DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die Triage-Zone Rettungsdienst auf dem Notfall des Universitätsspitals Zürich.
Die Triage-Zone Rettungsdienst auf dem Notfall des Universitätsspitals Zürich.Bild: keystone

«Wir sollten keine Angst haben, bei einer Triage den Kürzeren zu ziehen»

Bei einer Corona-Triage könnten sie das Nachsehen haben, befürchten Menschen mit einer Behinderung. Die Organisation Tatkraft fordert nun mehr Schutz. Bei Ärzten kommt das nicht gut an.
31.12.2021, 19:1831.12.2021, 20:30

«In der Schweiz fehlen rechtliche Grundlagen für Triage-Entscheidungen. Damit ist nicht sichergestellt, dass Menschen mit Behinderung in den überfüllten Spitälern nicht diskriminiert werden», schreibt Islam Alijaj auf Twitter. Der Präsident der Behindertenorganisation namens «Tatkraft» will das nun ändern. Zusammen mit anderen betroffenen Menschen und deren Angehörigen richtet er einen offenen Brief an den Bundesrat: Ein Gesetz soll Abhilfe schaffen.

Heute sind in der Schweiz die Richtlinien «Triage in der Intensivmedizin bei ausserordentlicher Ressourcenknappheit» massgebend. Sie sind eine Hilfestellung, wonach Patientinnen und Patienten im Triage-Fall priorisiert behandelt werden sollen. Herausgegeben hat sie die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW).

«Es kann den Tod bedeuten, wenn die Überlebenschancen aufgrund der Behinderung falsch eingeschätzt werden.»
Islam Alijaj, Präsident Verein Tatkraft

Diese «Empfehlungen» seien nicht genug verbindlich, findet Alijaj. «Wir sind dem Goodwill der Ärzt:innen ausgesetzt, ob sie uns Menschen mit Behinderungen in der Triage-Situation die lebensnotwendige Unterstützung bieten», so der Handicap-Lobbyist. «Es kann den Tod bedeuten, wenn die Überlebenschancen aufgrund der Behinderung falsch eingeschätzt werden.»

Was ist eine Triage?
Mit Triage ist der Extremfall gemeint, in dem die Intensivmedizinerinnen und -mediziner entscheiden müssen, wen sie retten und wen nicht. Das kann passieren, weil beispielsweise zu viele schwerstkranke Corona-Patienten in die Spitäler kommen, sodass es nicht genug Intensivbetten gibt.

Persönlich musste Alijaj während der Corona-Pandemie nicht ins Spital. Allerdings gäbe es viele, die das regelmässig tun müssten. «Niemand sollte Angst haben, bei einer Triage-Situation den Kürzeren ziehen zu müssen, nur weil er behindert ist.»

Humbel will Diskussion

Die Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel versteht das Anliegen. «Man soll aufgrund einer Behinderung nicht einer Triage zum Opfer fallen», so die Mitte-Nationalrätin, die im Jahr 2021 der gesundheitspolitischen Kommission der grossen Kammer präsidiert hat.

Ob ein Gesetz notwendig ist, um Betroffene vor einer Diskriminierung zu schützen, will Humbel jedoch offen lassen. «Es ist schwierig, in solchen Belangen eine gesetzliche Grundlage zu schaffen.» Allerdings sei eine politische und gesellschaftliche Diskussion über das Thema Corona-Triage bitter nötig. «Es kann nicht sein, dass Ungeimpfte bei der Triage gegenüber Krebs-Patienten oder Menschen mit Behinderung bevorzugt behandelt werden», so Humbel.

Triage wird mit Omikron ernst

Das Anliegen von Alijaj ist brisant: Die wissenschaftliche Taskforce des Bundes befürchtet in den kommenden Wochen volle Intensivstationen. Man erwarte demnächst um die 20'000 Coronavirus-Ansteckungen pro Tag, erklärte Taskforce-Chefin Tanja Stadler am Dienstag vor den Medien in Bern. In Luzern bereiten sich die Spitäler bereits auf den Notfall vor.

Zurzeit sorgt das Triage-Thema auch in Deutschland für Aufregung. Am Dienstag hat nämlich das Bundesverfassungsgericht den Bundestag dazu verdonnert, ein Gesetz zum Schutz von Behinderten auszuarbeiten. Es hat damit der Beschwerde von Menschen mit Behinderung stattgegeben, die mit den gleichen Gründen argumentiert haben, wie es Islam Alijaj und seine Organisation jetzt in der Schweiz tun.

«Wir wollen nicht, dass der Richter mit am Bett des Patienten sitzt.»
Uwe Janssens, deutscher Intensivmediziner

Dagegen hat sich Kritik erhoben. Der deutsche Intensivmediziner Uwe Janssens sagte gegenüber dem «Deutschlandfunk»: «Wir wollen nicht, dass der Richter mit am Bett des Patienten sitzt».

Janssens ist der ehemalige Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) – dem Äquivalent in Deutschland zur SAMW. Er befürchtet hinter den Sorgen der behinderten Menschen ein Missverständnis der Triage-Richtlinien. «Unsere höchste Prämisse in der Medizin ist die Gleichbehandlung. Der Fakt, ob jemand auf einem Rollstuhl oder auf andere Art behindert ist, spiele keine Rolle», so Janssens.

«Kein Gesetz der Welt kann abbilden, was sich an einem Krankenbett abspielt.»
Uwe Janssens

Weiter betont der Mediziner die Grenzen der Rechtsetzung. «Kein Gesetz der Welt kann abbilden, was sich an einem Krankenbett abspielt.» Dem Behandlungsteam müsse das Vertrauen entgegengebracht werden, dass es Befunde zusammenführt und daraus eine klinische Erfolgsaussicht ableitet.

Ein Gesinnungswechsel?

Interessant bei dieser Thematik dürfte sein, dass in der Schweiz bereits ein entsprechender politischer Vorstoss gemacht wurde: Im Dezember 2020 verlangte Ständerätin Maya Graf (Grüne), dass der Bundesrat prüfen sollte, ob die bestehenden Gesetze gewährleisten, dass bei Triage-Entscheidungen Menschen nicht aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert werden. Der Bundesrat beantragte die Ablehnung des Anliegens.

Graf hätte die Angelegenheit weiterziehen können. Darauf verzichtete die Co-Präsidentin von «Inclusion Handicap» allerdings, nachdem die SAMW ihre Richtlinien im Sinne der Behindertenorganisationen geändert hat. Graf zog ihren Antrag zurück und äusserte sich sogar als zufriedengestellt.

Nachdem das Thema mit dem Urteil in Deutschland wieder aufgekommen war, sah es offenbar anders aus. Am Dienstag sagte Graf gegenüber «SRF News», dass sie ihr Anliegen nochmals aufnehmen wolle. «Es braucht politisch breit abgestützte, rechtliche Grundlagen. Sie würden dem Personal vor Ort, das in einer Triage-Situation entscheiden muss, eine rechtliche Sicherheit geben.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die besten Rollstuhl-Verkleidungen

1 / 20
Die besten Rollstuhl-Verkleidungen
quelle: reddit
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Mit dieser Technologie können Blinde das Internet ertasten

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Vorwurf der üblen Nachrede: Aargauer Gericht spricht SVP-Nationalrat Andreas Glarner frei

Der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner ist vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen worden. Das Bezirksgericht Bremgarten AG hiess am Mittwoch den Einspruch von Glarner gegen den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft gut.

Zur Story