche mit Grundnahrungsmitteln wie Pasta, Reis, Dosen-Thunfisch und Öl zu ergattern (Warenwert: 20 Franken).

So passiert am Samstag in Genf. 2500 Bedürftige – die meisten davon Sans-Papiers und Migranten – strömten zur Nahrungsmittel-Abgabe in der Eishalle Vernets – mehr als doppelt so viele wie in der Woche zuvor. «Wir sind uns solche Bilder aus Kriegsgebieten gewohnt. Aber ich hätte nie gedacht, so etwas eines Tages in Genf zu erleben», sagt eine Mitarbeiterin von «Ärzte ohne Grenzen» zum Westschweizer Fernsehen RTS.

Die Schlange ist über einen Kilometer lang: In Genf stehen Bedürftige drei Stunden für einen Sack mit Grundnahrungsmitteln an.
Die Schlange ist über einen Kilometer lang: In Genf stehen Bedürftige drei Stunden für einen Sack mit Grundnahrungsmitteln an. screenshot: rts

Die Coronakrise trifft Sans-Papiers ins Mark: Von einem Tag auf den anderen haben tausende sowieso schlecht bezahlte Arbeitende ihre Jobs als Küchenhilfe oder Hausangestellte verloren. Sie haben meist keine Ersparnisse. Und fallen als Illegale nun durch sämtliche sozialen Netze. Auch in der Deutschschweiz.

Grossandrang auch in Zürich

Beim Limmatplatz in Zürich stehen Bedürftige jeden Mittwoch hunderte Meter an, um eine Tasche mit Grundnahrungsmitteln zu erhalten. «Wir verteilen momentan 2000 Essens-Rationen pro Woche. Aber wir benötigen dringend mehr Geld und Nahrungsmittel-Spenden», sagt Amine Diare von der Autonomen Schule zu watson. Er hat die Aktion auf die Beine gestellt und inzwischen nach Aarau, Bern und Freiburg ausgeweitet. Die Glückskette unterstützt das Projekt mit 25'000 Franken.

Die Autonome Schule verteilt jede Woche 2000 Essens-Säcke an Bedürftige.
Die Autonome Schule verteilt jede Woche 2000 Essens-Säcke an Bedürftige. bild. Zvg
«Viele Sans-Papiers haben schlicht kein Geld mehr, haben kaum noch Essen.»
Bea Schwager

Die Coronakrise trifft auch bei uns die Ärmsten am härtesten. Die Hotline bei der Sans-Papiers-Anlaufstelle (SPAZ) in Zürich läuft dementsprechend heiss. «Die Not ist gross. Viele Betroffene haben schlicht kein Geld mehr und können die Miete nicht mehr bezahlen und sich kaum noch Essen kaufen», sagt Bea Schwager der SPAZ. Inzwischen unterstütze man hunderte Betroffene aus über 230 Haushalten, etwa mit einem Zustupf an die Miete oder die Krankenkassenprämien. «Viele Bedürftige mussten wir leider abweisen. Wir haben schlicht nicht genug Kapazitäten», so Schwager weiter. Man empfehle diesen Menschen direkt die Essensabgabestellen aufzusuchen.

Nudeln, Kartoffeln, Mehl: Der Inhalt des Essens-Pakets der Autonomen Schule Zürich.
Nudeln, Kartoffeln, Mehl: Der Inhalt des Essens-Pakets der Autonomen Schule Zürich. bild. zvg

Schätzungen zufolge leben alleine in der Stadt Zürich über 10'000 Papierlose. Viele arbeiten als Putzhilfe oder in der Kinderbetreuung. Oder eben in der Gastronomie. «Es ist völlig unklar, ob sie nach Ende des Lockdowns ihre Jobs wieder erhalten. Das ist ein weiteres Problem», so Schwager.

Die Heilsarmee verteilt in Zürich an zwei Standorten günstiges Essen an Bedürftige. An der Ankerstrasse kamen noch im März 50 Leute über den Mittag, jetzt sind es gegen 200. «Die Menschen haben zunehmend Probleme, sich Essen zu besorgen. Der Bedarf nach Nahrungsmitteln ist gross», sagt Heilsarmee-Sprecher Philippe Steiner zu watson.

«Ganze Familien leben von den Nahrungsmittel-Taschen. Die Menschen in Genf sind am Ende ihrer Kräfte.»
Caravane de Solidarité

Die Heilsarmee ist auch in Genf aktiv. «Die Stadt hat schon länger ein Problem mit den vielen Obdachlosen. Das spitzt sich jetzt wegen Corona massiv zu.» Die Heilsarmee habe darum notfallmässig Bedürftige wie Roma in einem kleinen Hotel einquartiert. «Die Notschlafstellen sind alle völlig überlastet.»

In der Rhonestadt organisiert die Nahrungsmittel-Abgabe der Verein «La caravane de solidarité». Ein Mitarbeiter schlägt Alarm: «Ganze Familien leben von den Nahrungsmittel-Taschen. Die Menschen haben einige Wochen durchgehalten. Jetzt sind sie aber am Ende ihrer Kräfte und brauchen Hilfe.»

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171 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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henkos
04.05.2020 19:17registriert August 2016
Nur weil man es nicht sieht (nicht sehen will), heisst es nicht, dass es nicht da ist. Das gilt für vieles in der Schweiz.
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Irene Adler
04.05.2020 19:28registriert Mai 2020
Ohne darüber zu diskutieren, ob man die Sans-Papiers jetzt helfen soll, hätte ich eine Frage: wieso sind so viele hier? Wie können sie überhaupt hier sein? Wo wohnen sie eigentlich? Diese Fragen meine ich nicht moralisch, sondern rein technisch und rechtlich... also wie ist das möglich?

Ich bin auch Ausländerin (mit B-Bewilligung), aber z.B. als ich den Mietvertrag für die Wohnung unterschrieben habe, hat sich der Vermieter meine Papiere angesehen. Welcher Vermieter macht das nicht (und warum)?
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Saul_Goodman
05.05.2020 09:22registriert Dezember 2015
Die schweiz ist kein reiches land sondern das land der reichen!

Was für ein kleiner aber gewaltiger unterschied!!!!
20133
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