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Entgegen bisherigen Prognosen werden selbstfahrende Privatautos zu mehr Verkehr führen, wenn der Staat nicht lenkend eingreift. bild: shutterstock

Darum führen selbstfahrende Autos ohne staatliche Lenkung zu mehr Verkehr

Eine neue Studie zeigt, wie die Schweiz die zukünftige Mobilität aktiv gestalten kann. Das Fazit: Ohne staatliche Regulierung droht mit selbstfahrenden Privatautos noch mehr Verkehr.



Wer soll in einer ausweglosen Situation überfahren werden, eine ältere Person oder ein Kleinkind? Solche ethischen Dilemma stehen im Fokus, wenn es um selbstfahrende Autos geht. Dabei bringt die Automatisierung der Mobilität noch ganz andere Fragen mit sich, die Ethikerinnen und Ethiker als viel dringlicher ansehen.

Wenn Technik und Software das Lenkrad übernehmen, könnte der Strassenverkehr sicherer und ressourcenschonender werden. Oder das Verkehrsaufkommen sogar noch steigen. Die Automatisierung der Mobilität schreitet voran und bringt Fragen mit sich, über die der öffentliche Diskurs noch aussteht.

Eine Grundlage für die öffentliche und politische Diskussion über die zunehmende Automatisierung von Fahrzeugen und ihre künftige Rolle in der Schweiz lieferte die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzungen TA-Swiss am Mittwoch mit einem Bericht. Darin stellten die Fachleute verschiedene mögliche Entwicklungen in der Schweiz in mehreren Szenarien dar.

Selbstfahrende Autos – das sollte man wissen:

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Selbstfahrende Autos – das musst du wissen
quelle: ap/waymo / julia wang
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Mehr Komfort, mehr Verkehr

Ganz zentral für die künftige Rolle automatisierter Fahrzeuge in der Schweiz ist, wie aktiv der Staat die Entwicklung lenkt.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts stellen dementsprechend drei mögliche Szenarien vor (siehe auch folgendes Video).

Soll der Staat die Nutzung selbstfahrender Fahrzeuge regulieren?

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Das Video erklärt drei Zukunftsszenarien mit autonomen Autos. Video: Vimeo/TA-SWISS

Szenario: Individuelle Nutzung selbstfahrender Fahrzeuge

Wie schon frühere Studien in der Schweiz und in anderen Ländern festgestellt haben, würde eine hauptsächlich marktgetriebene Entwicklung vermutlich zu mehr Verkehr führen, heisst es im Bericht. Denn dann läge der Fokus auf individueller Nutzung der Fahrzeuge: Immer mehr Personen würden sich ein selbstfahrendes Auto anschaffen, das auch leer auf den Strassen unterwegs sein könnte.

Auch wer keinen Führerschein besitzt, beispielsweise Kinder oder ältere Personen, die nicht selbst fahrtüchtig sind, könnten sich damit fortbewegen. Was für den Einzelnen vorteilhaft wäre, könnte das Verkehrsaufkommen in der Schweiz deutlich wachsen lassen.

Dieses erste Szenario beschreibt die Situation, in der für selbstfahrende Autos kaum Einschränkungen gelten: Halte sich der Staat zurück und überlasse die Entwicklung allein den marktwirtschaftlichen Treibern, also Autoherstellern und Datenlieferanten und -verarbeitern, drohe erhöhtes Verkehrsaufkommen. Auch könnte dies die weitere Zersiedelung der Schweiz begünstigen.

Szenario: Geteilte Nutzung selbstfahrender Fahrzeuge in Städten

Anders könnte es laufen, wenn der Staat stärker lenkend eingreift, um die kollektive Nutzung selbstfahrender Autos zu fördern in Form eines «öffentlichen Individualverkehrs». Als Ersatz für Busse und Taxis könnten selbstfahrende Fahrzeuge auf Abruf bereitstehen, mehr oder weniger losgelöst von festen Fahrplänen. Ein eigenes Auto wäre dann in Städten unnötig und die Fahrzeuge besser ausgelastet. Dadurch liesse sich das Verkehrsaufkommen in Städten reduzieren und es bräuchte weniger Parkplätze.

Hierbei würde die öffentliche Hand eine aktivere Rolle spielen, indem sie Marktvorteile für eine solche kollektive Nutzung schafft. Allerdings brauche es dafür Anpassungen der Bewilligungspraxis und der rechtlichen Grundlagen zur Personenbeförderung. Im ländlichen Raum bliebe die Entwicklung jedoch marktgetrieben und damit mehr auf individuelle Nutzung fokussiert.

Szenario: Kollektive Nutzung selbstfahrender Fahrzeuge auch auf dem Land

Im dritten Szenario stehen gemeinsam genutzte selbstfahrende Fahrzeuge sowohl in der Stadt als auch auf dem Land auf Abruf bereit. In diesem Szenario würde der Staat die Entwicklung stark lenken, um gemeinsam genutzten selbstfahrenden Fahrzeugen schweizweit einen Vorteil zu verschaffen – auch dort, wo die Nachfrage gering ist. Damit liesse sich der Ressourcenbedarf des Verkehrssystems insgesamt reduzieren und vermutlich einer weiteren Zersiedelung der Schweiz entgegenwirken. Dies würde allerdings den Aufbau eines flächendeckend leistungsfähigen Mobilfunknetzes voraussetzen.

Legt man den Schwerpunkt auf Umweltfreundlichkeit, wäre dies wohl die geeignetere Variante. Sie bedeutet aber eine gewisse Einschränkung der individuellen Mobilität.

Umwelt und Sicherheit versus Freiheit

Genau hierbei stellen sich einige ethische Fragen, wie Tobias Arnold von der Beratungsfirma Interface, die ebenfalls am Bericht beteiligt war, am Mittwoch vor den Medien in Bern erklärte. Wie stark darf der Staat in die individuelle Mobilität und Entscheidungsfreiheit eingreifen, um höhere Sicherheit und eine bessere Umweltbilanz in den Vordergrund zu stellen?

Wären alle Fahrzeuge selbstfahrend, gäbe es keine Unfälle mehr. Zumindest keine durch menschliche Fehler. Aber soll der Staat dem Einzelnen vorschreiben dürfen, ein automatisiertes Fahrzeug zu nutzen, weil dieses sicherer ist als ein nicht-automatisiertes? Und sollte der Staat auch Velofahrerinnen und Fussgänger zwingen dürfen, sich in eine für die Automatisierung notwendige Vernetzung des Verkehrssystems einzufügen?

Damit sich selbstfahrende Autos insbesondere in Städten sicher fortbewegen können, müssten sie nämlich nicht nur untereinander, sondern auch mit anderen Verkehrsteilnehmenden wie Fussgängerinnen und Velofahrern vernetzt sein.

Feste Routen für alle Verkehrsteilnehmer

Zwar können eingebaute Sensoren das Umfeld des Fahrzeugs erfassen, sehen aber immer nur das «Jetzt», wie Fabienne Perret von der Beratungsfirma EBP im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagte. Um sich sicher fortzubewegen, muss das Fahrzeug jedoch auch die Bewegung der anderen Verkehrsteilnehmenden vorhersehen. Auch Fussgängerinnen und Velofahrer müssten somit eine Route angeben, auf der sie sich bewegen wollen und von der sie nicht abweichen sollten. Und dabei Sender tragen, die diese Informationen übermitteln.

Um trotzdem auf spontane Bewegungen reagieren zu können, müsste die Geschwindigkeit der selbstfahrenden Fahrzeuge mindestens im städtischen Raum stark begrenzt werden, so Perret. Ob diese Art der Fortbewegung dann noch attraktiv genug ist, ist eine andere Frage.

Selbstfahrende Fahrzeuge und ein komplett vernetztes Verkehrssystem wecken jedoch noch andere Sorgen in der Zivilgesellschaft, wie der Bericht festhält. Beispielsweise in Bezug auf Hackerangriffe und Stromausfälle. Auch befürchten einige, dass der erhöhte Komfort, den selbstfahrende Autos versprechen, die Menschen noch fauler machen könnte. Zudem stellen Laien an die Technik deutlich höhere Ansprüche als an Menschen: Einem menschlichen Fahrer verzeihe man einen Fehler eher als dem selbstfahrenden Auto.

Konkurrenz für den öV

Das automatisierte Auto birgt also laut Studie auch Gefahren – gerade beim Mischverkehr zwischen selbstfahrenden und von Menschen gesteuerten Autos. Zudem sei bei einem Unfall die Rechtslage unklar. Ebenso, was mit all den gesammelten Daten selbstfahrender Autos geschehe. Dabei gebe es datenschützerische Bedenken. Solche Fahrzeuge könnten auch den öffentlichen Verkehr konkurrenzieren.

Aufgrund dieser möglichen Risiken sind sich die befragten Experten einig, dass schon heute Regulierungen nötig seien. So müssten Haftungsfragen geklärt und auch Sicherheitsstandards festgelegt werden. Auch müsse man sich Gedanken machen, wer künftig ein solches Auto «steuern» darf. Hier schlagen die Experten Aus- und Weiterbildungen vor.

Als zentrale Frage erachten sie jedoch den Grad des staatlichen Eingriffs. Ein «Laisser-faire» würde zu starken Verkehrsverlagerungen vom kollektiven zum individuellen Verkehr führen – und damit zu einer Zunahme der Zersiedelung und einem höheren Verkehrsaufkommen, schreiben die Studienautoren.

Schliesslich ist laut TA-Swiss ein öffentlicher Diskurs über die gewünschte Entwicklung des automatisierten Fahrens in der Schweiz nötig. Ebenso gelte es, ethische Fragen zur Verantwortung bei einem Unfall und zur Erhebung und Nutzung von Daten zu klären.

Ethik-Frage: Die Gefahr der selbstfahrender Autos

Video: srf

Weitere Informationen: Automatisiertes Fahren in der Schweiz: Das Steuer aus der Hand geben?

(sda)

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