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Martullo-Blocher und Burkart fordern neue AKWs – das sagt die ETH Zürich

martullo-blocher AKW SRF Abstimmungen Klimaschutzgesetz
Magdalena Martullo-Blocher sagt: «Wir müssen wieder technologieoffen werden.» Bild: keystone/watson

Exponenten von SVP und FDP wollen jetzt neue AKW – das sagt die ETH Zürich dazu

20.06.2023, 10:1220.06.2023, 10:46
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Aktuell stammen etwa 30 bis 40 Prozent der Schweizer Stromerzeugung aus der Kernkraft. Das Ja zur Klimaschutz-Initiative und das darin enthaltene Netto-Null-Ziel-2050 hat die Debatte über ein Atom-Comeback erneut entfacht – denn laut EU-Parlament ist die Kernenergie umweltverträglich.

Dieser Meinung sind auch gewisse Exponenten des Schweizer Parlaments. So diskutierten die SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher, der FDP-Parteipräsident Thierry Burkart, der SP-Co-Präsident Cédric Wermuth und der Mitte-Parteipräsident Gerhard Pfister in der SRF-Elefantenrunde zum Abstimmungssonntag rege über die Möglichkeiten und Grenzen der Kernkraft.

«Wir müssen wieder technologieoffen werden»

SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher fand in der Sendung klare Worte: «Wir müssen wieder technologieoffen werden. Wir müssen auch die Kernkraft, die fossilfrei ist, die ich persönlich immer propagiert habe, wieder zugänglich machen. Das muss der Bundesrat nun in den sehr schwierigen Rahmenbedingungen von diesem Gesetz machen.»

«Wir müssen weiterhin auf Kernenergie setzen können, sonst haben wir ein gigantisches Problem.»
Thierry Burkart

FDP-Präsident Thierry Burkart stimmte ihr zu: «Wir müssen ehrlich sein: Alles, was jetzt im Parlament ist, also Wind-Express, Solar-Express und der Mantelerlass würden nicht ausreichen, um das zu ersetzen, was wir verlieren würden, wenn wir aus der Kernenergie aussteigen würden. Nicht einmal Beznau würde ersetzt werden. Das heisst, wir müssen weiterhin auf Kernenergie setzen können, sonst haben wir ein gigantisches Problem.»

Burkart ist zudem der Meinung, dass der Bau neuer AKW eine Diskussion ist, die das Schweizer Volk und die Politik noch führen werde. Zentral für ihn ist zudem, dass man die in der Energiestrategie 2050 angedachte Notlösung mit Gaskraftwerken nochmals überdenkt. Er sagt: «Ich glaube, dass das nicht der richtige Ansatz ist unter dem Aspekt der Klimaneutralität.»

Nationalraetin Magdalena Martullo-Blocher, SVP-GR, der Praesident der FDP, Thierry Burkart, FDP-AG, und Moderatorin Nathalie Christen, von links, machen sich im TV Studio des Medienzentrums Bundeshaus ...
In der SRF-Elefantenrunde wurde ausgiebig diskutiert.Bild: KEYSTONE

Co-Präsident der SP, Cédric Wermuth, wehrte sich in der Diskussion vehement gegen den Bau neuer AKW. Er ist sich sicher, dass die Solarenergie der richtige Weg sei.

Er sagte, dass die Visionen und Forderungen der SVP «absolute Wolkenschieberei» sei, wenn man in absehbarer Zeit aus den fossilen Brennstoffen aussteigen möchte. Wermuth ist der Meinung, dass dieses Beharren auf den Bau neuer AKW nur zu weiteren Blockaden führen würde. Der Gesetzgebungsprozess und die Standortfindung sei zeitintensiv, es ginge mindestens noch 15 bis 20 Jahre, bis ein neues AKW in Betrieb genommen werden könnte, hält Wermuth fest.

Das sagt die ETH-Studie

Ob man nun gegen oder für den Bau neuer AKW ist – eine Grundsatzfrage steht im Raum: Ist ein Atom-Comeback überhaupt möglich in der Schweiz?

Laut einem Whitepaper der ETH, welches Ende Mai von der Expertengruppe Versorgungssicherheit veröffentlicht wurde, wäre der Bau neuer AKW eine «gangbare Option», jedoch seien Bau und die Planung aufgrund von «techno-ökonomischen Ungewissheiten» sehr zeitintensiv.

Quelle: Datawrapper

Im Whitepaper wird festgehalten, dass AKW im Betrieb keine Treibhausgase ausstossen würden, deshalb könnten sie die Netto-Null-Ziele der Schweiz unterstützen. Doch gleichzeitig hält die Expertengruppe fest: «Allerdings gehen damit andere ernstzunehmende Herausforderungen einher, etwa die Gefahr nuklearer Katastrophen, die Frage der Atommülllagerung und die Abhängigkeit von Uranimporten.»

Weiter wird erklärt, dass die Versorgungssicherheit sich durch den Ausbau der heimischen Stromerzeugung im Winter verbessern liesse. Alpine Photovoltaikanlagen könnten hierbei eine wichtige Rolle spielen, die Investitionskosten und Auswirkungen auf die Natur seien aber noch ungewiss. Und: Eine weitere Möglichkeit würde die Kernkraft bieten. «Zwar unterstützen bestehende Kernkraftwerke die Umstellung hin zu Netto-Null, neue Reaktoren könnten aufgrund fehlender politischer Rahmenbedingungen sowie unkalkulierbarer Baukosten und -zeiten wohl aber erst nach 2050 in Betrieb gehen», schreibt die ETH-Expertengruppe.

In dem Whitepaper wird zudem festgestellt, dass man die aktuellen Reaktoren am Netz lassen solle, solange sie als sicher gelten und wirtschaftlich betrieben werden könnten. Dies könne die Schweiz bei der Dekarbonisierung bis 2050 unterstützen und auch im Winter einen beträchtlichen Anteil zur erforderlichen Stromversorgung beitragen.

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576 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Jörg Wirz
20.06.2023 10:25registriert Dezember 2017
Ich kann wirklich nur den Kopf schütteln:
Aktuelle AKWs haben ein potentielles nicht kontrollierbares Risiko, Brennstäbe kommen aus Russland, Produktion der Brennstäbe ist alles andere als nachhaltig. Es besteht weit und breit noch kein sicheres Endlager, welches ja auch erst seit 50 Jahren gesucht wird....
Die Befürworter dieser gefährlichen Technologie sind Weltmeister im Verdrängen.
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The Rogue
20.06.2023 10:26registriert April 2020
In Zusammenarbeit mit der Empa hat der VSE(Verband schweizerischer Elektrizitätswerke) eine Studie zur Energiezukunft der Schweiz im Jahr 2050 erarbeitet. Darin steht dass wenn wir jetzt mit erneuerbaren Energien vorwärts machen, keinen neuen AKWs notwendig sind. Bis 2050 steht noch kein neues AKW also haben wir nur eine Möglichkeit: Vorwärts machen anstatt sich mit nonsens beschäftigen.
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Simplicissimus
20.06.2023 10:23registriert Januar 2015
So oder so werden wir die Energieerzeugung und Energienutzung radikal anders machen müssen. So weiter wie in den letzten 50 Jahren geht es nicht mehr.
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